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bis in den Tod? Dass der Vetter Schriftsteller hier an die fünfzigtausend Taler ohne Zinsen dachte, war sichtbar; indess hatte die Baronin ihrem Ja andere und viel engere Grenzen gesteckt, ohne zu wissen, dass der Fünfzigtausendtaler-Assessor der rachsüchtige Verfasser des Uriasaufsatzes gewesen war. Nun erhob sich der Senior vom stuhl und besprengte sie dreimal mit wohlriechendem wasser aus einer Patene (einem Oblatenschüsselchen).

Nachdem Vater und Mutter meinen Helden gemeinschaftlich auf einem Kissen dem Senior dargebracht, und dieser auch ihn dreimal mit dem wasser des Lebens besprengt hatte, ward das Resultat publicirt:

dass dem Herrn Vetter der verbotene Biss zu ver

zeihen, und der A B C des heiligen römischen

Reiches Freiherr von Rosental nächstdem unbe

denklich in den Stammbaum einzutragen sei.

Was die Mutter anbeträfe, so sollte sie zwar, da ohne Mutter kein Sohn zur Welt kommen könne, auch ins Grüne gebracht werden; indess müsste sie sich gefallen lassen, dass auf ihren Namen ein Kleck käme. V.R.W.

Ihr Mann, ein zweiter Brutus, war unbeweglich bei diesem Urteil, und würde, wenn es ihm Amtshalber wäre aufgetragen worden, selbst der Scharf- und Nachrichter gewesen sein, um diesen Brandmark in Erfüllung zu setzen. Heroismus steckt an wie die Liebe; und so war denn auch die Baronin ihres feierlichst gegebenen Wortes eingedenk, zumal da sie ohnehin wohl wusste, dass Stände in der Welt sein müssen, und dass nach Peterkettenfeier Peterstuhlfeier eintritt. Willig erduldete sie den

§. 23.

Kleck,

und war hinreichend befriedigt, dass man ihren Vornamen gewürdigt hatte, ihn ohne Kleck in den Stammbaum auf- und anzunehmen. Der jüngste Assessor, dem die Cousine je länger, je mehr gefiel, und der sein hässliches, wiewohl sechzehn Ahnen reiches Weib den Augenblick mit ihr vertauscht hätte, ohne einen Dreier als Zugabe zu begehren, trat zu der armen Sünderin, als ob er sie mit Trost zum Richtplatz und Staupenschlage begleiten wollte. Sie dankte ihm anständig für seine Bemühung, zeigte, dass sie keines Zuspruchs bedürfe und starb wie eine Märtyrin den Tod des Kleckes, ohne einen Seufzer fallen zu lassen, was denn allen wohlgefiel. Das Urteil ward sogleich zur Vollstreckung gebracht, und da dem Senior, welcher Ehren halber diese Hinrichtung zur Pflicht hatte und vigore officii die Namenseintragung besorgte, die Hand zitterte, so ward auch der letzte Buchstabe im Namen S o p h i e mit Tinte ersäuft und mit dem Zunamen zugleich vertilgt, so dass nur S o p h und der Punkt auf dem i zu sehen blieb. Man schüttelte, ohne auf den ersten Edelmann A d a m , der auch nur einfach benamt war, Rücksicht zu nehmen, Vornamen hatte, und um so mehr bat der Senior sie um Verzeihung, dass er an dem unschuldigen i und e bis auf den Punkt sich widerrechtlich vergriffen, da sie so wenig an Namen zu verlieren hätte. Während der ganzen Verhandlung musste die Baronin stehen; selbst ihrem Gemahl ward zur Kirchenbusse erst in der Folge, und zwar nur ein Tabouret gesetzt. Man gab sich das Wort, von a l l e m , was vorgefallen war, keine Sylbe zu verlautbaren, obgleich dieses Gelübde der Verschwiegenheit schon an sich zu den Familienstatuten gehörte; indess schien zu diesem a l l e m die Gegenrede der Baronin, die man Einspruch nannte, nicht gerechnet zu sein, wobei es ihr übrigens nicht viel besser ging, als jenem Alchymisten, der es auf Gold anlegte und Porzellan zur Welt brachte. – Auch gut! Ist Porzellan zu verachten? – Sie hatte sich, wie wir gesehen haben, schon lange zuvor gegen etwaige Vorwürfe ihrer Geburt in Verteidigungsstand gesetzt. Schade! denn gewiss hätten wir sonst ein weniger gelehrtes, allein ein ihrem verstand und Herzen angemesseneres Glück erhalten. Jetzt machte man, so wie es hingegangen war, seinen Rückweg. Nach dem Senior gingen unser Ritter und sein braves Weib, die ihr A B C trug. In pleno, wo die weibliche Gesellschaft, welche bis jetzt in der Gemeinde geschwiegen hatte, zutrat, ward ein Archengang verabredet, der nach Tische gehalten werden sollte; denn diess D r a m a , bei dem die Baronin ihr A B C und ihr Gemahl die weinerlichen Rollen gemacht, beschloss ein herrlicher Schmaus cum applausu aller, die am roten Tische gesessen hatten, und derer, die draussen geblieben waren. Die in effigie bemakelte Baronin war nun wieder ganz die allerliebste, schönste, beste Cousine, und der Senior hätte um vieles den Tintenfleck von dem e und i sondern mögen, wobei er sich doch herzlich freute, dass wenigstens der Punkt zum i unversehrt geblieben war. Man ass und trank fröhlich und guter Dinge. Nach aufgehobener Tafel ging man paarweise nach der Bundeslade und hüpfte mit einer solchen Wohlanständigkeit um sie herum, dass sich viele der Damen bei diesem Tanz aus Rührung der Tränen nicht entalten konnten. In der Familie hiess er der Todtentanz. – Der Bundeslade ward ein Prunkzimmer eingeräumt, wo sich alle drei Stunden sieben Mann zur Wache ablösten, die vom Senior Parole und Feldgeschrei erhielten; – denn diese Bundeslade konnte nur zu ihrer Zeit wieder, so wie sie hergekommen war, nach haus gebracht werden. Der Senior musste sie geleiten! Die Gesellschaft blieb sieben Tage (nach der Zahl des Seniors und seiner Assessoren, wobei Senior für zwei gerechnet ward) einmütig bei einander. Man hatte den Pfarrer loci am letzten Tage zur Familientafel gezogen, oder ihr