armen Verwandten merken zu lassen, ging er insgeheim hin zu tun, was er nicht lassen konnte. Sein herzliches Verlangen, wohltätig zu sein, und noch mehr, die kindische Furcht, entMuhme völlig vergessen hatte. Er konnte auf keine Sylbe desselben kommen. Im Eifer über sich selbst, stampfte er mit den Füssen. – Vergebens! – sechs Dukaten, dachte Michael, sollten die alte Frau nicht bewegen, dir entgegenzukommen? Sie kann nicht. Diess machte Michaeln bitter böse auf seine Muhme. Er fragte, ohne dass er sagen konnte, nach wem. – Der arme Michael! Er erregte manches Gelächter, welches er – um nicht auf frischer Tat betroffen und verraten zu werden – verschmerzte. Je aufgebrachter er auf sich, auf die Muhme, auf die Lacher und Lacherinnen war, desto mehr verlor er die Fassung. Wie blind und taub lief er umher; und als er es völlig aufgab, sie zu finden, ob er gleich die sechs Dukaten immer in der Hand hielt, entschloss er sich, aus Rache alle sechs in eine Armenbüchse zu legen, die ein unsauber geschnitzter Lazarus vor der tür des Stadtospitals in der Hand hielt. In diesem Augenblick hörte er eine stimme: "Gott bezahle den gütigen Geber, und geleite den Herrn Michael!" – Die stimme nannte seinen Namen. Flugs kehrte er um, fand seine Muhme, die im Hospital aufgenommen war, gab ihr die letzten zehn Dukaten, die er hatte, und ersuchte sie, in ihrem Gebet seinen Namen nicht laut auszusprechen. Sie versprach es; er küsste sie; lief, kehrte wieder um, und wollte ihr wohlbedächtig noch die sechs Dukaten, die der Lazarus empfangen hatte, zuwenden; – weg war sie! – An seinem Vorsatze, sie von Zeit zu Zeit insgeheim zu unterstützen, hinderte ihn ihr baldiger Tod. – Michael hatte übrigens wenig Mühe, seinen Herrn auszusöhnen, der drei Stunden später ausreiten konnte, als er es sich vorgesetzt hatte. Die
§. 177.
Mutter
empfing ihren Sohn mit der innigsten Freude. S o p h i e , war sein erstes Wort; und ihre Antwort: S o p h i e . – Ausser stand, der Mutter alle erlebte Ordensauftritte zu erzählen, konnte er sich nicht entbrechen, ihr mit dem ersten Buchstaben zu entdecken, dass bei so vielem Schein das wirkliche Wesen nur äusserst klein und unbeträchtlich gewesen, und dass er dem Gastvetter mehr als allen Orden von A bis Z und von Z bis A zu verdanken hätte. Seine Hand, sagte der Ritter, leitete mich unbekannt durch mein Ordensleben, so dass, wenn mein Fuss an manchen Stein stiess, ich doch nicht fiel. – Durch die geschichte der
§. 178.
After-Sophie
verlor der Engländer bei der Ritterin ausserordentlich. Auch war sie nicht zufrieden, dass er ihr und der Tochter des vornehmen Geistlichen eine Zulage bewilligt hatte. Warum Zulage? Am Referenten lag w nicht. Dieser bemühte sich, der Sache die leidlichste Wendung beizulegen. Einem so geistigen Mann wie der Engländer, bemerkte die Mutter nicht unrichtig, sind Fehler dieser Art weit höher anzuschlagen, als fleischlich gesinnten Weltmenschen. Sophiens Ankunft vollendete dass e r h a b e n e V e r g n ü g e n ! Der Gastvetter bat für seine Tochter den Segen, und die Ritterin erteilte ihn mit einer Rührung, die allen Ausdruck übersteigt. Schwester Cousine, sagte der Gastvetter, haben Sie nur den einen Segen? Segnen Sie auch im Namen des Seligen, dessen Andenken uns heute und immerdar hellig sei! Auch mir liegt das traurige Vergnügen ob, ihr den Segen für eine Mutter zu erteilen, die nicht mehr ist. Die Mühe, die ich mir gab, Sophien zu erziehen, weiss der, der die Erziehung des menschlichen Geschlechtes so treulich übernimmt, und sie bei allen Hindernissen, die Menschen ihr entgegensetzen, nicht aufgibt. Die Mutter der Tage gestorben. Eben dieses Segensfest war der Sterbetag eines Elternpaars, das vorausgegangen war. – Die Kürze dieses Lebens, sagte der rührende Gastvetter, ist mir der beste Beweis von der Unsterblichkeit der Seele. – Ihre Tränen verdarben die Freude des Festes nicht. Selbst den Gesichtern gaben sie die schönste Schminke. – Die Verlobung ward ausgesetzt, bis der Engländer sich eingefunden haben würde. Die, Ritterin liess sich nur nach und nach mit ihm aussöhnen; und doch darf ich behaupten, dass er ihrer Verzeihung nicht unwürdig war. Verziehen ist die Sache guter Menschen; doch muss man die Vergebung nicht zu leicht machen, um nicht rachsüchtig zu sein. Wahrlich, es ist die empfindlichste Rache, leicht zu vergeben. Nach diesen grundsätzen handelte die Ritterin. – Michael verfehlte nicht, seinen
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Gamaliel
zu besuchen, nur schien dieser mit dem Holzbündel nicht zufrieden zu sein, das Michael bei ihm ablegte. Die Frage: warum der Begleiter wider sein Versprechen so selten geschrieben hätte? beantwortete Michael durch eine mystische Fragantwort: Können abgeschiedene Geister immer erscheinen, wenn sie wollen? gegen vor ihrem Hingange feierlichst verhiessen? Hierdurch befriedigte der Begleiter freilich seinen Gamaliel nicht völlig, doch bracht' er ihn zum Nachdenken. – Michaels Antwort auf die Frage: was er mitgebracht? setzte den guten Pastor aus aller Fassung. Er wusste nicht, was, er von seinem Protagoras denken sollte. H a n n e n , sagte Michael, und tat so entzückt, als Gamaliel verdriesslich. Doch