so schien auch hier eine Krankheit der andern den Lauf zu hemmen, indem
§. 15.
ein Schwindel
den Emsigen, und zwar an heiliger Stätte, auf der Börse, unvorbereitet befiel, so dass seine Füsse ihm Knall und Fall den Dienst aufkündigten, und er nach haus getragen werden musste. Man sagt, die Nachnoch überdiess falsch war, habe dem Emsigen diesen Streich versetzt oder gespielt. Es war eben Freitag, als dieser Sterbefall sich ereignete, und die Cousine hatte sich ungewöhnlich, nach förmlicher Einladung, zum Mittagsmahl eingefunden. Sowohl der Nachbar, welcher der Hauptleichenträger war, als das heisshungrige fräulein bewiesen bei dieser gelegenheit augenscheinlich, wie sehr Dienstpflicht und Erkenntlichkeit von Freundschaft und Liebe unterschieden sind. Gottlob! dass sie es sind! Was wäre auch sonst in dieser Zwangs- und Dienstwelt anzufangen? Zwar ist man des officiellen Dafürhaltens, dass Liebe und Freundschaft ein paradiesisches, arkadisches, goldenzeitliches Produkt, ein übertriebenes Etwas wären; was nennen aber diese Kalterzigen Uebertreibung?
Liebe und Freundschaft lassen die Landstrasse bei Seite, und schlagen den Richtsteig ein; sie wandeln die enge Strasse, die wenige finden und die von wenigen gesucht wird. Dienstpflicht tut, was vorgeschrieben war, ist genau auf Wort und Werk, behutsam auf Punktum und Komma, Kolon und Semikolon; beobachtet eine kalte Vorsicht, einen gewissen Anstand, so dass alles, was hier vorfällt, zur Not auf Stempelpapier sein säuberlich verzeichnet werden könnte. Dienstpflicht schreibt kanzleimässig; Teilnehmung hat zu viel zu tun, um auf Buchstaben Zeit zu verwenden. – Nicht Gelehrte, sondern Freunde, schreiben schlecht. Beim Verlust des Freundes will der Freund nachsterben; – was soll ihm das Leben, da seine Hälfte nicht mehr ist? Nichts als dieser Verlust interessirt ihn, und es ist eine schrecklich schöne Lage der Freundschaft, nach jenem Verluste nichts mehr zu verlieren zu haben! Wenn gleich die Zeit, welche die besten Feueranstalten besitzt, den Brand der Leiden des Freundes zuweilen zu löschen scheint, so bricht doch alles sehr leicht wieder in neue Flammen aus, und ein Wort, ein laut, kann sie aufregen. – In dem haus des Emsigen war alles kalt wie der Tod! Der Emsige schlug die Augen auf und sah Cousinen, die vorschriftsmässig ein paar Tränen aus dem Schatzkästlein ihres guten Herzens hervorzog und zum Besten gab. Diess nötigte den Sterbenden, in der Ordnungen zu bleiben, und sie dem Nachbar in bester Form Rechtens für die Sonn- und Festtage abzutreten und sogleich zu übergeben. Dieser hatte die Eiskälte, während dass der Emsige starb, mit Cousinen zu capituliren und zum ersten Eingange der Capitulation den Umstand weislich zu überlegen, dass er noch unverheiratet sei. Sie blieb die Antwort nicht schuldig, dass ihre beiderseitige Tugend über denVerdacht erhaben wäre; mit Fleiss vermied sie ihr graues Haupt, das sie stadtkundig mit Ehren trug. Nach diesem ins Reine gebrachten Hauptzweifel wurden noch andere Nebenpunkte in Erwägung gezogen, weil es doch hier weiter nichts zu tun gab, als die Kleinigkeit – dass der Emsige starb. Der Nachbar hatte nämlich wegen eines schrecklichen-Bankrotts, woraus der liebe Gott, wie er sagte, ihn wie Lot aus dem Feuer gezogen, dem Herrn schon vor sechs Jahren ein Gelübde getan, alle Sonn- und Festtage zu fasten; er tauschte also mit Tagen, welches Cousine, wenn sie gleich an Tagen verlor, doch um so lieber einging, da sie Sonntags einer alten Verwandtin leicht fiel, deren Willen sie in gewisser Art unter dem Schlüssel hielt, und die sie mit Rat speisete, wenn jene ihr Tat auftischen liess. – Und so starb denn unser Emsigen, verlassen von allem, was Liebe und Freundschaft vermag, während des Freitischhandels, und nahm noch den völlig abgeschlossenen und berichtigten Gedanken mit, dass die Cousine nicht alle Sonn- und Festtage, sondern Freitags, excipe den Charfreitag, und wenn Weihnachten auf den Freitag fiele, als auf welche Tage sich das Gelübde des Nachbars mit erstreckte, bei dem Nachbar essen würde. Ein Feind selbst würde dem Emsigen mehr Liebe erwiesen, sein Blut wenigstens in sanfte Bewegung gewacht, und seiner Krankheit vielleicht etwa hierdurch eine glücklichere Wendung gegeben haben. Unsere Lebendigtodten nicht also. Zur Steuer der Wahrheit muss ich bemerken, dass es in Absicht des Leibes an innerlichen und äusserlichen Aerzten nicht fehlte; nach dem Seelenarzte ward ein Bote geschickt, der indess zur Uebereilung keinen inneren Beruf fühlte. Der Nachbar, und nicht der Emsige, fiel auf diese geistliche Arznei. Da aber der Seelenarzt nach einer Traurede bei dem Hochzeitsmahle beschäftigt war und zu der natur des Emsigen das gute Vertrauen unterhielt, dass er dem tod doch wenigstens so lange Widerstand leisten würde, bis der wohlehrwürdige Magen die erste Verdauung vollendet hätte, so nahm es der Chirurgus über sich, dem Gewissensrate gang und Mühe zu sparen und sich wenigstens des Magens eines Mannes anzunehmen, der diessmal seines Beutels so wenig eingedenk schien. Ob die Nachricht des dienstfertigen Chirurgus die Essund Trinkfreude des Gewissensrates unterbrochen, oder dieser aus überzeugung von der freiherrlichen Freigebigkeit sich in den erlitteten Verlust gefunden habe, lass' ich an seinen Ort gestellt. Der
§. 16.
Nachruhm,
den man den Credit nach dem tod nennen könnte, hatte den Emsigen nicht sonderlich interessirt; vielmehr war sein Dichten und Trachten dahin gegangen, seinen Credit bei seinem Leben, wie er selbst sich ausdrückte, gleich einem rohen Ei zu schonen. Er vor dem tod, der Emsige. Die Stadt behauptete, der Wohlselige