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n a c h ihrer Verbindung in Rosental eingeführt werden, der Ritter wünschte, dass es v o r derselben geschehe. Schon hatte Sophie so viele scheinbare Gründe gehäuft, dass der Ritter schwankte. Bin ich denn nicht, sagte sie, bei aller meiner Unbekanntschaft in Rosental bekannt? Hat nicht Ihr sterbender Vater mich gesegnet und mir ein Recht auf Ihr Herz gegeben? War es nicht Ihre Hauptabsicht das Glück Ihrer Sophie zu machen? Und wirb Mutter Sophie Fehler der Förmlichkeiten auf die Wagschale legen? Sie, die so wie die Gotteit nicht auf das steht, was vor Augen ist, sondern auf das Herz? Besitz' ich nicht Ihre Maurerhandschuhe? Und wer wirb mich begleiten? Sie? was wird dann die Welt sagen! Sie n i c h t ? was dann mein Herz! Doch, was Sie wollen, ist mein Wille; nur dass der Engländer uns nicht trennt, der nicht liebt, sondern Liebesgrillen hat! – Tag und Stunde waren verabredet, wann der Ritter seine Sophie ihrem Pflegvater entführen wollte; und so schlau der Engländer war, und so sehr er seine Sorgfalt seit einiger Zeit vermehrte, so wusste er doch so wenig von diesem Vorhaben, dass er vielmehr aus Sophiens Betragen abnehmen zu können glaubte, sie bemühe sich wider zurück in die ihr angewiesene Rolle zu kommen, wenn sie gleich noch nicht zu den sich reinigenden Seelen, viel weniger zu den Tugenden einer schon gereinigten Seele sich hinaufgeschwungen habe. Es war' auch Schande, wenn Weiber nicht über Apostel wären. – War nicht Delila über Simson und Eva über Adam? Eine Antwort von seiner

§. 163.

Mutter

schob die Reise einen Tag auf; zwar nicht Sophiens; – diese reiste gerade zum Altar, begleitet von dem vertrautesten Freunde unseres Helden. Der Brief entielt die Schlussantwort für den Engländer, der edlen Sojugendlichen Freuden, welche Freude und Unschuld veranlasst hätten, nicht in sie zu dringen. Ihr Entschluss war unerschütterlich; doch, fügte sie hinzu, wird es mir Freude machen, einen alten Freund wieder zu sehenDer Ritter traf den Engländer in keiner seligen Stunde. – Sophie quälte sein Gewissen. – Er war eben aus dem engsten Ausschusse der Apostelversammlung zu haus gekommen, wo man lettres de cachet verabredet hatte, um die falsche Sophie zu entfernen. – Hatte dieser wundertätige Ausschuss keine andere Wege, diess Ziel zu erreichen? Der Engländer las mit augenscheinlichem Entzücken; wenn gleich sein Plan zu einer ehelichen Verbindung abgeschlagen ward, so begeisterte ihn doch die Art, womit Sophie abschlug. Er umarmte den Ritter und drückte ihn fest aus Herz. Sophie – (mehr könnt' er nicht sagen) Sophie ist nicht Sophie. Der Ritter, der diesen Ausdruck auf seine Mutter deutete, erwiderte: Sie ist es wahr und wahrhaftig. – Ach! Sohn und Bruder, wie erschein' ich in deinen Augen! "Als mein Freund, als mein Führer, was ich nie vergessen kann und werde." Diess rührte den Engländer noch mehr, und er schloss dem Ritter nicht nur das geheimnis mit der falschen Sophie, sondern auch so manche Vorgänge im Orden der Apostel auf. – Grauen und Entsetzen überfiel den Ritter, der sich es nie hätte einbilden können, dass Menschen im stand wären, Menschen auf diese Weise zu betrügen. Schon wandelte ihn der Gedanke an, dass vielleicht die ganze Apostelwürde ein auf seinen Zustand eingerichteter Orden wäre; der Engländer beteuerte indess, dass nur einige Episoden zu diesem grossen Werke des Ritters wegen dazu gekommen wären. Viele Dinge, fügte er hinzu, sind mir selbst in diesem Grad unerklärlich; doch ist kein Zweifel, dass die Zukunft mich zu mehreren, meinen jetzigen Horizont übersteigenden Dingen führen wirb. – Gewiss existirt eine noch höhere Region, wo Wunder über Wunder sind. – – Der Engländer war bei weitem nicht am letzten Ende des Aufschlusses, und ich wette, es war's k e i n e r , auch nicht E i n e r . – Die Ehrlichkeit, womit der Vater und Bruder diess sagte, hätte freilich den Ritter mit dem Orden völlig aussöhnen können; indess nährte er den Argwohn, dass man bei Aposteln, die einmal Episoden in ihr System aufnähmen, nicht wissen könnte, woran man wäre und wo diese Episoden anfingen und aufhörten! Die Reue des Engländers, der sich, seiner Geistigkeit unbeschadet, bei dieser gelegenheit etwas fleischlich betragen hatte, konnte das Zutrauen des Ritters nicht gewinnen, der ein Feind aller Heuchelei war. Beide kamen darin überein, dass Mutter Sophie weit eher den Apostelnamen verdiene, als viele Väter und Brüder Episodenliebhaber. Michaeln schlug die fehlgeschlagene

§. 164.

Entführung

so ausserordentlich nieder, dass sein Herr Mühe hatte, sein völlig verstimmtes Gemüt in den gehörigen Stand zu bringen. Vielleicht, sagte er, ist die jetzige Reue des Engländers eine stärkere Episode, als seine bereute Versicherung. Ist es nicht schwer, zu erklären, wie eine Begleiterin, die mit dem Ideal, das man malen lässt, so pünktlich übereinstimmt, nicht die rechte Begleiterin sein soll? Er verlangte, der Engländer sollte beweisen. – Was denn? fragte der Ritter, kann man den Augenschein beweisen? Wenn ich nur wüsste, sagte Michael nach einer Pause höchst betrübt, wenn ich nur wüsste, wiederholte er, ob ich je die ächte Begleiterin finden werde! Ich will Verzicht tun auf das Glück, in ihr die Tochter eines vornehmen Geistlichen zu treffen, die,