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und Trachten des Menschenkenners dahin geht, dass der Lehrling alles aus sich selbst herausziehe, dass das Kind durch seine eigenen Handlungen lerne, dass seine Handlungen ihm Fibel und Katechismus werden, so war hier die geschichte das Götzenbild, welches angebetet ward. Wahrlich! was in der geschichte nicht übertrieben wirdund das ist vom Uebelgeht täglich vor unsern Augen vor. Ob Fingerlein oder Goliat, ob in Seide oder im KittelMensch ist Mensch. V o l t a i r e ist wahrlich einer der ehrlichsten Geschichtschreiber; denn er dichtete so unverhohlen und war so dreist, dass ein jeder wusste, woran er war. Die aber, die sich ängstlich den Kopf zerbrechen, welches doch wohl die geheime Triebfeder gewesen sei, die diess und das ans Licht gebracht habe, die sich Mühe geben, Wahrheit von lügenhaften Nachrichten zu destilliren, bedenken nicht, dass wenn zwei Menschen einerlei sehen, wenn zwei Menschen einerlei hören, jeder anders gesehen und gehört hat, und dass niemand weiss, was im Menschen ist, als der Geist in ihm. – Kindern die geschichte! Ein Mann, dem der Kopf am rechten Orte sitzt, weiss freilich zur Not, was ein ehrlicher Kerl tun kann, und da die Menschen einander erschrecklich gleichen, wie es denn so ungefähr zugegangen sein wird. Ihm kann die geschichte nützlich und selig werden. Ein Kind aberwas soll das mit der geschichte, die seine Jahre und seine Kräfte übersteigt? Legte man Kindern Kinder- und Jünglingen Jünglingsgeschichte vor: – immerhin! Dann wäre dieser Einwand gestürzt, allein darum auch jeder andere? Was soll aber dem kind und dem Jünglinge die Rüstung des Mannes? – Ich fand diese Einwendungen als Glossen und mit vergelbter Tinte hinzugefügt: "Quae qualis quanta!" Mit dem

§. 26.

Türken

ward die geschichte angefangen. natürlich! da der Herr Vater des Lehrlings Johanniterordensritter war. Der Hofmeister hatte einen göttlichen Beruf, mit dem volk Gottes anzuheben, um, wie er sich ausdrückte, die Pferde nicht hinter den Wagen zu spannen; aber was war zu machen, da der Ritter den Türken auf den Leib gebannt war? – in der geschichte nämlich. – Nie konnte unser Ritter an den elenden Anfang der Türken denken, ohne zu bedauern, dass nicht schon damals der Johanniterorden existirt hätte. Freilich! warum, sagte er, liess man es zur P f o r t e kommen? Eine Tür ist eher einzuschlagen. Otmann! Otmann! Stifter der Ottomannischen Pforte, dir Gerechtigkeit! Doch könnte ich bei der Gerechtigkeit, die ich deinem Mut erweise, Hölle und Verderben aufrufen. "Aber, lieber Ritter," fiel die liebe Ritterin ein, "ohne Türken, wer hätte wohl an die Johanniterritterschaft gedacht? und ohne Ottomannische Pforte, was den Orden so gehoben? was und wer?" – Und der Hofmeister, der blindlings aus Rache beitrat, weil dem volk Gottes so sonnenklar Unrecht geschehen war, fügte hinzu: je grösser der Feind, je grösser die Ehre ihn zu Paaren zu voller, auf Löwen und Ottern, auf Schlangen und Drachen zu gehen, als auf Regenwürmern?

Ob nun gleich das Grab unseres Herrn schwerlich durch den Vater unseres Helden erobert werden wird, so erstreckte sich doch seine Todfeindschaft gegen alles, was Türk hiess und nicht warin der Tat etwas weit, so dass er gegen türkischen Weizen, türkisches Papier und gegen die unschuldige Blume, welche türkischer Bund genannt wird, die seltsamste Antipatie hatte, die je zwischen einem Johanniter-Ordensritter und einem wirklichen Türken gewesen sein mochte. kennen muss man seinen Feind, pflegte er zu sagen; und eben darum musste sein Sohn auch die türkische geschichte vor der geschichte des Volkes Gottes lernen. "kennen," fragte der naseweise Hofmeister, "um zu verfolgen?" – Bis in den Tod! erwiderte der Ritter; wesshalb er denn auch rühmlichst an dem türkischen Weizen, dem türkischen Papier und dem türkischen Bund schreckliche Exempel statuirte. Oft dankte er dem Himmel, dass er nicht zu dem sonst so alten und berühmten Geschlechte der Türken gehöre; er behauptete, dass bloss wegen dieses Steins des Anstosses ein Zweig von ihnen sich T ü r k v o n R a m s t e i n geschrieben hätte.

Als der Hofmeister mit Ehren die türkische geschichte geendigt hatte, dankte er Gott, dass er aus dieser Mördergrube wie Daniel errettet wäre; als wenn es nicht auch andere Mördergruben in der geschichte gäbe! Jetzt glaubte er, ohne allen Widerstand zu dem volk Gottes übergehen zu können; doch legte unser Ritter sich diesem abermals in den Weg, und achtete nicht darauf, als ihm der angehende Mann Gottes bewies, dass es wegen der Beschneidung, wegen des gelobten Landes, wegen der Bärte und wegen vieler andern Umstände, halbe Arbeit sein würde.

Der Ort, fügte er hinzu, wird nicht verändert; es hebt nur ein neuer Akt an. – Alle diese Umstände galten nicht und konnten nicht gelten, da selbst der Gedanke des alten Testaments dem Ritter nicht überwiegend war. Auf Specialbefehl musste die

§. 27.

Römische Kaiserhistorie

an die Reihe. Gleichviel! waren die Menschen nicht von jeher einander ähnlich? – Der Hofmeister bat für Romulus und Remus um geneigtes Gehör, es ward abgeschlagen, und nur nach so vielen Missgriffen sah er denn endlich ein, wovon er, ohne Oedip zu sein, sich gleich anfänglich hätte überzeugen können