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, in dem Spiegel von des Herrn Nachbars Kaufmannsglück das Kreuz seines Schwiegersohnes tagtäglich zu erblicken. Zwar konnte nicht geläugnet werden, dass der Emsige, der das Freitischfräulein in jenen Wechseltagen förmlich angefeindet hatte, sich jetzt ausserordentlich gütig gegen sie betrug; allein was tat das zur Sache? Es ist eine weit sicherere Speculation, Menschen zu seinen Wohltätern, als zu seinen Schuldnern zu machen, wenn man sie benutzen will: sind sie das letztere, so wird es ihnen beschwerlich, uns zu sehen, weil sie gemahnt werden; sind sie das erstere, so sehen sie uns als gute Werke an, mit denen man gern prahlt, und an denen man, durch zweckmässige Bemühung, ein Meisterstück in seiner Pflichterfüllung gemacht zu haben sich einbildet. Der Emsige wusste selbst nicht, wie er zu dieser Gemütsveränderung gegen fräulein Cousine kam; indess war diess auch sein wenigster Kummer. Wer macht seinem guten Herzen nicht gern ein Compliment, und wer findet sich durch dasselbe nicht mit dem lieben Gott und mit sich selbst ab? Wer glaubt nicht, durch den Beglückten die Erfolge einer vernünftigen Tätigkeit vermehrt zu haben? Wer eignet sich nicht dadurch ein Recht auf jene Zwecke zu, die der Gegenstand, gegen den wir wohltätig waren, bewirkte? – Der Emsige hatte gewiss diese Ursachen seiner Zuneigung gegen fräulein Cousine nicht auseinander gesetzt; vielmehr begnügte er sich, diese als ein Vermächtniss seiner seligen Frau anzusehen. Auch gut! Selbst wenn wir durch einen minder edlen Beweggrund Wohltätigkeit bekommen haben, gewinnt sie doch über kurz oder lang durch jene edleren Reize, und wir sangen zuweilen an, sie, aus reineren Quellen abfliessen zu lassen. – Das neue Paar war übrigens so wenig gewohnt, sich auf Gnade und Ungnade des ersten Eindrucks zu ergeben, dass an die Befürchtung, die Ameise möchte, zum zweitenmale heiraten, nicht weiter als an diesem und anderen nebeligen Tagen gedacht ward. Die Nachricht, dass seine Tochter sich in mütterlichen Umständen befände, war der Kreuzkrankheit des Emsigen ein wohltätiges Kraut und Pflaster; und da er sich entschloss, auf die Güter seiner Kinder zu wallfahrten, bewirkte die schöne natur, wozu seine gesegnete Tochter vorzüglich mit gehörte, auf dem eingefallenen, verbleichten gesicht dieses Mannes einen so lieblichen Märzschein, dass man mit Grund vermuten konnte, das Landleben würde unserm Leidtragenden eine wohltätige Medicin geworden sein, wenn ihn nicht der Posttag und der Wechselkurs zurückgerufen und aus einem unbekümmerten, das heisst g l ü c k l i c h e n Sterblichen auf's neue wieder einen Kreuzträger gemacht hätten. Uebrigens hatte unser Emsige nicht das mindeste Ansehen; denn da er von seinem Vermögen keinen äussern Gebrauch machte, und das Geld, so wie alles auf Erden, nur durch Anwendung seinen Wert bekommt, so zog kein Bauerjunge den Hut vor ihm ab, welches ihm indess, weil er den seinigen gern schonte, so unwillkommen nicht war, ob er sich gleich ganz augenscheinlich und wie durch das Einmal-Eins überzeugte, dass einzig und allein auf der Börse der Ruf des Reichen hinreichend gilt, da er dort der Hahn auf dem Mist ist. Die

§. 13.

Niederkunft

der Frau Baronin erfolgte den17**. Ein S o h n brach die Rosen ihres keuschen Busens. In der Tat, sie war schön, und der Nachbar hatte nicht Unrecht, ihretwegen einmal die Börse zu verabsäumen; – der Mutter dieses lieben Geschöpfes aber hätte er vergeben und für ihren Gruss danken sollen. – Da dieser S o h n der Held der gegenwärtigen Kreuz- und Quergeschichte ist, so wird wohl jeder nach Stand, Würden und Verdiensten belieben, hier bei diesem Kindbette (nach Art des Bischofs, wenn ihr Majestät die Königin von England in die Wochen kommen will) sich aufzuhalten und sich die Zeit nicht lang werden zu lassen. Lange soll es nicht währen. Die Wöchnerin hatte den ersten Sieg ohne Verlust errungen, und war, fröhlich wegen des Vergangenen, und voll guter Hoffnung wegen des Künftigen. Den ritterlichen Herrn Vater indess wandelten auf einmal Wehen an, indem der Gedanke wie ein Gewaffneter ihn ergriff: Dein Sohn ist Johanniterritter- unfähig. Er unterlag diesem Türken von Gedanken, und fand keinen Trostgrund, der ihn entband. Schwerlich würde das FreitischFräulein ihm diesen Dienst haben leisten können. Zwar hatte er so viele christliche Liebe und männliche Zuneigung zu seinem auch in den Wochen nach schönen und liebenswürdigen weib, dass er sich bemühte, ihr seinen Schmerz auf alle Weise zu verbergen; indess härmte ihn diess schleichende Fieber so ab, dass, wenn man den Lauf der natur nicht besser gekannt, der Zweifel sich hätte einschleichen können: ob er oder sie in Wochen gekommen wäre? Kind und Mutter waren frisch und munter; nur der Herr Vater lag (nach Art gewisser Völker bei denen die Ehemänner die Sechswochen halten) am Verlust, der JohanniterEhre in Hinsicht seiner Descendenz so gefährlich

§. 14.

krank,

dass alles im ganzen haus seinetwegen in Besorgniss stand. Niemand war verlegener bei diesem sonderbaren Zufalle, als der grundgelehrte Hausdoktor, indem er in seiner vollständigen Receptensammlung nichts von dieser Krankheit fand; wie ihm denn auch in seiner lange, todtreichen Praxi nie ein Johanniter-Fieber in den Weg gekommen war. Er verschrieb den Teich Betesda, die Brunnenkur, welche der Baron nicht so ganz unrichtig den faulen Knecht der ärzte hiess. So wie indess in Fällen, wo die Kunst verzweifelt, die mütterliche Güte hat, zu hülfe zu kommen oder zuzuspringen,