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ohne viele Umstände zum Spass erniedrigen kann, heisst Weltmann; unser Engländer war es nicht. Das Gewisse, behauptete er, blähe auf, das Geglaubte halte die Menschen in gerechten Schranken, was nicht aus dem Glauben komme, sei Sünde. Der Pastor hielt darüber drei Predigten, deren öffentlichen Druck sein Eidam verhindert hat. Da der Engländer nur Schriftsteller für eigentliche Geistliche hielt, weil sie den Geist beschäftigen und diese Priesterschaft ehrte, die, wenn sie rechter Art ist, unläugbar einen göttlichen Ruf hat, so sind wir wegen dieser heiligen Zahl von Predigten keinen Augenblick sicher. – Heraldicus junior konnte nicht aufhören über unsere Gläubigen und ihren Glauben zu spotten. Wissenschaft, sagte er, ist b a a r e s , Glaube ist P a p i e r g e l d . – Gläubige reden viel und sagen wenig. Man kann etwas glauben und sich schämen, dass man es glaubt. Die Teufel glauben und zittern, Philosophen glauben und lächeln. – Weltkluge Geistliche fordern nur einen äussern Glauben oder Lebensart in der Religion. – Muss ich, weil ich ein Fernglas habe, mein natürliches Auge ausreissen und es von mir werfen? Kann ich, weil ich in manchen Dingen weder aus noch ein weiss und die Unzulänglichkeit meiner Einsicht zu bekennen verbunden bin, den Wissenschaften Hohn sprechen? Ist die Glückseligkeit ererbtes oder erworbenes Gut? Wahrlich! nicht durch den Besitz und Genuss derselben, sondern durch die Bemühung, sie im moralischen Schweisse des Angesichts zu erwerben, ist man glückselig. – So Heraldicus junior. Und wie sein Schwiegervater und der Engländer? Sie zuckten beide die Achseln, suchten, wenn es not tat, Schutz bei Johannes und dem Gastvetter. Und fanden ihn? Zuweilen. Wenn die drei Predigten nicht mächtiger sind, so fürchte ich, Heraldicus junior werde nicht überzeugt werden, sondern eine Lebensartüberzeugung annehmen. Mag er doch! Gibt er zu, Freiheit bestehe in der Unabhängigkeit von seinen Begierden, so lasse man ihn immerhin (um seinen Ausdruck zu gebrauchen) mit dem Pfunde seiner Vernunft wuchern. – Kätchen wird schon dafür sorgen, dass seine Fackel nicht zu hell brenne. – Auch werden der Engländer und der Pastor ihm gewiss das Feld nicht lassen. – Beide sind froh über ihre Eutökie (leichte Geburt), die sie haben werden, wenn ihre Stunde kommtso nennen sie den Tod! –

Noch hat der Tod keinen dieser

§. 182.

Gruppe

entzogen. Wenn gleich Engländer und Pastor den Tod den Sieg des Lebens nennen und in der Geisterwelt so bekannt sind, wie man weiland zu Rosental im neuen Jerusalem war, ich stehe dafür, keiner von beiden hat fürs erste Luft und Liebe, ein Stein in dieser Siegeskrone zu werden. Hat der Engländer nicht alle hände voll mit Seelenliebe zu tun? Und der Pastor? Unendlich lieber würde' er den himmlischen Heerschaaren zuvor bei sich aufwarten, ehe er ihnen den Gegenbesuch ablegt. Bis jetzt sind jene so ungütig gewesen, sich nicht anmelden zu lassen. – entfernt vom Ceremoniell des Hofes und vom Prunk der Städte, von schmeichelnden Kammerherren und stolzen prahlenden Krämern geniessen in Rosental, wenn es gleich weder irdisches noch himmlisches Jerusalem mehr ist, liebenswürdige Menschen ihr Leben, und bringen an Einem Tage vielleicht mehr vor sich als Weltmenschen in Jahren. – Wahrlich, man führt in

Die natur gibt durch ihre Mannigfaltigkeit und Abwechselung soviel Unterhaltung, dass man die Wehklagen der Höfe und Städte über Langeweile hier als etwas ansteht, das keinen Sinn hat. Wahrlich, nichts leidet unschuldiger als die Zeit. – Man belebt in Rosental das Leblose und findet überall Anlass, aus so manchen Naturblüten sich einen Schatz der Zufriedenheit und her Wonne zu sammeln. Sich vergnügen und sich unterrichten, sich unterhalten und sich belehren, sind hier eins. Wenn Leute von Welt weit lieber unzufrieden mit sich selbst sind, als dass sie ausstehen könnten, dass andere mit ihnen unzufrieden wären, so opfert man hier der Gesellschaft nichts von seinem Kopf und seinem Herzen auf; man bildet beides aus, und diess heisst Umgang. Die Mahlzeiten sind platonisch, die Seele und ihre Bedürfnisse werden bei dem leiblichen Hunger und Durst nicht vergessen. – Einfach und mit Geschmack gekleidet geht alles einher, und nur d i e Mode gilt in Rosental, welche das Modejournal der natur billigt. Oft wird n a t ü r l i c h der Kunst, oft der Unnatur entgegengesetzt. Beide Sophien kleiden sich nicht nach der Hofmode, weil ihr persönlicher Charakter darüber in Collision kommt. Sie wollen individuell sein und sind es. Es liege nicht, meinen diese competenten Richterinnen, ein abstrahirter politischer Charakter der Mode zum grund, wäre das, wie käme Frankreich zur Gesetzgebung oder gar zum Dreifuss? – Man trägt Kleider zur notwendigkeit. – Nimmt man die Mitte von diesem Punkt bis zum Punkt der Eitelkeit, so ist man gekleidet commo il faut. Jene Regel der grossen Welt: "man kann nicht ächte Freunde haben, wenn man nicht grosse Feinde hat," wird in Rosental widerlegt, wo alles Ein Herz und Eine Seele ist. – Selbst Heraldicus junior lernt je länger desto mehr sich wie ehemals in die Zeit schicken, und die Grundsätze beider Sophien, für keine Kenntniss einen Dreier zu geben, an die sich nicht Moral knüpfen lässt, bringen ihn sicherer als Engländer und Pastor zum Schweigen. Ich g l a u b e , Kätchen werde diesen Ungläubigen auch ohne die drei Glaubenspredigten bekehren. –