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wenn sie gleich vertauscht war, doch immer ein seltener Vogel bleibt. Tochter einer Schauspielerin! sagte der Ritter; Tochter vielleicht eines Papstes, eines Cardinals. Mindestens eines Bischofs, erwiderte der Knappe. Beide sanken in jene besondere Art von Schwermut, welche die Liebe des Leibes und die Verachtung der Seelen an geliebten Gegenständen bei unserem GeLage! sie kam dem Herrn und dem Begleiter so hoch zu stehen, dass ihretwegen zu fürchten war. – Kein g o l d e n e r S p r u c h des Pytagoras war kräftig genug, sie aufzurichten. Bei allen Episoden des Apostel-Ordens schien sein Wink zum Einsiedlerleben ihnen erwünscht. Ihr Entschluss war, die Venus Urania im geist anzubeten, der Welt des Fleisches abzusterben, in gänzlicher Abgeschiedenheit Ambrosia und Nektar zu kosten, mit Gott umzugehen und höchstens mit Engeln ein Kränzchen zu halten, mitten in der Sinnenwelt in einem wundervollen Lichte zu wandeln, im Schimmerlichte des Elysiums das Auge des Verstandes zu schonen u.s.w. – – als ob ein Platoniker sich nicht an Ideen ärger den Kopf verderben könnte, als ein Schwelger durch Lesung eines neuen Kochbuchs den Magen! Als ob! – –

§. 165.

Johannes

kam, welchen der Ritter fest an sein Herz und, nach seiner platonischen Sprache, an seine Seele drückte. Nach dem Engländer Judas musst' ihm dieser Apostel freilich höchst willkommen sein. Fürs erste suchte Johannes seinen Freund mit der Welt auszugleichen. Ein Engel, sagte der Ritter, ist mir erschienen, und wie entwickeln? Johannes, ein Feind alles Ubernatürlichen, wovon der Ritter so oft sich überzeugt hatte, erschien als Wunder in den ritterlichen Augen, weil ein so natürlicher Johannes von allen seinen Ordensschritten fast pünktlich unterrichtet war. Wie erschrak der Ritter über die natürlichen Deutungen so vieler Vorfälle, die er bis jetzt für Wunder gehalten hatte! Freund, sagte der Ritter, was ist Ihnen für eine seltene Wundergabe eigen, alles zu entwundern und das Maschinenwerk der magischen Oper aufzuziehen! – Johannes schonte den Ritter nicht, dessen vorteilhafte Stimmung er zu seiner Absicht benutzte. Es glückte ihm, seinem Freunde die Augen zu öffnen. Man darf nicht die Hälfte vom Kopf und Herzen unseres Johannes besitzen, um so manchen Greuel an heiliger Stätte zu erklären, wenn man den Umstand voraussetzt, dass auch der entschiedenste Philosoph der Glaubensversuchung unterliegen müsse, so bald nur zwei Menschen, von denen er nicht weiss und vermutet, dass sie es auf ihn angelegt haben, ihn m e t h o d i s c h hintergehen. Sind mehr als zwei Menschen dieser Art vereinigt, sind in diesem Bunde Postbediente, Hauswirte, Domestikenhalt, sagte der Ritter, von meinen Domestiken könnt' ich nicht hintergangen werden. Michael ist mein Begleiter, und der Reitknecht so ehrlich, dass, als man Michael zur Vorbereitungsprobe an Hals und Hand kommen wollte, er sich seiner mit unglaublicher Redlichkeit annahm, obgleich Michael so ungütig war, nicht sein Vetter sein zu wollen. Johannes lachte, und in kurzer Zeit war der Reitknecht zum Erstaunen des Ritters überführt, der geheime Postillon der Briefe gewesen zu sein, welche der Ritter auf eine unerklärliche Weise an Orten gefunden hatte, zu denen niemand als er selbst zu kommen im stand war. Der Reitknecht war klug genug, die Wundersprache einzuschlagen und wohlbedächtig vorzugeben, dass ihn der arge böse Feind zu dieser Untreue verleitet hätte. Da indess in Geschäften keine Wunder gelten, und wenn ein Apostel mit dem andern über Mein und Dein schaltet und waltet, eine Erscheinung, und wär' es eine Teophanie, keinen Rechtsgrund abzugeben sich anmassen kann, so sah der Reitknecht wohl ein, dass zwischen Ordens- und gemeinem Leben ein himmelweiter Unterschied sei, so folgerungsrecht es auch immer sein möchte. Kniend übergab er seinem Herrn die Nachschlüssel. Mit Gottes hülfe, fügte er hinzu, wird der Teufel meine Verführer schon holen! – Es war erbaulich, dass Johannes Unbegreiflichkeiten teils augenscheinlich, teils wahrscheinlich begreiflich machte, und Dinge lösete, die dem Ritter bis jetzt unauflöslich geschienen hätten. Wenn wir nichts mehr zu antworten wissen, sind wir dadurch schon zur Meinung des Gegners übergetreten? Ist es genug, dass die Knoten verschoben und verrückt werden? Muss man sie nicht lösen? – – – – Zum Synkretismus hat, seines Wissens, der Ritter nie Neigung gezeigt, nach welchem man mit seinen Feinden Frieden macht, um einen gemeinschaftlichen Feind desto nachdrücklicher anzugreifen. So schwer es unserem Johannes ward, Menschen in ihrer Blösse zu zeigen, so könnt' er es doch da nicht unterlassen, wo nur durch die Entzauberung dieser Ordensmeister die Vorgänge selbst entzaubert werden konnten. Bon Reden kommt Reden, von Tun kommt Tun. Doch bewies Johannes so viel Menschenschonung, dass der Ritter auf keinen einzigen unwillig ward. – In der Tat, es gehörte viel auf seine N o t h t a u f e , so wakker er auch scheint und so sehr er es auch in den meisten Fällen war und noch ist. Fing er nicht mit der Türkengeschichte an? Wollte er nicht Wappenkaiser werden? Ward er nicht durch die zehn Haupt- und so viele Nebenverfolgungen zum Ordensgeiste vorbereitet? Hatte er nicht verheissen, das Rosentalsche Jerusalem zu ehren sein Lebenlang? Ward er nicht zur Maurerei berufen, erleuchtet und geheiligt? Und braucht nicht auch der persönliche Adel Sporen? Wenn man das Kreuz unter der Weste trägt, hört es darum auf, ein Kreuz zu sein