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dass es schien, als wollten die Haare sich an den Hüten vergreifen. Den besten Abstich bewirkten die weissen Pferde, welche diese Bedeckung so feierlich machten, dass man, wie der Krittler Schulmeister selbst eingestehen musste, in die Verlegenheit geriet, vor diesem Leichen-Condukt den Hut abzuziehen; er hätte gewiss hinzugefügt: "und ein Vater Unser zu beten," wenn er nicht der wohlgelahrte Schulmeister gewesen wäre. Der Baron ritt mit zwei Assessoren, die sich schon zeitiger eingestellt, dem Kasten entgegen; und da diess Triumvirat den Stern gesehen hatte, kehrt' es heim hocherfreut und blieb beim Wagen des Senioris, der den Zug anführte. Als man sich der Kirche näherte, liess unser Ritter, vermöge des Patronatsrechts, läuten. Der Prediger kam, weil er wohl wusste, dass es sein Schade nicht sein würde, auf diess Signum exclamandi sogleich und beim ersten Glockenanschlage in vollständigem Ornat zum Vorschein, und so blieb er auch, ohne zu weichen, bis vom zug kein Staubkorn mehr zu sehen war. In dieser Melodie ging es denn bis nach Rosental, wo ein herrliches Souper des Senioris und seiner vier Assessoren nebst ihren Frauen und Kindern wartete. Die gute Baronin hiess nicht anders als allerliebste, schönste, beste Cousine, englische Frau; und es gebrach an nichts, um diesem Familienfeste Würde beizulegen, die bei dem Vater unseres Helden gewiss zu haus gehörte. Man gedachte bei dem Feste der in Gott ruhenden Vorväter, und es ward, nach der in dieser Familie wohlhergebrachten Sitte, auch deren Gesundheit und zwar so kräftig getrunken, dass bei allem Nachdruck, den man seinen Kräften gab, es doch zuletzt am ritterlichen Vermögen fehlte, den Wein ertragen zu können. Senior sagte: die Rosentaler sind seit Menschengedenken von nichts anderem als vom Wein überwältigt worden.

Der folgende Tag war eigentlich dazu bestimmt, die Baronin und ihren Sohn zu legitimiren. Die Ceremonie war folgende. Die beiden jüngsten Assessoren erhoben sich zum Senior, um ihn zu befragen: wann die Festlichkeit ihren Anfang nehmen sollte? – So stand es in der Rolle; da aber Senior sich nicht bloss vom Wein, sondern auch vom Bett hatte überwältigen lassen, und wegen der gestrigen zu guten Aufnahme ganz aus seinem Concepte gedrückt war, so verpfuschte man den ersten Auftritt dieses weinerlichen Lustspiels völlig. Nur mit vieler Mühe konnten sie den Senior zu sich selbst und in seine Rolle bringen, der er übrigens weit mehr als sein Haus der Bundeslade gewachsen war. Die Damen hatten nicht stimme und Sitz, und mussten sich begnügen, den Zug anzusehen. Bei Parlamentsversammlungen, sagte die Frau Seniorin, ist es den Damen erlaubt, den Streit und Widerstreit anzuhören. – "Weil er," erwiderte einer der Assessoren, "mit Ew. Gnaden erlaubnis, gemeiniglich bloss pro forma geführt wird. Der Staat lässt sein Licht leuchten vor den Leuten, dass sie seine gute Werke hören und den König und die Freiheit lobpreisen." – Die allerliebste, schönste, beste Cousine und englische Frau erschien jetzt den Damen nicht viel anders als eine arme Sünderin, die man auf dem Richtplatze begnadigen will. In der Tat die ganze Ceremonie war nicht viel mehr als eine Pardonserteilung, ein Fahnenschwung und übrigens Paternosterwerk und Rosenkranzandacht.

D e r e r s t e A u f z u g . Senior ging allein und die vier Assessoren folgten ihm paarweise in das Familienheiligtum. Das Collegium kann eine gute Stunde bei verschlossenen Türen zugebracht haben. – Es war probe.

B e i m z w e i t e n A k t wurden die Vorhänge aufgezogen. Ehe man aufzog, klingelte Senior dreimal, und ehe das eigentliche corpus delicti eintrat, ward unser Ritter allein vorgelassen, den der Senior anredete wie folgt:

Hochwürdiger Ritter,

Hochwohlwohlgeborner Freiherr,

Freundlich geliebter Herr Vetter!

Wir haben gesehen, was wir schon zum voraus von Ihrer angeerbten Weisheit erwarten konnten, dass Sie Ihr Herz mit keiner Gattin teilen würden, die nicht auch ein Herz in die Teilung zu bringen hätte. Ihre – F r a u , kann ich sie statutengemäss noch nicht nennen; es sei mir erlaubt, sie B r a u t zu heissen: ist sie denn nicht die Braut dieses Tages? – Ihre B r a u t also hat alle Eigenschaften, welche man haben muss, um sich selbst und einen Cavalier glücklich zu machen. Sie hat Verstand, ohne dass sie Verse macht; sie hat Willen Gutes zu tun, ohne auf ihre Tugend stolz zu sein und einen andern Herold für dieselbe zu brauchen als ihr Gewissen und dessen zwei äusserliche Stellvertreter: ein Paar grosse, lebendige, ungezwungene Augen. Die Leuchter zu diesem Lichte, die Augenbrauen, sind Meisterstücke der Kunstwürde' ich sagen, wenn sie nicht geradeswegs aus der Hand der natur gekommen wären. Doch fehlt ihr etwas, das kein Kaiser und König, das ihr Gott selbst nicht ersetzen kann: der leibliche Adel, der wie ein Kleid den Seelenadel erhebt und ziert. Wir können nicht, wenn wir auch wollten; und wir wollen auch nicht, weil wir nicht können. Schon der Gedanke und der Wunsch, von alten Sitten und altem Brauch abzuweichen, würde uns unwert machen dieses heilige Feuer zu bewahren, welches so viele Jahre mit vestalischer Keuschheit bewacht worden. Nur was Recht und Gebrauch ist, und nichts, weder zur Rechten noch zur Linken, kann und soll und wird geschehen.

Der Ritter, welcher stehenden Fusses