Gemeinhin stammt Tradition von einem Stümper ab, welcher der tradirten Sache nicht gewachsen war. – Auf eine Frage, sagte der Wortführer, eine Antwort, auf einen Gruss einen Dank, auf ein Warum ein Weil; was darüber ist, das ist vom Uebel. – Alte sagen was sie getan haben, Weise was zu tun ist, Glücksritter was sie tun könnten, Kinder und Narren was sie tun wollen. – Soll ich noch mehr Worte dieses Führers mitteilen? Man mag sie in der Anlage dieses Ordens suchen und finden. Luter behauptet: die Beschaffenheit unserer regierenden Herren sei der grösste Beweis der Vorsehung. Tamerlan lachte, da er den besiegten Kaiser Bajazet sah. Nicht aus Hohn, versicherte der Ueberwinder den Ueberwundenen; ich lache, weil Gott zwei der wichtigsten Staaten einem lahmen Wicht, wie ich, und einem einäugigen, wie du, anvertraute. – Doch, sind d i e j e n i g e n , welche die regierenden Herren mit der Regierungslast aus allerhöchstem Zutrauen belehnen, nicht noch weit lahmer und blinder als sie selbst? Und geben diese Lehnsträger der Regenten nicht einen weit stärkern evangelisch-luterischen Beweis der Vorsehung ab? Die höchsten Staatswürden sind nichts als ein Spiel des Glücks; und wenn man steht, wie unvorbereitet ein Liebling zu der höchsten Würde steigt, was Maitressen und Nepoten ausrichten: was muss man von der Regierung des staates denken? Wahrlich, je höher die Aemter, desto leichter sind sie zu bekleiden. Der köstlichste dieser Staatsbeamten ist ein geschäftiger Müssiggänger. – Möchten sich immer die Fürsten für Herren von Gottes Gnaden halten, wenn sie nur nicht in ihrem allerhöchsten Namen so oft Menschen ohne alles Verdienst und Würdigkeit an diesem Vorzuge teilnehmen und die Gesichter dieser geschmückten Teilnehmer glänzen liessen, wie das Gesicht Mosis, als er vom G e s e t z berge kam! – Es ist gewiss nötig, dass unbeamtete Männer zusammentreten, um die schrecklichen Lücken so viel als möglich zu ergänzen; und wahrlich, von jeher gab es Männer, die, um desto mehr zu wirken, unbeamtet blieben, die beschäftigt waren, wenn dagegen Dienstmänner bloss den Dienst – spielten. Jene ahmten die Vorsehung nach, die auch im Dunkeln wirkt; und diesen unbekannten edlen hat man mehr zu danken, als man denkt und versteht. Das heimliche Gericht der mittlern Zeit mag etwas von dieser idee in sich entalten; doch war es den zeiten angemessen, die nicht mehr sind, und wohl uns, dass sie es nicht mehr sind! Warum auch G e r i c h t ? Wer ist es, der recht richtet? Gott! gehe nicht ins Gericht mit den Richtern, die das Volk richten! oder besser, die es quälen und martern, und war' es nur durch eine Kameelslast von Gesetzen. – Ist es nicht besser, ohne Zwangsmittel Gutes bewirken, den Willen durch der Gründe Uebergewicht bestimmen und Täter ziehen, wahre Weisen aufmuntern, und die es nicht sind, bis zu ihrer Blösse entüllen? – Wer Licht mit Jubelgeschrei aufsteckt, will nicht erleuchten, sondern verdunkeln. Es kann herrliche Könige geben, die vom Hirtenstabe genommen und durch Pferde zur Majestät hinaufgewiehert werden, denn ihre Würde ist eine Titularwürde; werden aber die eigentlichen Vorsteher und Volksregierer von den regierenden Herren eben so willkürlich erkieset, was ist da zu erwarten, wenn die Menschheit von Tage zu Tage zum Nachdenken reist und die Vernunft den göttlichen Funken in sich gebrauchen lernt? – – Uebertriebene Begriffe von der Perfectibilität des Menschengeschlechts schaden in eben dem Grade, wie ein zu eingeschränkter Begriff von der menschlichen Vollständigkeit. Eine unrichtige Anwendung sehr richtiger Vernunftbegriffe von einer bürgerlichen Verbesserung, hat ne nicht schon edle Menschen verleitet, zu tun, was nicht taugte? Nicht alles, was teoretisch wahr ist, kann darum so leicht praktisch werden. Im alten Herkommen ist oft mehr Verstand, als in gewöhnlichen Neuerungen. Verstand kommt nicht vor Jahren. – Da der römische Senatorschuh drückt, so wie der Kreuzpantoffel des heiligen Vaters, und niemand diesen Druck empfindet, als wer den Schuh und Pantoffel trägt, was bleibt ausser der Bemühung, die Last zu erleichtern, den Regenten und ihren Dienern mehr übrig, als die Vorteile der Gesellschaft mit jenem Senatorschuh- und Papstpantoffeldruck ins Gleichgewicht zu stellen? Wer dem Volk in Planipedien deutlich zeigt, dass nichts als die G e s e l l s c h a f t drücke, erweiset den Königen und ihren Unterkönigen einen grösseren Dienst, als durch Rauchwerk und Schmeicheleien, die zur Zeit der Anfechtung abfallen.
So wie es eine u n s i c h t b a r e K i r c h e gibt oder eine Coalition, die nicht in Samaria oder in Jerusalem, sondern im Geist und in der Wahrheit Gott anbetet, die in ihren Brüdern Gott verehrt und in der Menschheit ihn siehet, so gibt es auch eine u n s i c h t b a r e S t a a t s v e r f a s s u n g . In jener sind Vorsteher und Wortführer, ohne dass sie die Ordines empfingen; und auch in der unsichtbaren Staatsverwaltung sind Köpfe und Herzen, die sich vor den Riss stellen. Ihr Zusammentritt würde der guten Sache schädlich sein. Schon eine Vereinigung von sieben, die von Einem Herzen und Einer Seele sind – würde sie wohl bei öfteren Zusammenkünften eins sein und eins bleiben und für eins gehalten werden können? Noch nie sind wir vollzählig