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ist es doch auch wahr, dass jeder Schwache noch einen Schwächeren findet, an dem er zum Ritter zu werden, wo nicht Ueberlegenheit, so doch das Glück hat. Wer den Löwen mit einer gewissen Art auszusprechen im stand ist, scheint sich wenigstens so etwas von Löwen eigen zu machen, was für den ersten Anlauf gilt; und so gibt es eine Art Löwenworte, die ein gewisses königliches Gebrüll an sich haben.

Die D ä m m e r u n g s s t u n d e des Ritters hiess Einbildung stark gewürzt, welches überhaupt ein Rosentalsches Losungswort schien, so wie das Wort F r e i h e i t das Schlagwort, der Wahlspruch des Volkes ist. Einbildung, pflegte der Ritter zu sagen, ist der Tron der Menschheit, den kein regierender Herr, kein Tyrann angreifen kann. Sie ist zollfrei. Der Tyrann selbst hat den Eid der Treue an diesem Trone geleistet und dieser Menschenalleinherrscherin gehuldigt. Ohne das Glück, hier ein Untertan zu sein, wäre der Fürst unglücklicher als sein letzter Sklave. Man könnte die Einbildungskraft einen Hang zur Unwahrheit nennen, den alle Menschen haben. – In der Bibel werden alle Menschen Lügner genannt. – Oft scheint die Unwahrheit sogar das Gewürz zu sein, welches der Wahrheit den Geschmack beilegt. – Die meisten Worte sind Lügen; und wo ist der Denker, der sich diese Wortlügen nicht zu Schulden kommen lässt, der nicht in Gedanken aufschneidet?

Der Gegenstand der geheimen Stunde, welcher sich indess bei der Ausführung gar sehr verkleinerte, war nichts Geringeres, als eine geschichte der in Europa verblühten und noch blühenden Ritterorden, welche der Ritter mit einer solchen Lebhaftigkeit, wiewohl in nuce – (in einer Nuss, ob einer aufgebissenen oder nicht, wird die Folge lehren) vorzutragen Willens war, dass sein Vortrag von einer wirklichen Ordensaufnahme nicht sehr verschieden sein sollte. Diess Ding von Wichtigkeit hatte wenigstens dreimal drei Worte in und zu seinem Dienste. – Ein grosser Stein des Anstosses ward dem dämmerungsschwangern Baron und seiner Ritterstunde in den Weg gelegt, und welch ein Ding von Wichtigkeit hat deren nicht drei und dreimal drei aus dem Wege zu räumen? Hier war der Stein des Anstosses und der Fels des Aergernisses ein tertius interveniens, ein wackerer Edelmann, der diese Strasse absichtlich zog, um mit unserm Ritter eine Lanze zu brechen. Dieser Gast war kein geschlagener, allein, wie unser Ritter es sein gab, ein beschlagener Cavalier, der sein Ring-, Kopf- und Qwitenrennen, Freibalg und Scharfrennen und was man sonst in unsern gesitteten zeiten zum Turnier rechnet, keck und wohl verstand, und der diese Reise, wie man nachher aus vielen Umständen schloss, vorzüglich aus Neugierde unternommen hatte, um zu sehen, was an den Funken sei, welche der Ruf von unserm Ritter und seinen ritterlichen Anlagen weit und breit umhergeschlagen hatte. Da alles, was ins Abenteuerliche fällt oder schlägt, das Schicksal hat, übertrieben zu werden, so ging es auch dem Ritter und seiner Burg nicht anders. Man hatte behauptet, er habe sein Kind, das wirklich maustodt gewesen sei, durch eine besondere Art von Taufe auferweckt; in seinem schloss wohne die Kraft, weibliche und männliche Unfruchtbarkeit in ein tausendfältiges fruchtbares Erdreich, Spreu, die der Wind zerstreut, in Weizen zu verwandeln, unedle Metalle in edle umzuschaffen und an Menschen und Vieh vermittelst des heiligen Kreuzes Wunder zu tun, die bei Menschengedenken nicht gesehen und gehört, und in unsern letzten zeiten nur etwa von G a ss n e r n , dem C a f f e t i e r S c h r ö p f e r und wenigen andern höchst seltenen Menschen bewirkt worden. Der Gast war zu fein und zu gutdenkend, um eitle Neugierde aus seinem Besuche hervorschimmern zu lassen. Er kam, sah und schämte sich, es bei dieser Angelegenheit auf eine Wette angelegt zu haben, die schon a priori unmöglich anders, als wie es am Tage z.e.w., ausfallen konnte. Als weitläufiger Verwandter des baron fand sich gar bald der Apellessche Vorhang, der philosophische Mantel, und der Anstand, womit er seine Blösse deckte. Hier ist ein Extract ihrer Kreuz- und Querzüge über Licht oder Wahrheit, Freiheit, Gleichheit, Ordenswesen oder Unwesen u.s.w. Ich will mit Fleiss in diesem Extract nicht bezeichnen, was dem Gastvetter und dem Ritter zugehört. Wir werden finden, dass ein tertius interveniens dieser Art im stand war, unserm guten Ritter eine herrliche Wendung beizulegen!

Bestehen die Wappeningredienzien nicht aus dem Wesentlichen, Modischen und Zufälligen? Hat nicht jedes Ding von Wichtigkeit drei, und wenn das Glück gut ist, dreimal drei Worte in und zu seinem Dienst? und gibt es nicht bei jedem Dinge von Wichtigkeit eben so viele Hindernisse wegzuräumen –? W e i s h e i t , R e i c h t h u m (sonst auch S t ä r k e , V e r m ö g e n genannt) und S c h ö n h e i t sind die drei Hauptwünsche, wozu alle Menschen sich neigen. Wenn diese drei Hauptbegierden alle in liebenswürdiger person, in Eva's Gestalt, erscheinen; wenn dem Adam gesagt wird, dass er nur Einer huldigen könne, und ihm die Wahl überlassen bleibt, welcher von diesen dreien Even er den unteilbaren Huldigungsapfel, wie der Sultan das Schnupftuch, zuwerfen wolle: ist es nicht