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so weit? Lasst uns das Leben lieben und auch den Tod! Lasst uns den Tod fürchten und auch das Leben! Diese Lehre hat uns Pastor loci, der zwar kein Gastvetter ist, doch aber gar wohl auf Secunda zu sitzen verdient, in einer Homilie ans Herz gelegt! – Der Mensch ist einmal an Tag und Nacht gewöhnt, und so wechselt es bei ihm wunderlich. Seine beste Tageszeit ist die Dämmerung, wo die Furcht mit der Liebe, und die Liebe mit der Furcht in Streit ist. – Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen. – Eine Eiche bleibt, auch wenn sie hingerichtet ist, eine Eiche, und eine Ceder eine Ceder. Stände, das hoff' ich, werden auch in der andern Welt sein. Es gibt deren unter guten und unter bösen Engeln; und der Gast sage, was er wollewer im irdischen Jerusalem als Edelmann treu befunden wurde, wird auch als Edelmann eingehen im himmlischen Jerusalem gegen Eldorado, wo Gerechtigkeit wohnet. – Wer Weizen säet, erntet Weizen. Roggensaat und Hafersaat tragen homogene Früchte. – Eine andere klarheit hat die Sonne, eine andere der Mond, eine andere die Sterne. – E i n K r e u z i s t d e s S t e r n s F u n d a m e n t , und ohne K r e u z und Leidenwas wird gross und was kann gross werden? Was kann in der natur ohne Kreuz bestehen? was in der Kunst? Der Mensch und seine wohnung ist kreuzweise. – Necket eure hände aus einander, und ihr seid ein Kreuz. – Wer es hört, der merke darauf! – Ich freue mich, meine. Lieben, dass ich diese Vorlesungen mit dem Gedanken schliessen kann, euch ein Licht in mancher Dämmerung angezündet zu haben. Auch habt ihr wohl gefunden, dass ich unvermerkt hier und da den edlen Gast freundvetterlich zu widerlegen gesucht! – Seine Grundsätze von Selbstadel verdienen vor allen eine Prüfung. – Gar zu scharf macht schartig. – Gott ist von natur gut, Menschen müssen es durch Erziehung werden; – und leisten da nicht Geburt und Ahnen herrliche Dienste? Eben darum in allen deutschen Titeln (bis auf die fürstlichen, denen ich auch das Wort zu reden nicht gesonnen bin) das Wort g e b o r e n . Originale sind schön, sagt man, und selbst wenn sie zu weit gehen; ihre Fehler sind besser, als die Schönheiten mittelmässiger Menschen. – Mit oder ohne erlaubnis des Herrn Vetters, ich nicht also! Die Ehre ist in die Originale verliebt, nicht Originale in die Ehre. – Ist denn da der Unterschied so gross? – Ich sollte denken. Muss man denn entweder der Ehre nachlaufen oder von ihr gesucht werden? Warum immer Extreme, lieber Gastvetter?

Nach dieser Rede, welche der Ritter unvorbereitet hielt, so dass das Feuer in seiner ersten Kraft wirkte, und nach verschiedenen Postscripten von Vorträgen, welche er noch auf seinem Herzen und Gewissen hatte, brach die Ritterin in Begeisterung aus, und redete wie folgt: Mein teuerster Gemahl! Es gereicht dir zu keinem Vorwurf, dass du nicht am heiligen grab und in Jerusalem gewesen bist. Du hast uns durch die Macht deiner Zunge und den Nachdruck deines Geistes bis ins Allerheiligste gebracht, wo nur dem Hohenpriester im alten Bunde die erlaubnis des Einganges nachgelassen war. Du hast frei herausgeredet, und nicht wie die alten Orakel und manche verfehlte Witzköpfe, die sich mit Zweideutigkeiten abgaben und noch abgeben. – Da die heiligen Oerter nicht auf dem Wege nach Sonnenburg liegen, so würde ein Umweg dieser Art zu einer Zeit, wo das strenge Wechselrecht dich unbarmherzig verfolgte und gar sehr erbittert gegen dich war, einer der unheiligsten Gedanken gewesen sein, der dich hätte anwandeln können; und auch jetzt, da sich das Blatt jenes strengen Wechselrechtes gewendet hat, legen sich dieser Reise die wichtigsten Bedenklichkeiten wegen deiner Mütze, deren du nicht ohne die betrübtesten Folgen entbehren kannst, in den Weg. Ohne wirkliches Wunder, welches im neuen Bunde nicht zu erwarten ist, bleibst du bei uns und bei deiner Mütze, die dir gewiss nicht schlechter steht, als irgend einem Bischofe, dem sein teil unter den Gläubigen oder Ungläubigen beschieden ist. Der Hildebrandismus hat unsere Bischöfe und Aebte mit Inful und Stab verherrlicht; deine Mütze hat die natur dir aufgesetzt. – Auch bin ich mit deiner Resignation, nichts in originali sehen zu wollen, um so zufriedener, da dein Sohn ErziehungsInstruktionen braucht, wovon du schon so manches Meisterstück geliefert hast. über das sechste Gebot bist du hinaus, lieber Gemahl; und ich müsste deine Umstände weniger kennen, wenn ich nicht dieserhalb eben so sicher, wie im Schoosse Abrahams, sein wollte. Wie wär' es indess, wenn wir jene h e i l i g e n O e r t e r in effigie darstellten? Denn wenn auch nicht die vornehmsten regierenden Herren unsere Gevattern wären, so fänd' ich doch bei dieser ganzen unschuldigen Sache keine Bedenklichkeit von Gottes- und von Staatswegen. Das Geld bleibt nicht nur im land, sondern wenn Fremde aus fernen Staaten nach diesen Heiligtümern wallfahrten, muss die Geldmasse im land sichtbarlich steigen. – Reizt die Wahrheit wohl, wenn sie nicht mit etwas Ceremoniell, mit Kunstwörterkram, oft selbst mit Wahn, ausgeziert ist? Hypotesen spielen in der Philosophie eine nicht kleine Figur; und eröffnet