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die Phantasie, wenn sie am Tage kein Privilegium von uns erhält, nicht in Träumen ihr privilegirtes Teater? Warum sollten wir uns dieses Geschenks der natur schämen, wenn nur beim Feuer der Phantasie unser Urteil kalt bleibt? Hätte man mehr als E i n Grab Christi gehabtwürde wohl die werte Christenheit den unwerten Türken dessfalls zinsbar geworden sein? Hat man denn nicht der heiligen Reliquien sehr viele doppelt, drei- und vierfach? und ist es nicht gleich, wenn nur das Andenken von ihnen dadurch befördert wird? Bewahrt man nicht Christi Tränen, und, wenn ich nicht irre, irgendwo einen seiner Seufzer auf? Würde man von den Ueberbleibseln des Kreuzes Christi, die man weit und breit zeigt, nicht einen ziemlichen Palast erbauen können? – Die Wallfahrten zu unsern heiligen Orten werden so gefahrlos sein, dass ohne unsere erlaubnis kein Türke es wagen wird, sich hier anders als wie ein Gast einzufinden; und dann sei er uns willkommen. Der Kosmopolit, der fern von niedrigem Egoismus das Wohl seiner Nation beherzigt, verdient Liebe; allein, wer das Weltwohl umfasst, Verehrung. – An die Erbauung mag ich nicht denken, die hier ein jeder, wenn er Erbauung sucht und dazu empfänglich ist, gar reichlich finden wird. Die guten Werke müssen dem Glauben vorausgehen; nach meinem gläubigen Dafürhalten ist er eigentlich nur da, das Fehlende zu ersetzen. Ach lieber Gemahl! warum sollten wir uns selbst vermessen, besser zu sein, als wir sind? Der Mensch, man sage was man will, hat eine überwiegende Neigung zum Bösen. Gott weiss, wie er dazu kommt! – – Wär' ich eine eben so grosse Freundin von der Erbsünde, wie du, Geliebter, ein Freund von dem Erbadel bist, ich würde in die Anfechtung fallen, sie in mein Credo zu nehmen. Und Gott! welch ein Ziel, zu dem wir verpflichtet sind! Ein Ziel, das wahrlich so leicht nicht zu erringen ist! – Wer hat es bis zur Heiligkeit gebracht? ausser in seinem Titel, nach welchem dir, mein Gemahl, zum Beispiel, ein zwiefaches H e i l i g gebührt. Das Ziel der strengsten Gewissenhaftigkeit ist unsere unablässige Pflicht; und wird diess Kleinod ohne den frischen stärkenden Hauch der edlen Empfindungen zu erreichen sein? Ist es nicht eine Schande, das Ziel zu kennen, Kraft zu haben, und doch nicht an Ort und Stelle zu kommen? – Hätte der Gastvetter nur die ersten Spuren zu diesen heiligen Oertern entdecktwürde' er wohl so. kopfschen gewesen sein? Was sah er jetzt? Schwert, Speer und Lanze und eine Kreuz-Sammlung, die nicht zu verachten war, gegen die heiligen Oerter aber wie gar nichts ist. – Zwar sind d i e selig, die nicht sehen und doch glauben; indess geht s e h e n v o r s a g e n . Und siehe da! Geliebter meiner Seele! Wir werden Verdienste besitzen, ohne die Eifersucht aufzuregen, und unschuldiges Vergnügen geniessen, ohne Feindschaft zu bewirken. – Können Dichter die tiefste Einsamkeit beleben, und (nach der Versicherung eines von ihnen) Zungen in Bäumen, Bücher in Bächen, Predigten in Steinen finden: wie weit herrlicher wird unser Plan ausfallen, wenn wir bei der edelsten Musse, die uns Gott und der Emsige machte, und die uns erlaubt, wir selbst zu sein, die Seelen der Vorzeit einladen werden, in diesen elysischen Feldern umher zu wandeln! – Ruhm und Ehre in der grossen, weiten und breiten Welt, und auf derselben Kreuz- und Querzüge, sind den Kapitalien gleich, die, so wie die Mitgaben geiziger Schwiegerväter, nicht eher als nach ihrem Ableben bezahlt werden. Mein Vater, der Emsige, nicht also! – Was hilft der Nachruhm? Ich bin für den Vorruhm, den ich noch im Leben geniesse, und der, ob er gleich ein geistiger Genuss ist, dennoch die Güte hat, auf meinen Credit und meinen Magen Einfluss zu behaupten. Wohl uns, lieber Gemahl, dass wir hier Vorruhm ernten können die Hülle und Fülle, ohne dass wir fürchten dürfen, an Stelle und Ort lächerlich zu werden! Hier wird kein Schauspieler, keine Schauspielerin unser Gesicht, unser Auge, unsern gang, oder den Schnitt des Kleides oder deiner Mütze leihen, um uns, wie den Sokrates in den Wolken, lächerlich zu machen.

Weib, fiel der Ritter ein, von Stunde an sollst du nie schweigen in der Gemeine! Und hinge es von mir ab, du solltest 16 und 32 Ahnen haben, weil du sie mehr als zehn andere verdienst, die damit ausgestattet sind. Längst war dieser Anbau der geheimste Gedanke meiner Seele; doch wusste ich nicht, ob er bei dir auf ein erwünschtes Land fallen, und, wie es am Tage ist, tausendfältige Früchte bringen würde. Wie viele Jahre haben wir ungenutzt dahin sterben lassen, und wie viel weiter würden wir sein, wenn wir früher angefangen hätten! Was sind die dürftigen Ueberbleibsel der Johanniterordens-Ritterschaft gegen einen solchen Anbau? Was jener Detailverkehr gegen diesen Handel en gros? Die ärzte leiten Flüsse, die sie nicht vertreiben können, an minder gefährliche Orte ab; – warum soll ich über den meinigen einen Stab brechen, da er mich nicht mit heroischen Mitteln, sondern durch eine Mütze im Geleise erhält? Ich werde in kurzem alles, was noch anziehende Reize für mich hatte und was