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wenn Gott Leben und Gesundheit verleiht, WappenKönig werden? – Nein, erwiderte der Junker, Wappen-Kaiser. Dieser Kaiserschnitt von Antwort setzte den Hofmeister in eine nicht geringe Verlegenheit. – Wer Menschen kennen lernen will, muss sie nach ihren Wünschen beurteilen, fing die Baronin an. Heil mir, dass ich Mutter ward! Beim Wunsche zwingt man sich nicht; man glaubt keinem in seine Grenze zu fallen. Die grösste Unbescheidenheit findet man verzeihlich, und das Gebot: du sollst nicht begehren, scheint bei weitem nicht auf Wünsche anwendbar zu sein. – Zwar sollten nach Art der Examinum dem Junker gelehrte Daumenschrauben angesetzt und er über einige Special-Artikel peinlich vernommen werden; indess hatte der Hofmeister, wie wir aus der kritischen Frage vom Wappen-König ersehen, sich schon in die Zeit schicken lernen; und anstatt aus dem Crestand eine Balanz zu ziehen, wusst' er es so zu kehren und zu wenden, dass die Frage die Antwort, und die Antwort die Frage entielt. Eine Hand wusch, wie in unseren Katechismen, die andere.

Das römisch-kaiserliche Wappen ward gar zierlich zerlegt, wobei der Ritterin der zweiköpfige Adler, seiner Zweiköpfigkeit ungeachtet, nicht missfiel. Des vierten Quartiers sechzehntes silbernes Feld brach Sr. Hochwürden das Herz. Die Worte: "im sechzehnten silbernen feld ist ein von vier kleinen in den Seitenwinkeln besetztes goldenes Krückenkreuz wegen Jerusalem," kamen kaum zum Vorschein, als ein Examen-, Waffen- und Wappen-Stillstand einbrach, und alles mit dem Worte: "J e r u s a l e m " sich endigte.

Der Hofmeister, der bloss ex libro doctus war, dankte nun freilich dem Himmel, dass er so unversehens den rechten Fleck getroffen hatte; indess tat es ihm herzinniglich leid, dass er seine Schlussrede, welche von den redenden Wappen handelte, nicht anzubringen gelegenheit fand. Er setzte sich dieser Rede halber vieler Gefahr aus, und wagte einige Saracenische Ueberrumpelungen, konnte aber gegen die Tapferkeit unseres Ritters nicht aufkommen. Bloss an der Tafel hatte er gelegenheit, den Inhalt seiner abgeblitzten Schlussrede anzudeuten und ad unguem zu zeigen, worin er das Wesentliche, das Zufällige und das Modische des Rosentalschen Wappens setze. Diese Dreiheit führte ihn überhaupt auf die drei Ingredienzien eines Wappenrecepts, und zu einer lehrreichen Unterhaltung. Zum Wesen, wenn anders diese Kunst ein Wesen hat, rechnete er, wie Rechtens, das Feld oder den Schild, die Tinkturen und die Figuren; zum Modischen den Helm, die Helmzierraten, und zu dem Zufälligen, das nur einigen Wappen zusteht, die Standes- und Ordenszeichen, Schildhalter, Wappenzelte und Mäntel, Sinnsprüche, Familienparole, Symbola. Wie schrecklich unser Ritter mit seiner Lanze bei dieser gelegenheit über die Mode herfuhr und ihr den verdienten Lohn gab, wird man sich sehr leicht vorstellen, wenn man sich des natürlichen Rosentalschen Abscheues gegen alles, was Mode ist und heisst, erinnert. Die Mode sollte auch so viel Bescheidenheit haben, sich dem Gotischen Tempel der Heraldik mit mehr Ehrerbietung zu nähern, und ihre Arabesken anderswo loszuschlagen suchen! Ist es nicht ein elendes, jämmerliches Ding um die gepriesene menschliche Freiheit? Da, wo lex scripta den Menschen loslässt, bindet ihn die Mode, um ihn auch da nicht frei zu lassen, wo er sich völlig frei zu sein glaubt und frei sein könnte. – Der Uebergang des Hofmeisters von den drei Ingredienzien des Wappenreceptes auf den Umstand, dass aller guten Dinge drei wären, Geist, Seele und Leib, Rock, Weste und Beinkleider, brachte den Baron auf die ritterkecke Behauptung, dass jedes Ding von Wichtigkeit drei Wörter in und zu seinem Dienste habe. Unter vielen Beweisen war der Ritterin merkwürdig, dass das Wort s t ü r z e n dem Vieh, das Wort s t e r b e n von gemeinen Menschen, das Sonnenwort u n t e r g e h e n dagegen von vornehmeren gebraucht werden sollte. So war der in Gott ruhende hochwohlselige Herr Vater unseres Ritters u n t e r g e g a n g e n , der Vater seiner Frau Gemahlin Gnaden nur g e s t o r b e n , sein Hund ob er gleich bebändert war, g e s t ü r z t . – Wer hätte gedacht, dass das Wesentliche, Modische und Zufällige bei den Wappen mit so vielen Anlässen zu erbaulichen Betrachtungen an die Hand gehen könnte! –

Der Ritter, eingedenk, dass er seinem Sohne, ausser der von ihm entworfenen Instruktion, auch Hochselbst Unterricht zu geben verheissen hatte, bereitete sich schon längst auf dieses Geschäft im Stillen vor; und im Stillen, wiewohl mit Zuziehung der Frau Gemahlin, ward beschlossen, dass, da man diesen Unterricht in der Dämmerung erteilen würde, er auch

§. 31.

die Dämmerung

heissen sollte. Wer jedes bildliche Wort mit der Hand malen will, ist ein Geck, und wer keins mit der Hand bezeichnet, ist ein Metaphysikus. Ausdrücke, die mit der Hand begleitet werden, verdienen dadurch den Beinamen handgreiflich; und so wie das Schwert den Ritter ausmacht, so adelt auch dergleichen Handgriff den Ausdruck.

Diese Lehre, welche der Ritter dem Hofmeister teoretisch einband, ward von ihm selbst praktisch meisterhaft in Erfüllung gesetzt, und wenn es gleich wahr ist, dass hände, die gewissen Leuten im gemeinen Leben los zu sein scheinen, ihnen allen Dienst versagen, sobald es zu Ernst oder Tat und Wahrheit kommt, so