stehen; vielleicht sind wir mit den Unsichtbaren verbunden, ohne dass wir es wissen. – Der Gast, der uns erschien – noch erscheinen uns nicht entkleidete Geister, sondern Geister mit Körper umgeben – war er nicht Geist? und wer kann es läugnen, dass er uns nicht Worte, sondern Gedanken zurückliess, die ich, so lange die Augen meines Geistes und meines Leibes offen sind, nicht vergessen werde, bis ich gegen Eldorado komme, welches unter der Erde ist! – Hätte er weniger, wie der jüngste Tag, gerichtet die Lebendigen und die toten, er würde mir lieber sein; erhabener kann er mir nicht werden. Wir wollen sein gedenken, ob er uns gleich manche Dämmerung durch sein Licht verdorben hat. Denke sein, Jüngling, den er so fest an sein Herz drückte, als er segnend von hinnen schied! Denke sein, Weib und Mutter, und lass ab von deinen Bitten an die Himmlischen – die so dringend waren, dass man inbrünstiger nicht beten kann, als du die Geister citirtest! Doch bist du nicht die Erste, welche das heilige Grab der Welt und allem, was darin ist, entriss! Lass uns, e d l e R i t t e r i n , zufrieden sein mit dem, was da ist, mit dem, was uns Gott gab, und mit dem, was er uns entzog. Diese Ordenskleider sind nicht für unsern Sohn; doch wird auch er nicht im blossen bleiben, sondern seinem ihm beschiedenen Teile nicht entgehen. Kleider erwärmen uns, sagte der Gast, nur in so weit unser Körper ihnen Wärme erteilt, ob sie gleich die Windbeutelei haben, diese Wärme für ihr Eigentum auszugeben. – Der Leib ist das Kleid der Seele. Es gibt ein Ziel, das jeder erreichen kann; das Z i e l d e r V e r n u n f t und d e r M e n s c h h e i t . – Sohn! ringe, da du das Johanniterkreuz zu erhalten nicht im stand bist, dass du doch diesen olympischen Kranz erreichest, wozu Gottes heiliger Geist dir seine Gnade, seine Kraft und seinen Beistand verleihen wolle! Vergiss nicht die weisen Lehren des Gastvetters, die, das Bittere abgerechnet, vorzüglich d i r nützlich und selig werden können. Mancher, sagte der Vetter, hängt einen Kranz aus, weil sein Wein schlecht ist. Der dürftigste Gastwirt nimmt sich die Freiheit, Heinrich IV. als Schild auszuhängen, und das feierlichste Gesicht verbirgt einen Alltagskram von Kinderspiel und Puppenwerk. Der Virtuose putzt sein Instrument nicht; der Gelehrte lässt seine Lieblingsbücher broschiren, und nur der Ehemann das Portrait der Frau Gemahlin in einen goldenen Rahmen fassen: der Liebhaber nicht also, um das Bildniss seiner Geliebten überall mitnehmen zu können. – Das deinige, liebe Sophie, ist ungefasst. – Ich schliesse mit Worten aus dem Schatzkästlein des Gastvetters: d i e V e r n u n f t i s t u n s e r S c h u t z g e i s t . Befrage sie, und denke ans Ende, so wirst du nimmermehr Uebles tun! –
Das ganze Auditorium schwieg; und wenn es überhaupt Geister gibt, und wenn von ihnen wirklich einige gegenwärtig gewesen und diese Unsichtbaren anders gute Engel sind, so müssen ihnen die hellen Tränen in den Augen dieses Kleeblatts, wovon immer eine nach der andern den Augen entzitterte, gefallen haben.
Was ist – fing der Ritter nach einer Weile an – was ist unsere Pflicht in jeder Dämmerung, und besonders heute in dieser Dämmerung, da wir unsere Vorlesungen schliessen? Zu denken an die Dämmerung aller Dämmerungen: zu denken, dass unser Leben ein Ziel hat und wir davon müssen. Wenn wir unsterblich wären; wenn unser Sohn nie zum Besitze dieses Schlosses und seiner Kreuze kommen könnte; wenn meine Hauptflüsse, derentwegen ich die Mütze trage, nie ein Ende gewönnen, ach! dann würde' ich deiner Geistercitation beitreten; jetzt aber, da wir nach diesem Leben noch sein, und, wie wir nach der Liebe hoffen, die Ehre haben werden, vielleicht nicht mit grösseren, aber b e s s e r n Wesen, als die Menschen sind und jemals sein können, Bekanntschaft zu machen und uns ihnen anzuschliessen – j e t z t – ein grosses Jetzt! – lasst uns bei der Todtenfarbe dieser Ordenskleider uns freuen, dass Tage unsrer warten, wo Kopfflüsse und aller Jammer und alles Elend aufhören! Der Tod – wer kann es läugnen? – ist ein Türke, der sich überwinden lässt; allein dieses Leben, wenn es ewig wäre, würde uns mehr zu stehen kommen, als wir haben und auftreiben können. Warum wollen wir so lange am Ufer weilen und uns besinnen? – Frisch gewagt ist halb gewonnen! – Hinüber! – Es ist ein Gott – und es ist sein Funke in uns. Getrost! – Wer ein reines Gewissen hat – was darf der fürchten? Lasst uns nicht vergessen, dass der, welcher uns diesseits so viel Gutes zuwandte, uns jenseits nicht aufgeben wird! – Tugend bedroht Wind und Meer, und es wird stille! gewonnen! Der Gast sagte: Nicht die Liebe zum Leben, sondern die Furcht vor dem tod, macht, dass man sich an das Leben hängt. Vielleicht könnte man es dahin bringen, dass man das Leben fürchtete und den Tod liebte. – Warum