war Gamaliel viel zu gutmütig, um Michael unverteidigt zu verurteilen, und dessen Verteidigung vermochte ihn, der für ein gegebenes Wort Ehrerbietung hatte, zu der Angelobung, nie in ihn dringen und nichts von ihm begehren zu wollen, als was Pflicht und Gewissen zu offenbaren ihm erlauben würden. Warum fürchten und ehren Menschen Geheimnisse? Sie denken, selbst verraten und aufgedeckt zu werden. – Und so gutartig unser Pastor war, sollte er wohl ohne Verstandes- und Herzensgeheimnisse gewesen sein – die er, trotz den Ordensgeheimnissen des dienenden Bruders Michael, nicht entdecken konnte? Aeusserst froh, dass der Ritter Sophien gefunden hätte, brannte Gamaliel vor Neugierde, seine künftige Kirchenpatronin zu sehen. Michael war es empfindlich, dass er nicht eben diese Neugierde wegen seiner H a n n e bezeigte. Z u r N a c h r i c h t . Als Gamaliel Sophien sah, ward er so hoch erfreut, dass er seinen unwiderstehlichen Hang zur Mystik darüber volle sechs Wochen aussetzte.
§. 180.
Heraldicus junior
hatte seine Losung von Freiheit und Gleichheit so wenig aufgegeben, dass er vielmehr hiess Wesen noch immer fort, wiewohl unter der Hand trieb. Er gab nicht zu, dass zwischen Generalisiren und sich beim täglichen Brod der vorkommenden Lebensvorfälle nehmen, zwischen Teorie und Praxis, zwischen Gleichheit und Freiheit in Büchern und im Leben ein g e w a l t i g e r Unterschied sei. Bon oben und von unten (a priori und a posteriori) anfangen, wie verschieden! – Wahrlich! wir sollen nicht vom Himmel ausgehen, um auf Gottes Erdboden zu kommen; von ihm himmelan steigen, wenn es angeht und es uns nützlich und selig ist, bleibt die Sache der Menschen. – Unser Freiheitsstürmer war gewissen Menschen gleich, welche die heftigsten Schmerzen geduldig leiden und über Kleinigkeiten verdriesslich werden; die aufspringen, wenn eine Fliege zu hart tritt, und lächeln, wenn das Haus fällt; die den Balken übersehen und den Splitter kritisiren. Käte versteht (eben so wie es ehemals die Ritterin verstand) den Heraldicus junior zu seinem Leisten zu führen; nur fasst sie ihn so leise nicht an, und er lässt bei ihren Zuroten Wein auf ein damastenes Tischtuch umkippen. Jetzt, da er keine Nadelstiche der Baronin mehr fürchten durfte, war er zuweilen fast zu dreist. Bei aller achtung, die er der Asche seines Erblassers widmete, konnte' er sich nicht entbrechen, auf seine Aristokratie, die bis auf veraltete Ausdrücke ging, wovon er sich ein vocabularium gesammelt hatte, zu sticheln, welches ihm Käte zuweilen bis zum Kreuzlahmwerden verwies. Doch haben, fing er an, die überfliegenden Gefühle des wohlseligen Aristokraten die ganze Gegend angesteckt. Angesteckt? wiederholte Käte. Aber Kind, wer kann denn der Vernunft als Vernunft zehn Gebote geben, ohne dass sie sich selbst gibt? Wir sind frei, und die Unterwerfung unseres Willens unter die gesetz, die wir uns selbst vorschreiben, ist der wahre Adel des Menschen. Ward mir unter Donner und Blitzen der Leidenschaften und der Sinnlichkeit das Gesetz gegeben, dein Mann zu sein? Die Vernunft hiess mir, dich zu lieben, liebe Käte. Uebrigens ist es mit Mann und Weib, wie mit den Zwillingen Castor und Pollux, den Söhnen Jovis. Wer zuerst erscheint, ist der Mann, und behauptet Erstgeburtsvorzüge. Nicht wahr, liebes Weib? – Käte lachte aus vollem Halse. – – Sie tut wohl, dass sie ihrem Sklaven erlaubt, in die freie Luft zu gehen. – Vielleicht lernt er hier, sich selbst gelassen, mit der Zeit, dass von der Verschiedenheit und Ungleichheit die wichtigsten Absichten und Vorteile des menschlichen Lebens und der bürgerlichen Ordnung abhangen, ohne dass eben der Edelmann dem Bürger, und der Bürger dem Bauer die Röte des Bluts abspricht und an dessen Verschiedenheit so glaubt, wie der Kalmucke an schwarze und weisse Knochen. – Der Grundsätze von Freiheit und Gleichheit ungeachtet, schien er anfänglich mit den Vorzügen unzufrieden, die man dem Begleiter beilegte. Die grossmächtige Philosophie und der Name Protagoras würden (so konnte Heraldicus junior denken?) enteiligt durch ihn. "Warum nicht lieber Melitides," sagte Heraldicus junior, "der das Brautbett nicht besteigen wollte, weil die Braut bei ihrer Mutter gerechte Beschwerden führen könnte; der nicht wusste, ob Vater oder Mutter von ihm entbunden wären, und der die Lichter sorgsam auslöschte, damit die Mücken ihn nicht etwa finden möchten?" – O, des Aristokraten, rief Käte, der in Michael den Protagoras nicht findet, weil er nicht studirt hat, und der ihn zu Melitides erniedrigt, weil er Begleiter war!
Der Ritter gab dem Heraldicus junior die auffallendsten Beweise seiner Zuneigung. Diess tat unserem Demokraten wohl; und da es ihm nicht entging, dass sein gewesener Telemach seit der Zeit so ziemlich vom Ordenssystem abgekommen war, so schrieb er diese Umstimmung auf die Rechnung seines teoretischen Unterrichts, ohne welchen, meinte er, die lehrreichste Praxis unseres Ritters den guten Erfolg nicht gehabt haben würde.
Je weniger der Pastor loci sich von den Wünschen entfernen konnte, vom Glauben zum Schauen zu gelangen und einen von den sieben Brüdern des reichen Mannes zu sehen, desto mehr begnügte sich sein Eidam mit der lieben Zeitlichkeit; er bemühte sich seine Kinder zu bilden oder ihren Seelen einen Charakter und ihrem Körper eine Stärke zu geben, diesen Charakter zu ertragen. Der Contrast, der zwischen ihnen herrschte, gab zu vielen angenehmen Auftritten gelegenheit, Beide liessen