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fast stündlich etwas neues zu bewundern gab. Unter andern liess der Ritter sich dreimal malen, und en gros wie en détail, in Lebensgrösse wie in Miniatur, hing ein schwarzer ManDrei Schlafröcke auf einmal, von dunkler Farbe, damit das darauf gestickte Kreuz sich desto besser ausnähme. Einer dieser Schlafröcke war wie ein Mantel gefertigt, und der Ritter sah darin ungefähr so aus, als ob er zum Ritterschlage vorknien sollte. Die Communion empfing er, ob er gleich die Taufhandlung an seinem Sohne nicht mit Sporen und Rüstung verrichtet hatte, in förmlicher ritterlicher Kleidung. Dass besonders zu Anfange das ganze Dorf, und zum teil auch die benachbarten Honoratioren, vel quasi zusammenliefen, um den Ritter communiciren zu sehen, war natürlich. Da trat denn Monachus armatus auf, und empfing kniend die heilige Communion, welches ihm noch obendrein als eine grosse Demütigung ausgelegt ward. Der Pastor loci gewann stillschweigend hierdurch in den Augen des Volkes zehnfach bei dem Sacramente des Altars, was er beim Sacramente der heiligen Nottaufe eingebüsst hatte; denn wenn gleich Se. Hochwürden gewiss nicht vor Sr. Wohlehrwürden auf den Knien lagen, so weiss man ja doch, wie selten die person des Geistlichen bei seiner geistlichen Handhabung abgesondert wird. Wer den Baron nicht Ew. Hochwürden nannte, bekam, wenn er etwas hat, zwar keine a b s c h l ä g i g e , wohl aber beim "Fiat, wie gebeten" eine u n f r e u n d l i c h e Antwort. Seinen Bauern ward durch einen Anschlag in den Schenken bekannt gemacht, dass sich niemand unterstehen sollte, ihn anders zu tituliren, indem er durch strenge Gelübde verpflichtet wäre, hochwürdig zu sein oder zu heissen; was denn die gemeinen Leute in eine nicht geringe Verwirrung brachte, da sie die Gewohnheit hatten, den Pfarrer loci Ew. Wohlehrwürden zu nennen, und mit diesen Ehrwürden sehr ins Gedränge kamen. Da übrigens die Kreuze in Rosental sich ausserordentlich mehrten und hierbei nicht auf Kosten gesehen ward, um diese Verzierung recht reichlich und prächtig auszuspenden, so hiess es spottweise: es sei kein Haus in der Christenheit, das so viel Kreuz habe. Der Schulmeister, der wie wir schon wissen, ein Schleicher war, glaubte noch tiefer gesehen zu haben, und fürchtete heimlichen Katolicismus, welchen er vorzüglich in der religiösen Rittermanier und Kreuzausspendung fand, wodurch er jesuitisch beabsichtigte, die Herzen des Pöbels (der, um zu beweisen, wie klein er ist, sich so gern an alles, was gross ist, hängt) von der Nottaufe des Ritters und andern unzeitigen Anhändlichkeiten loszumachen. Ob nun gleich der Schulmeister seinen Hirtenstab nicht gegen das Schwert des Ritters heben konnte, sondern wohlbedächtig bloss in Emblemen, einsylbig und (was nicht viel auseinander ist) zweideutig zu Werke ging, so wirkte doch dieses Stückwerk von geäusserter Befürchtung, eben wegen dieser Oekonomie und Heimlichkeit, gewaltiglich, so wie alles, wovon man Ein Dritteil, und diess noch brockenweise, ins Ohr entdeckt, die beiden andern Dritteile aber zurückhält und im Schatzkästlein seiner Gewissenhaftigkeit verschliesst, wiewohl so laut, dass man die Schlösser rasseln hören kann. Uebrigens hätte unser Schulmeister immer noch mehr sagen können, da sich unser Hektor nur mit einem Achill ohne Schande messen konnte, und unser Ritter zu keinem Duell auf kleine Steine fundirt war, selbst wenn der ahnenarme König David ihn dazu herausgefordert hätte.

Als der Stammhalter ein Jahr alt war, sollte er, und neben ihm auch seine Mutter, zu Jerusalem im Tempel dargestellt oder eigentlicher in den

§. 22.

Stammbaum.

verzeichnet werden. Schon §. 3 ist dieses Stammbaums rühmlichst erwähnt worden. Von jeher hielt es die Familie so, dass die neuen Sprossen in dem Wohnsitze des Senioris familiae intabulirt wurden. Diess schien gegenwärtig bei einer wirklichen Firmelung um so notwendiger; indess ward mit unserm Ritter eine preiswürdige Ausnahme gemacht. Und warum? Senior familiae war, die Wahrheit zu sagen, ein armer Schlucker, bei dem die Fingerlein nie wohnung genheit gehabt hatte irgend einen Emsigen zu beerben, so dass der Kasten Noä zwar seinem haus, das Haus aber dem Kasten keinen Glanz beilegte. Er selbst sagte schmarotzerisch, dass die Bundeslade bei ihm weder im Salomonischen noch im zweiten Tempel stände. Auch erscholl das Gerücht von der fürstlichen Einrichtung unseres Ritters weit und breit, und alles war voll Lust und Liebe, ein Augen- und Magenzeuge dieser Pracht zu sein und lüstern zur Wallfahrt nach Rosental. – Unser Ritter, der sich durch diese seinetwegen gemachte Ausnahme von der Formularregel oder den Schmalkaldischen Artikeln, wie man sich zuweilen ausdrückte, nicht wenig beehrt fand, ermangelte nicht, diess Anerbieten zu begünstigenund zu den sieben Modifikations-Artikeln die hände zu bieten. Einer dieser schmalkaldischen Artikel war, dass die Bundeslade unter Bedeckung von 24 Mann zu Schimmel vonnach Rosental geholt werden sollte. Sowohl Senior als die vier Assessores oder K a s t e n h e r r e n wurden alle auf Einen Tag nach Rosental beschieden, und es ist nicht zu läugnen, dass dieser Aufzug einzig in seiner Art genannt zu werden verdiente. Die 24 Kastenbegleiter waren nun freilich nichts mehr und nichts weniger als vierundzwanzig ehrliche Rosentalsche Bauern; indess hatte man sie aufgefordert, Feierkleider, das heisst schwarze Röcke anzulegen, welche den Schimmeln, so wie die Schimmel den schwarzen Röcken zu einem nicht kleinen Ansehen verhalfen. – Die herabgekrämpten Hüte kamen mit den fliegenden Haaren in einen ununterbrochenen Zank, so