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die Rede angehört hatte, bückte sich tief, ohne ein Wort zu erwiedern. Und nun ward aufs neue, wiewohl nur Einmal geklingelt. Senior nannte diessmal das Glöckchen: das Transsubstantiations-Glöckchen.

Die Baronin trat, in einem weissem Kleide, mit fliegenden schwarzen Haaren, die auf ihrem warmen, weissen und marmorfesten Busen mit einander liebkoseten, ins Gericht, wo an einem Tische mit einer pompvollen roten Decke der Senior und die vier Assessoren auf Lehnstühlen sassen, der Ritter aber in einiger Entfernung stand. Das gute Weib machte eine tiefe vorschriftmässige Verbeugung, die sie auch ohne Anweisung in puncto der roten Decke gemacht haben würde. Man hat vor allem Respect was bedeckt ist; und rote oder grüne Tischdecken sind darum noch ehrwürdiger, weil wir die weissen in der Regel alle Tage zweimal über unsern Esstischen sehen. – Unsere arme Sünderin fühlte die wirkung der roten Decke in allen fünf Sinnen; da sie aber in einer Art von desorganisirtem (entsinntem) Zustande, aus reinem, klarem Herzensgrunde, und der Vorschrift gerade zuwider ihrem mann die Hand reichte, die er, weil ihre Zeit noch nicht kommen war, verbitten musste, so geriet das arme Weib in eine so andächtige Verlegenheit, dass der Senior selbst sie nicht ohne Sinnverdoppelung und Sensation ansehen konnte, und bei einem Haar blitzschnell aus der Rolle gefallen wäre. Noch zu rechter Zeit griff er in seine Patrontasche.

"Was bewog Sie," fing er, nachdem er sich fest gemacht hatte, in einem starken Ton an, um sein Herz zu überkreischen, das ganz seinen Worten entgegen war – "Was bewog Sie, da Sie eine Null vor der Eins waren, eine hinter der Eins werden zu wollen? – Wissen Sie nicht, dass der Weg zur Ehre schmal und es nur wenigen Auserwählten beschieden ist, ihn zu finden? Verleiteten Sie nicht unsern Vetter zur verbotenen Frucht, wovon er und Ihre Nachkommen den Fluch tragen müssen? Reichtum und Schönheit waren die beiden Bäume, die er hätte meiden sollen; allein warum legten Sie ihm Ihre verbotenen Reize so nahe?"

Nachdem er dem guten weib ganz evident gezeigt hatte, dass ihr Vater nur ein Emsiger gewesen wäre, dessen Schätze, und hätte er deren auch noch weit mehr gehabt, keinen Fingerhut, ja keinen Tropfen freiherrliches Blut aufwiegen könnten, fügte er wohlmeinend hinzu, dass ein unadeliger Lazarus, wenn selbst Abraham noch in der andern Welt ihm erlaubte, seinen Flecken mit himmlischem wasser wegzuwaschen, denselben so wenig, wie ein Leopard die seinigen, verlieren würde in Ewigkeit.

Die Ritterin, welche durch ihren Gemahl mit den sieben Sachen dieser Ceremonie zur Not bekannt gemacht worden war, hatte sich vorgesetzt, sich alles gefallen zu lassen, was man nach Herkommen und Brauch beginnen würde. Sie war, wie man schon weiss, überhaupt keine Feindin von Feierlichkeiten, welches sie bei der Nottaufe und bei der Stern- und Kreuzseherei bewies; und es gibt wenige Weiber, die Ceremonien widerstehen können, auch wenn sie nicht, wie hier, einen rot beschlagenen Tisch vor sich haben. Selbst die Vorwürfe, als ob sie dem Ritter zuvorgekommen wäre und ihn zu dieser Missheirat, wie Eva den Adam zum Apfelbisse, verleitet hätte, brachten sie nicht aus der Fassung, so beleidigend sie auch waren. Als indess der Herr Senior sich nicht entbrach, die Asche des Emsigen zu beunruhigen, konnte die redliche Tochter nicht umhin, ihren Entschluss plötzlich zu ändern, und, wie es bei dergleichen gelegenheit nicht auszubleiben pflegt, gerade noch einmal so viel zu sagen, als sie gesagt haben würde, wenn sie nicht zuvor den pytagoräischen Entschluss gefasst gehabt hätte. – Meine Herren, fing sie trotz der roten Decke an, ich bin weit entfernt, dem Geburtsadel zu nahe zu treten; vielmehr betracht' ich ihn als heilige Reliquien des Apollo, die zu sehen man nach Italien wallfahrtet. Indess gehört doch immer der kleine Umstand dazu, dass man in die Kunst verliebt sein und eine nicht kleine Imagination besitzen muss, wenn man dem Ahnen-Cicerone den Beifall geben soll, auf den seine redselige Zunge richtige Rechnung macht. Wenn man von 16 und 32 A h n e n , und von 16 und 32 T h a t e n die Rede ist, so weiss ich, was ich wähle. Schon muss man Grundsätze mit Taten vermischen, wenn man vor jenen achtung haben soll, sie mögen mit noch so hohen Farben im gemeinen Leben aufgetragen werden; und was hilft der Glaube an die Vorwelt, wenn er nicht durch Werke der Zeitgenossen lebendig wird? Dass das Johanniterkreuz meines Gemahls sehr viel zu meinem ehelichen Ja beigetragen hat, läugne ich nicht; wenn aber der Orden mehr auf brave Männer, als auf die Ahnenreihe Rücksicht zu nehmen geruhetewürde er nicht mehr ausrichten, als jetzt? – Ich will niemanden unter Ihnen, am wenigsten meinem lieben Gemahl, Vorwürfe machen; aber Sie werden mir zugestehen, dass selten ein adeliges Geschlecht sein Altertum vor das eilfte und zwölfte Jahrhundert hinauszuführen im stand sein wird, und dass die Genealogienkünstler es nicht viel besser machen, als die Maler, die, wenn sie die Sündflut malen, alle die mit ertrinken lassen, gegen die sie etwas haben. Bei der Sündflut in unserer Kirche kommen Pontius Pilatus, Herodes und Kaiphas ums Leben; auch Judas würde ihnen gewiss Gesellschaft geleistet haben, wenn er sich nicht noch zu rechter Zeit erhängt hätte. Sie selbst werden den Jakob gepudert und frisirt auf