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hoffen, dass Menschen je die beste Staatsverfassung erringen werden. Für wen? denkt man; für wen? –

Da man Gott als einen alten ehrwürdigen Mann vorstellte, so konnten die Geister von Glück sagen, dass wir ihnen von unsern Heraldikern (senioren nämlich) die Schnabelmäntel machen liessen. – Die Menschen begaben sich in Hinsicht ihrer nicht der Schöpferrechte; vielmehr machten sie aus ihnen grosse Herren und Diener, je nachdem man sie nötig hatte. Ein armer Taglöhner hält sich seinen Engel, mir nichts, dir nichts; und dieser macht sich eine Ehre daraus, ihm zu dienen, ohne dass es dem Herrn Taglöhner einen Dreier lostet. Die Schnabelmäntel der Seele sind Leidenschaften, und diese existiren nicht ohne Bedürfnisse; was aber für Bedürfnisse schicken sich für Geister? Kostbare konnte man ihnen nicht beilegen, um nicht mehr zu verlieren als zu gewinnen. Man opferte anfänglich der Gotteit, und rechnete es sich zur Schuldigkeit, den Geistern ein Vergnügen zu machen. Man liess sie malenwobei die Malerei am meisten gewann; denn man sagt, dass sie bei weitem das nicht geworden wäre, was sie jetzt ist, wenn den Malern nicht Götter und Geister gesessen hätten. Das beste, was man der Geisterwelt brachtewar Lob. – Freilich leicht, allein auch schwer, je nachdem das Lob ist! – – Aller dieser Verehrung unbeschadet fand doch selbst ein Volt, wie das römische, keine Bedenklichkeit, die Götter in effigie zu strafen und zu beschimpfen, wenn sie nämlich so ungütig waren, nicht zu tun, was man wollte. – Wenn Sokrates seinen Dämon hat; wenn der Stifter des christentum sich durch einen Engel stärken lässt: ist es Wunder, wenn die alten, neuen und allerneuesten Platoniker die Erde mit dem Himmel, die Körper mit der Geisterwelt in eine so genaue Verbindung setzen, dass ein Mensch, der sich mit Geistern verstärkt, mehr t h u n k a n n , als W e r k t a g s m e n s c h e n z u b e g r e i f e n vermögen?

Freilich ist der Mensch ein Knoten, den nur die Gotteit lösen kann; indess sind Versuche, ihn zu entwickeln, doch besser, als wenn man ihn zerhauet. Plato, unser Freund, behauptete: die Bildung des Menschen wäre den Dämonen überlassen gewesen. Diese kneteten den Leib aus den Elementen zusammen; d e r g ö t t l i c h e n , u n s t e r b l i c h e n Seele dagegen ward das Haupt zum Wohnsitze angewiesen. Der g ö t t l i c h e P l a t o liess es bei dieser g ö t t l i c h e n Seele nicht bewenden; er praktisirte noch zwei u n v e r n ü n f t i g e Seelen in den Körper, und setzte die eine ins Herz, die andere in den Unterleibja wohl, in den Unterleib! – Hätte Plato mit e i n e r v e r n ü n f t i g e n Seele im Menschen sich begnügt, er hätte ihr gewiss im Magen die Residenz angewiesen, der auf alles, was Fleisch ist und heisst, einen nicht geringen Einfluss hat. Ein so ächter Republikaner, wie Plato, machte auf diese Weise jeden Menschen zu einer Republik, wo ewiger Zank ist, wo oft Unterleib und Herz nicht wissen, was sie wollen, wo indess doch, durch Erfahrung gestärkt, am Ende die vernünftige göttliche Seele die Oberhand gewinnt, – bis endlich (Gott geb' es!) das Reich Gottes auf Erden sich hervort h u t : eine Staatsgesellschaft, wo nicht Könige, Priester und Propheten (eine andere Art von Unterleib und Herz!) die Gotteit repräsentiren; sondern wo die Menschheit, ihres göttlichen Ursprungs sich bewusst, ihren Geist als einen Ausfluss der Gotteit ansieht, und den Leib so nach der Seele modelt und einlenkt, dass ein Paradies entsteht, in das die Menschheit nicht ohne Mühe und Arbeit hineingepflanzt wird, sondern in das sie sich selbst hineinringen und hinein arbeiten muss.

Da Unterleib und Herz zu überwinden dem kopf zuweilen äusserst schwer wird, so gerät der Mensch aus Seelenverdruss (der vernünftigen Seele) nicht selten in die Versuchung, den Körper für eine Bastille der Seele zu halten; doch diesen Verdruss selbstspielt ihn nicht der Unterleib? Nichts anders, als der Unterleib. Gott! was ist der Mensch! ein Knoten aller Knoten. Ist es Wunder, wenn er sich nach Geistern umsiehet? Nur wenn ihr Kollege, die vernünftige Seele, die H a u p t s e e l e bleibt; wenn sie der Sinnlichkeit und den Leidenschaften ritterlich entgegenarbeitet, sie heiliget, und so mit Weisheit und Tugend in Verbindung setzt, dass selbst das Fleisch, genau erwogen, bei dieser an selbst gegebene gesetz gebundenen Freiheit sich weit besser befinden muss: nur alsdann zeigt sich Hoffnung, der Mensch werde und könne sich auf diesem Wege entwickeln und verstehen lernen. Was der Mensch soll, wird er auch mit der Zeit w o l l e n . Hätte die Gotteit ihm wohl ein Gesetz in die Seele geschrieben, wenn es ewig unerfüllbar bleiben sollte? – Aus dem Gesetzbuch ist ein Volk, das sich selbst gesetz gab, oder dem sie von einem weisen Geber vorgezeichnet worden, am richtigsten zu beurkunden.