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sei am Johanniter-Kreuz und Leiden, und zwar wohlverdient, gestorben obgleich der vermeintliche Bankerott in Amsterdam die einzige Ursache seines plötzlichen Hintrittes war. Hätte man gewusst, dass, als der Emsige seine Tochter besuchte, die schöne natur auf den Rosentalschen Gütern, wozu seine Tochter einen so reizenden Beitrag darstellte, dem Emsigen so wenig missfiel, dass ihm vielmehr die Landluft bei einem Haar einen lebendigen Odem in seine Nase geblasen hätte! – Doch konnte ein solcher Baum nicht auf den ersten Schlag fallen. Es ging ihm wie dem Felix, der auf gelegenere Zeit zur Landluft wartete; und noch blieb unser in Stadtsünden t o d t e s t e r T o d t e r ohne Auferstehungsregung. – Die Eilbotschaft von seinem natürlichen tod bewirkte bei dem Vater unseres neugeborenen Helden einen Geruch des Lebens zum Leben. Seine JohainniterGrillen zerstreueten sich wie Spreu vor dem Winde; nicht, als ob er über diesen Hintritt fröhlich gewesen wärewahrlich nicht! – sondern weil er jetzt mehr nach e i g e n e r M e l o d i e leben zu können glaubte. In diesem Verhältnisse hat das Geld einen entschiedenen Trost. In der Tat, der Ritter nahm den Hintritt des Emsigen nicht wenig zu Herzen. Er kannte seine Sophie und wusste, wie heilig ihr die Kindespflicht war; diess vermehrte seinen Schmerz. Dieser Schmerz erhielt indess eine andere Wendung, und eine Seelenkrankheit, die den Leib ausserordentlich angreift, ist nicht besser als durch einen Ableiter zu heilen, welches unsere Herren ärzte nur zu oft vernachlässigen. Mit der innigsten Verlegenheit ging er zu seinem lieben weib. "Du kommst ja heute wie die aufgehende Sonne?" – Und doch bring' ich Regen, erwiderte der Baron. Wie lange ist es, dass Deine Mutter starb? fuhr er fort; – und s i e : "Der Vater ist tot!" Er neigte künstlich sein Haupt. Sie blieb natürlich, faltete die hände, und freute sich, dass er in Segen und nicht in Fluch zum letztenmal ihr Angesicht gesehen hatte. Die höfliche Antwort, welche der Emsige auf die Anmeldung der Tochter, dass sie die Mutter eines Sohnes sei, auf dem Comtoir durch den ältesten Buchhalter schreiben lassen, und zwar mit Buchstaben, die Hilmar-Curas nicht schöner würde gemacht haben, hatte, ausser den herrlichen Buchstaben, im eigenhändigen Postscript auch ein paar väterliche Stellen, und die Beilage eines Wechsels à 5000 Rtlr., schreibe fünftausend Reichstaler, mitgebracht. Ueberhaupt war diess Postscript (bis auf den Umstand, dass der Alte riet, das Kino nicht nach der Art der Mennoniten so lange liegen zu lassen, bis es Taufe und Communion auf einmal erhalten könnte, und bis auf das Fraktur-Marginale: "Eine Tochter wäre mir lieber gewesen!") väterlich und in Rücksicht des Emsigen zärtlich. – Die Tränen, welche die Tochter fallen liess, konnten keine bessere Stelle finden, als ihren lieben Sohn, den sie betauten, und zwar so warm, dass der Kleine keinen Misslaut vorbrachte. Sie liess den letzten väterlichen Brief mit Hilmar-Curasschen Lettern holen, und drückte ihn an ihr Herz. Der Baron umarmte Mutter und Sohn zärtlich, um in das Trauerhaus zu eilen. Den Brief entriss er mit einiger Gewalt den zärtlichen Händen einer edlen Tochter, – "Zieh in Frieden," sagte die Baronin, "und sei des väterlichen Postscripts eingedenk!" So ging alles seinen Weg zärtlich und guter Dinge. Selten sterben Kaufleute, die an Brief und Siegel gewöhnt sind, ohne Testament; indessen mochte unser Emsiger, aus blossem Abscheu gegen die Justizgebühren, keinen zierlichen letzten Willen gemacht haben. Bloss auf einen unzierlichen Zettel hatte er einige Stiftungen angeordnet, wodurch er sich mit dem lieben Gott in Rücksicht so mancher Handlungsgewissensstiche in aller Stille abfinden wollte. "Lässt der Baron sie nicht gelten," soll er, wie der siebenmal sieben reiche Punktirer versicherte, gesagt haben, "nun, so weiss doch der liebe Gott, dass es nicht an mir gelegen hat." Der Baron erfüllte jede Stelle dieses unzierlichen Zettels, deren keine von der Hilmar-Curas-Hand des ältesten Buchhalters, vielmehr sehr unleserlich geschrieben war, als wenn der Tod dem Emsigen auf die Hand gesehen hätte. über eine Null bei einem dergleichen Legat, waltete ein nicht geringer Zweifel ob; denn da alle Nullen, wenn sie hinter einer Eins sind, so wie alle Taugenichtse, wenn sie einem regierenden Herrn nachtreten, von einer nicht geringen Bedeutung sind, so war auch hier die Frage zwischen T a u s e n d und Z e h n t a u s e n d . Der Baron setzte es nicht einmal auf das Gutachten des Rechtsfreundes aus, den er den siebenhärigen nannte, sondern nahm geradezu und gutwillig zehntausend an, und fand bei all diesen Vermächtnissen so wenig Anstand, dass der Nachbar selbst sich nicht in die Grossmut des baron finden konnte, und nicht nur von ihm, sondern von allen Baronen in der Christenheit, wider Willen eine andere Meinung bekam: ob als Kaufmann, ist nicht ausgemachtals Mensch gewiss; und vielleicht gab es alle Jahre im Durchschnitt zehn Stunden, in denen er noch nicht aufgehört hat, Mensch zu sein! – Besonders auffallend war ihm der Umstand, dass der Baron, noch ehe er die Erbschaftsmasse mit einem aritmetischen Auge überblickte, sich schon erklärte, diese unzierlichen. Zettel erfüllen zu wollen. Die