so sehr man sich auch Mühe gab, die eigentliche Ursache zu ergründen, welche die Fingerlein bewogen haben könnte, diese Wanderung vorzunehmen, so war dennoch dieses geheimnis nicht zum Stehen zu bringen. Man hielt die Familie in dem schloss, dem die Fingerlein den kleinen rücken zugekehrt hatten, für eine der glücklichsten im land, ohne dass sie wusste, wie sie zu diesem Segen kam. Was sie anfing, ging fort, wie die Weiden an den Wasserbächen; – ihre Rechnung war ohne Wirt gemacht, und doch richtig. Selbst der Neid schwieg. "Der Himmel gibt es ihnen im Schlafe;" mehr getraute er sich nicht ihnen nachzureden. O, des beneidenswerten Glücks! Nach dieser böslichen Verlassung ging es der Familie nicht viel anders, als dem Kreuz- und Querträger H i o b ; doch mit dem Unterschiede, dass sie nicht wie er zu sagen vermochte: Ende gut, alles gut. Man konnte nicht ausfahren, ohne ein Rad zu brechen; nicht bei dem Fürsten des Landes essen, ohne von einer bauchlauten (ventriloque) Kolik übel geplagt zu werden. Ward etwas Kluges gesprochen, so überfiel die Cavaliere ein so schläfriges Gähnen, dass sie wegen dieser Idiosynkrasie zum Sprichwort wurden. Gegen die fräulein, die sich so geheim zu halten wussten, wie eins im land, hatte man, der äussersten jungfräulichen Behutsamkeit ungeachtet; in puncto puncti gar übel Verdacht, so dass nicht Stern, nicht Glück weiter, in der Familie war. Der Name dieser verlassenen Familie ist nicht mehr unter den Lebendigen, und hauset nur noch auf Leichensteinen und in Gebeinhäusern, wo man, wiewohl doch nur sehr verstümmelte Ueberbleibsel ihrer vorigen Bedeutung findet; – denn selbst im grab hörte die Rache der Unterirdischen diessmal nicht auf! – Diebe haben die Hauptstücke dieser Grabesherrlichkeiten verfälscht und Donner und Blitz sich an den Ruinen auf eine so gewaltsame Weise vergriffen, dass diese Ruinen (wenn man den elenden Ueberbleibseln ja diesen Ehrennamen verstatten wollte) nur Schrecken und Rache verkündigen. – Einer von den Fingerlein, und wie man sagt nicht der geringste, kam zum Grossvater des Adam Sem Ham Japhet Freiherrn von Rosental früh Morgens um drei Uhr. Den eigentlichen Tag hat man nicht ausfindig machen können; indess soll es entweder der kürzeste oder der längste im Jahre gewesen sein. Sonst wird bemerkt, dass die Fingerlein in der Regel des Morgens zwischen zwei und drei Uhr ihren Anzug zu melden und zwischen elf und zwölf Uhr Nachts Abschied zu nehmen gewohnt wären. Sie wurden von dem Grossvater mit Freuden auf- und angenommen; wer wird sich auch nicht freuen, Gäste in seinem haus zu haben, die mehr einbringen, als kosten? Man hört, man sieht sie nicht; bloss Sonntagskindern war es gegeben, sie zu erblicken, und nur diese wussten ein Wort von ihnen zu seiner Zeit zu erzählen. Zwar gaben sie keine verabredete Miete; indess strömte dem Grossvater Geld und Gut von allen Ecken und Enden zu, er und sein ganzes Haus gingen auf einer Art Rosen, die keine Dornen hatte, man lebte, wie man sagt, in floribus. – Der Grossvater, ward d e r G l ü c k l i c h e genannt, und all sein Dichten, all sein Trachten ging herrlich von statten. Die Erbschaft dieses Glückes fiel seinem Sohne glücklichen Andenkens zu, und auch sein Enkel Adam Sem Ham Japhet grünte und blühte, so dass der Wohlstand der von Rosentalschen Familie weit und breit bekannt und des Redens und Singens darüber kein Ende war – Sela!
So war und blieb es, bis ein durchlauchtiges Beilager unter den Fingerlein sich ereignete, der erste Vorfall dieser Art, den man bei Familiengedenken erlebte. Zwar sind es bloss Bruchstücke, die man von der Sache weiss; ist es indess überhaupt mehr als Bruchstück, was von den Fingerlein mit Bestand Rechtens gewusst und erzählt werden kann? Selbst da, wo sie wohnung machen, haben nur drei, sieben, höchstens neun und allerhöchstens zehn von dem geheimnis ihres Aufentalts Wissenschaft. Das geheimnis der Zahlen ist nicht jedermanns Ding. Die wenigsten Menschen verstehen D r e i z u z ä h l e n ; Geweihte kennen S i e b e n u n d N e u n , und Auserwählte, deren es in der ganzen Welt nicht über d r e i , höchstens s i e b e n , geben kann, haben es bis Z e h n gebracht. Die z a h l r e i c h e n Betrachtungen, die meine Tradition bei dieser gelegenheit preisgibt, muss ich übergehen, um den extraordinären Gesandten, der des Morgens zwischen zwei und drei Uhr am freiherrlich von Rosentalschen Ehebette seine Cour machte, nicht länger warten zu lassen. Unser Herr Adam Sem Ham und Japhet legte bei dieser gelegenheit keinen Beweis der ihm beiwohnenden Entschlossenheit ab; denn er fiel, unter uns gesagt, in ein so panisches Schrecken, dass die Frau Gemahlin ihm ein Riechfläschchen holen musste. Auch wär' er sicher und gewiss in seinen Sünden geblieben und auf der Stelle Todes verblichen, wenn etwa, Gott sei bei uns! ein Riese als Gesandter erschienen wäre. Se. Excellenz verbaten mit unausdrücklicher Höflichkeit diese Riecherei, da sie Dero Nerven zu sehr angriffe; und es war ein Glück, dass unser Adam Sem Ham Japhet sich schon von selbst erholt und frischen Mut geschöpft hatte, würde er sonst wohl im Staude gewesen sein, Nase und Ohren zu öffnen, um