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. Wie es zuging, weiss ich nicht, doch fanden sich auch von der ächten Sophie und ihrer ächten Begleiterin Aehnkeiten in diesen Idealporträten. – Es war rührend, als Gastvetter und Ritter ihre Herzen ausschütteten. Der Gastvetter hatte keinen Hehl, dass er in ihm schon bei seinem selbsteigenen Kreuzzuge gegen Rosental seinen Eidam gesehen hätte. Der Ueberfall, den Sophie in der dortigen Gegend machte, sollte diess Paar sich näher bringen.

Als der Gastvetter sich von der Neigung seiner Tochter zu ihm und der seinigen zu ihr überzeugt hatte, war der letzte Wunsch seines Lebens erreicht. Diess Band, dachte er, wirb mir das Glück einer Eutanasie (sanften Todes) bereiten, wenn mein Stündlein kommt. Er hatte nur E i n e Tochter. – Der C a v a l i e r ? war ehemals ein Mündel des Gastvetters. Er sollte in Rosental das Wunderbare bei dieser Sache verstärken. Wie gewachsen er seiner Rolle war und wie sehr er sich auf Rollen verstand, ist uns nicht entgangen. – Als ihr Vater den Cavalier nannte, fiel Sophie in Ohnmacht; sie erholte sich nicht eher, als bis er ihr verhiess, seines Namens nicht weiter gedenken zu wollen. Wer erwartete vom Gastvetter Rollenverteilungen? Freilich ein anderer Teaterdirektor, als der Engländer; warum aber Teater? – Um sich der Denkart in Rosental zu bequemen, und wo möglich die falsche Richtung, die man dem kopf seines Eidams gegeben, zum Besten zu kehren. Auf allen Umwegen und Wegen, welche der Ritter einschlug, verfolgte ihn der Gastvetter; der Genius dieses edlen Mannes war sein Begleiter, und nie hätte er ihn völlig sinken lassen. Desto besser, dass der Ritter ohne diesen Genius sich selbst aufzuhelfen verstand! – Der Gastvetter liess ihn diesen Cirkel ungestört machen, um ihn sich selbst zu überlassen. Die sicherste Art, um weise zu werden und es nicht bloss zu scheinen. – Wahrlich! nicht die Dinge selbst, unsere durch die Individualität bestimmten Vorstellungen machen Wirkungen. – hören Fliegen auf, Fliegen zu sein, sagte der Gastvetter, weil sie blank, und Schmetterlinge auf, Schmetterlinge zu sein, weil sie mit Puder bestreut sind? Das Werk lobt den Meister, der Kranz nicht den Wein. – Der

§. 173.

Gastvetter

ging noch weiter, er behauptete, dass ohne die gemachten Erfahrungen des Sohns die beste der Weiber, die edelste der Mütter die wenigen Sommersprossen nicht verloren haben würde, welche der Schönheit ihrer Seele nicht angemessen waren. In dieser Behauptung ging der Gastvetter zu weit. – Da die Männer sich so gern den Weibern grösser darstellen, als sie wirklich sind, da sie ihren Taten gemeinhin eine poetische Aufschwellung beilegen und sie über Gebühr anschlagen; da die Weiber ihre Existenz nach der Art, wie sie jetzt behandelt werden, noch weniger entüllen können als wir die unsrige (als wir, sage ich, die wir denn doch wenigstens uns p o l i t i s c h s t e l l e n , als wären wir etwas); da es Männer gibt, denen die Weiber Grösse der Seele und entschiedene Vorzüge nicht abstreiten können (obgleich diese Ehrenmänner zwischen dem wahren und dem falschen Gott, zwischen Vernunft und Baal oft gewaltig hinken); da die dergleichen Dinge entweder zur Erholung oberflächlich oder in der Absicht, dort edlen Menschen zu Schutzengeln zu dienen, oder durch Gewohnheit eingeübt, fast wie in Gedanken oder – – mitmachen, was müssen Weiber, welchen man diese geheimen Triebfedern nicht zeigt, von jenen Wundergeeellschaften denken? – Auch wissen Weiber, dass ein gewisser Aberglaube, eine Art von Schwärmerei, sie kleidet, und viele sehen es als einen Putz an, der zu ihren Augen, ihrer Nase, ihrem Kinn und mund absticht. Gibt es nicht Männer, welche diese Denkart ihrer Weiber als die einzige Sicherheit für ihre Treue ansehen? Und ist die Erziehung der Weiber von der Art, dass sie das Wahre von Dichtung in der geschichte und in dem Gedichte abzusondern verstehen? Der Religionsunterricht ist nicht minder Nahrung für die Vorliebe zu Wundern in Hinsicht des andern Geschlechts, der bei uns durch das gemeine Leben eine andere Wendung erhält. Die alte Ritterschaft hatte besonders bei der Ritterin gewirkt, und in der Tat, sie muss bei allen Weibern, ja selbst bei Männern wirken, die sich der Imagination preisgeben. Das Rosentalsche Jerusalem, die Neigung des edlen Weibes zum öffentlichen Zeichen des Vorzugs ihres Gemahls, und der Wunsch, dass auch ihr Sohn ein dergleichen Zeichen, wenn auch unter der Weste, erreichen möchte, der Zufall von gewissen Zahlen, auf die man in Rosental seit einer gewissen Zeit so aufmerksam war, und andere dergleichen Ungefähre, die, bei weniger Zerstreuung und zu vieler Musik, den gewöhnlichen Dingen einen deutungsreichen Anstrich geben, wirkten noch mehr und machten ein an Herz und Kopf grosses Weib zu einer kleinen Schwärmerin. – Wahrlich! sie verdiente eskeine zu sein; und von selbst, ohne dass die Erfahrungen ihres Sohnes dazu beigetragen hatten, war sie geworden, was zu werden sie würdig war.

Der Schwiegervater söhnte den Eidam mit dem Engländer aus, den er kannte und dem er bei seinem Querkopf und seiner Grillenfängerei Gerechtigkeit erwies. Die Ritterin hatte diesem Sonderlinge gestattet, sein Leben in ihrer Nachbarschaft zu beschliessen, ihm ihre Hand zu geben wäre freilich nicht viel weniger gewesen, als wenn sie ihre Religion geändert hätte. Sophie

§. 174.

warb

in eben dem Grade um den