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von der Hand weisen konnte. Da sehen die Frau Schwester mit den Holländerzähnen, wenn der Ritter auch wolltekann er? Die Wechsel, die der Ritter acht Tage nach dem Ableben des Emsigen gestellt hatte, und die wegen ihres sonderbaren Verfalltages erwähnt zu werden verdienen, wurden bis zum letzten heller bezahlt, und doch blieb unser Ritter schuldenfrei, und besass herrliche, Güter, welche, ohne die Kreuze mitzurechnen, zu den ersten im land gehörten, und ausserdem noch ein Capital von einhundert und fünfzigtausend Talern. Die

§. 25.

Erziehung

unseres Helden war völlig diesen Vermögensumständen angemessen, die, so wie sie zu allen Dingen nütze sind, sich auch bei Erziehungsanstalten ihre stimme nicht nehmen lassen. Man kann nicht sagen, dass unser Held schwächlich war, und dass er die erhaltene Nottaufe körperlich bewies; doch gehörte er auch nicht zu jenen Felsenfesten, die unser Ritter, wiewohl sehr uneigentlich, geborne Ateisten nanntedie sich vor nichts fürchten und deren Stärke ihr Gott ist. Die Schwächlichkeit unseres Helden verhinderte gewiss keine seelen- und leibesritterliche Uebung, die der Herr Vater seinem Erstgebornen zudenken mochte. Der väterliche Plan indess war in Hinsicht dieser ritterlichen Uebung so eingeschränkt, dass man ihm sogleich ansah, es sei mit dem A B C-Junker auf keinen Johanniterritter angelegt. Die Mutter eignete sich die Erstlinge der Erziehung zu, und jede Mutter, wenn gleich ihr Kind ein Sohn ist, bleibt dazu berechtigt. Ohne Zweifel werden wir finden, dass unser Held sich durch so manches Muttermal und durch recht viele Eindrücke, die er von seiner Mutter empfing, und wozu die Stern- und Kreuzseherei gehörte, sein ganderte die Mutter nicht, dass schon zeitig unlautere Leidenschaften genährt wurden, um dem Junker eine Elle zuzusetzen, womit die weit klügere M u t t e r N a t u r (die aber freilich keine Baronin ist) den Menschen nicht ausgestattet zu haben scheint! War er denn aber nicht zu dieser wohlriechenden Erziehung besprengt? Da mussten Neid, Stolz, Ehrgeiz den glimmenden Docht der Fähigkeiten in dem Junker aufblasen, und mit so mancher Vernachlässigung des Menschen ein Baron ausgearbeitet werden. Das arme Weib war ihrer natürlichen Herzensgüte und ihr Sohn seiner Nottaufe wegen zu keinen grossen Leidenschaften aufgelegt. Gut! warum benutzte man indess den Boden nicht so, wie man ihn fand? leidenschaft ist Poesie der Seelen, und Poeten werden geborenWarum Ilias ante Homerum? Warum liess man den Kleinen durchaus vom Tanzmeister gehen lernen? Das schlimmste war, dass das arme Weib selbst bei dieser gelegenheit zusehends einen guten teil ihres natürlichen Ganges verlor, und es zwischen Kunst und natur so manchen Zwist gab. Die natur behielt freilich den Sieg; sollte aber Streit sein, wo alles entschieden ist? Bedächten die Vornehmen, dass die Pluralität doch immer auf der Seite des Volkes, und dass mit Recht dessen stimme die göttliche ist; bedächten sie, dass ihre Vota wie Tropfen gegen den Ocean sind, sie würden mehr achtung für das Ganze beweisen und fürchten und lieben lernen da, wo sie jetzt ohne Furcht und Liebe bloss befehlen. – Durch das Befehlen ist wahrlich wenig oder gar nichts ausgerichtet, wenn die, welche gehorchen sollen, nicht zum Gehorsam vorbereitet und geneigt sind. – Ist bei einer Baronserziehung an einen individuellen Charakter zu denken? Umstände sollte man, so wie Neigungen, dem kind unter seine Botmässigkeit bringen lehren; und wie weit leichter wäre diess olympische Ziel zu erreichen, wenn man die unendlich mannichfaltigen Anlagen des Kindes zu benutzen wüsste, und wenn man es mit Umständen und Schwierigkeiten bekannt zu machen suchte! Lernte der Lehrer den Zögling k e n n e n , machte ihn mit sich bekannt, und waffnete ihn gegen alle sehr leicht auf ihn zu berechnende Umstände; verstärkte man die individuelle natur durch künstliche Nachhülfe: – wie leicht müsste es, wo nicht gewiss, so doch wahrscheinlich zu bestimmen sein, was aus dem Kindlein werden würde? Jetzt soll schlechterdings aus jedem Holz ein Merkur werden; und wie selten gibt es Aepfel, die weit vom Stamme fallen! Neigungen lassen sich verpflanzen, und wenn Kräfte und innere Beschaffenheiten des Kindes ein Wunder in unsern Augen sindwas werden wir ausrichten? Sagt nicht: es befänden sich Anlagen zu allen Neigungen im Menschen; auf seinen Acker könne so gut Weizen als Roggen gesäet werden, und es komme nur auf den Lehrer an, aus seinem Schüler zu machen, was ihm beliebe. Solchen Neigungen, welche die natur zu Hauptzügen des Charakters bestimmte, kann der Mensch so leicht nicht entsagen. Oft heisst Kampf wider die natur: Erziehung, und doch sollte Erziehung Naturveredlung sein. – Gemeiniglich fängt die Erziehung unserer Vornehmen nicht vom Menschen an, um zum bedeutenden Menschen überzugehen, sondern man sagt dem Zöglinge: er sei schon von natur bedeutend, und werde nicht übel tun, wenn er bei dieser Bedeutung geruhen wolle ein Mensch zu sein. Man complimentirt ihm den Menschen bloss auf, ohne ihm denselben zum Gesetz zu machen. Was Sie vor sich sehen, sagt man ihm, ist Ihr Untergebener; Gott setzte Sie, wie weiland Adam, ins Paradies, um zu herrschen und zu regieren. Leibes- und Seelenkräfte sind zwar liebe Gottesgaben; indess gegen Geburt und einmal hundert und fünfzigtausend Reichstaler baares Geld (ohne die schönen schuldenfreien Rosental'schen Güter) wie gar nichts! – Es ist schon alles, was man tun kann, wenn man ihm Gnade und Huld gegen die