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Adel sein Schild einwürde nicht der Bannstrahl gelegentlich das Regiment verlangen? Alles ohne Unterschied würde dann w i r k l i c h e Heerde und jene Herren w i r k l i c h e Hirten sein, da jetzt der Edelmann so gut und oft mehr ein Schaf ist als die Schafe, die er weidet. – Neid, Hoffart, Zank, Zwietracht, Rotten, Saufen, Fressen und die schamlose Begierde sich über andere zu erheben, gingen mit dem Tiger, dem Drachen und Löwen, mit Wölfen und Bären paarweise aus dem Kasten Noä, und da sie nicht in der Sündflut ersäuft worden sindwer kann sie vertilgen von der Erde? – Die natur tut ihr Mögliches, sie lässt alle frei geboren werden. Alle reden von der Freiheit, aber alle sind Sklaven. – Welcher Despotismus ist besser: der weltliche oder geistliche? Jener hört mit dem Leben auf, dieser erstreckt sich bis jenseits des Grabes in alle Ewigkeit! Jener straft, wenn er aufgebracht ist, dieser kreuzet und segnet eine vergiftete Hostie, umarmt uns, dass er uns desto gemächlicher und kälter den Dolch ins Herz stossen kann, küsst uns, um zu verraten, macht uns ein Hocuspocus, um uns während der Zeit, dass wir auf seine wundertätigen hände sehen und sie wohl gar ehrerbietigst küssen, die Taschen leer zu machen, nimmt uns alles Irdische gegen das Himmlische, baare Summen gegen Papiergeld und eine Assignation auf die andere Welt. Nicht auf dieser Welt ist Glück und Freiheit, sondern in Eldorado! und Eldorado liegt unter der Erde. – Ja, Vetter, nirgends anders als unter der Erde –!

Ich will abbrechen. Unser Gast, das wird man leicht finden, ist kein ewiger Jude, kein Pilgrim und Fremdling, der Verstand und Willen sucht; es ist ein G a s t a u f E r d e n , der gern B ü r g e r würde, wenn er nur die Stadt Gottes fände, um hier das Bürgerrecht gewinnen zu können. Er ist es wert, dass er, wenn nicht als ein solcher Bürger, so doch als W i r t h in dieser geschichte erscheine. – Jetzt kurz und gut: – er ass mit unserm Ritter und seiner Familie an der runden Tafel, sah die aufgepflanzten Ordenszeichen und die vielen Kreuze, und schied nach einem Mahl voll Wohlgefallen von dannen! – Tun Sie, sagte er zu dem Ritter, was Sie nicht lassen können. Gott stärke alle brave Menschen, die auf der Oberfläche des Erdbodens zerstreut sind! – "Und segne Sie!" erwiderte der Ritter. Mein Held liess kein Auge von diesem Vetter, dessen Ungewöhnlichkeit ihn ausserordentlich fesselte, und gewiss entging auch er dem gast nicht, der alles, was beobachtet zu werden verdiente, zu Kopf und Herzen nahm. – Unser Held schien den Gast sogar zu interessiren. – (Warum bat man diesen s e l t e n e n Gast nicht, die väterliche Instruktion zu prüfen und zu ergänzen?) "Und die Ritterin nicht auch?" Ist das eine Frage? Syphie konnte, ihrer Stern- und Kreuzseherei ungeachtet, bei jedem klugen Mann auf Verehrung Anspruch machen, und der Vetter glaubte sich durch ihre Bekanntschaft für die Beschwerlichkeiten seiner Wallfahrt völlig entschädigt.

Ehe wir aus dem Licht in die Dunkelheit zurücktreten, muss ich bemerken, dass der Vetter natürlich dem Ritter in sein Collegium solche Kreuz- und Querstriche gezogen hatte, dass dieser, er mochte wollen oder nicht, den Pastor loci zu hülfe rufen musste, um die etwas hart gezogenen Striche vermittelst eines scharfen Federmessers auszuradiren, und durch die Güte des wohltätigen Bleiweisses die Stellen wieder auszuweissen. Freilich eine tiefe Demütigung für unsern Ritter, indem der ungeweihte Pastor loci dadurch zum Ordensvertrauten auserkoren ward! Indess tröstete sich der Ritter über diesen Umstand so gut er wusste und konnte, und dankte dem Himmel, dass er dem, obgleich nicht mehr unpolirten Sohne eines Schneiders nicht in die hände fallen dürfte, da dieser ihm bei dem allen doch noch zu jung zu einem so wichtigen Zutrauen schien, das gewiss drei Worte in und zu seinem Dienste haben wird. – Jerusalem und das heilige Grab waren und blieben dem Ritter und seinem erkornen Waffenträger, dem Pastori loci, die Aepfel, die er auf dem glühenden Ofen der Einbildung briet. Wie wär' es, wenn ich auf dem Brevier des Ritters et Compagnie, noch ein Brevier machte, und wenn wir mit kalter Uebersehung aller Seiten- und Nebensprünge in ein paar Abenddämmerungen (pro hospite) als Pilger und Fremdlinge gingen, ohne im mindesten den Leuchter von seiner Stätte zu nehmen und dadurch Lehrer und Hörer, welches letztere unser Held und seine Mutter waren, in ihrer Ordensandacht zu stören? –

Das Wunderbare tut auf Kinder eine unfehlbare wirkung, so wie das Tragische auf den Jüngling; der Mann liebt das Lustspiel, und im hohen Alter steigt man den Berg hinunter, den man hinaufgestiegen war, bis man wieder ein Kind wird und von Fingerlein erzählt und erzählen hört. Das Kreuz, das unser Held bei der ritterlichen Nottaufe beides an der Stirn und an der Brust empfing, und die Kreuze, welche ihm mit der Milch eingeflösst wurden, hatten eine Art von Eindruck in sein Gesicht gefurcht, und demselben eine gewisse Feierlichkeit, eine Kreuzesform einverleibt, welche der Hofmeister anfänglich als ein Werk der Not, nachher aber als ein Werk der Liebe, pflegte