zu lernen, und was würden uns alle Ordenskenntnisse, den Apostelgrad nicht ausgenommen, helfen, wenn sie uns nicht standstafter, gefasster, mässiger und weiser machten? Gibt es denn nicht grosse Apostel-Eigenschaften, teurgische Tugenden? Und ist das Gebet der Weisheit, stets bereit zum Sterben zu sein, etwas anderes, als die Bemühung, uns allem zu entziehen, was nicht göttlich ist?
Freilich, erwiderte der Knappe, der Mensch muss so weit als möglich zu kommen suchen, und wen hat je seine Entaltsamkeit gereuet?
Sollte indess die Liebe, fuhr der Ritter fort, nicht etwas Teurgisches an sich haben und Handlungen hervorrufen, die göttlich sind?
Freilich, sagte der Knappe, denn gibt es ein grösseres Ziel als eine vernünftige Liebe? Und kann man Entaltsamkeit üben, wenn man nicht weiss, wo fräulein Sophie und ihre Zofe sich aufhalten?
Aller dieser goldenen Sprüche ungeachtet, konnten beide nicht anders als mit der grössten Ungeduld die zweite
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Unteredungsstunde
erwarten, die indess sowohl von Seiten des Ritters als des Knappen eben so unbedeutend wie die erste ablief. Das nämliche Entzücken, die nämlichen unbeträchtlichen Kleinigkeiten, derselbe Aerger über die Kürze der Stunde, welcher bei der Ankunft des Engländers den entzückten Liebhaber anwandelte. Beide Liebende waren keinen Schritt weiter bei den Nachforschungen gekommen, die sie anzustellen sich vorgesetzt hatten. Keiner von beiden wusste den Ort, wo seine Geliebte sich aufhielt. Beide hatten sich abermals in den Umständen befunden, sich nach dem Wohnort ihrer Gebieterinnen erkundigen zu können. Freilich konnte niemand ihnen den Trost rauben, dass sie Eklektiker und Weise der Weisen wären, und dass, wenn es gleich hart schiene, alles aus allgemeinen und notwendigen Gründen zu rechtfertigen, diese Art doch etwas Teurgisches, etwas Göttliches in sich habe.
Aller dieser weisen Sprüche ungeachtet, entschlossen sie sich bei der dritten Unterredung, zu der ihnen vom Vater und Bruder Engländer Hoffnung gegeben war, durch nichts sich abhalten zu lassen. Es ist die
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drei,
sagte der Ritter; sie wird Heil bringen. Dreimal Heil! erwiderte der Knappe. Beide hatten sich mit ihren Maurerhandschuhen liebreich versehen, ohne gemeinschaftlich diese Verabredung zu treffen.
Nehmen Sie, sagte der Ritter zu Sophien, die Handschuhe, die ich drei-, sieben- und neunmal küsste, als ich sie empfing. Sophien von Unbekannt, sagte ich bei meiner Maureraufnahme, gehört dieses Unterpfand. Wie doch die Liebe, die nicht Mut hat zu fragen, wo die Geliebte sich aufhält, so dreist ist, ein Geschenk anzubieten! Sophie empfing die Handschuhe mit einer Feierlichkeit, die den Ritter rührte, ob sie gleich bei den vorigen zwei Unterredungen schon oft nahe daran war, aus der Melodie zu kommen; und wer kann, ausser in der Oper, singen, wenn er innigst verliebt ist? – Wer andern nicht traut, fing sie an, traut sich selbst nicht; und wer sich nicht auf ein Paar Augen, wo Herz und Seele leibhaftig wohnen, versteht, wer und was kann dem Bürgschaft leisten? Sie sind durch diess Unterpfand mein auf ewig! – Der Ritter hatte nur einen Seufzer in seiner Gewalt. Der Ausdruck versagte ihm alle Dienste. Er Heil der Anzeige von Sophiens Aufentalt eben so wenig wie Eins und Zwei gebracht haben, wenn nicht Sophie selbst ihm Winke gegeben hätte, ehe der Engländer auch die dritte Unterredung zum Schluss brachte. Für einen Mann, wie unser Vater und Bruder, war diess
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Wagestück,
das er unternommen hatte, unerklärlich. Doch wer Menschen kennt, kennt der schon die Liebe? Der Engländer war freilich in vielen hohen und niedern schulen gewesen, um Menschen kennen zu lernen; in der Liebe war er wahrlich kein Eklektiker. Nur S o p h i e n hatte er mit der Seele geliebt; bei allen andern Liebschaften hatte er die Seele, Sophiens Tempel, nicht enteiligt. Er traute seiner Sophie die Rolle vollkommen zu, die er ihr zugeteilt hatte; und, stehe da! sie war ihr zu schwer.
Des Engländers Sophie war
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nicht
die rechte Sophie; sie war vom Engländer untergeschoben, um seine Absicht bei des Ritters Mutter zu erreichen.
So tief konnte sich der geistige Engländer herablassen! Freilich gehörte diese List nicht zu den apostolischen Tugenden der schon gereinigten Seele, und war gewiss nicht teurgisch; indess gibt es nichts in der Welt, das teuflisch wäre, oder das keine Entschuldigung austreiben könnte. Liebte der Ritter nicht den Selbstbetrug? Wenn er es sich nicht übel nahm, die idee seiner Sophie malen zu lassen; warum sollte man nicht seine idee in natura darstellen? Wo ist denn die wahre Sophie? Die Apostel, die zwar Geister, so viel man verlangte, nicht aber die wahre Sophie, citiren konnten, hätten gewiss nicht verfehlt, diese Dulcinea ausfindig zu machen. Nur zu einer Zeit, als sie nicht zu finden war, entschloss man sich zur falschen. Konnte der Vater und Bruder dafür, dass der Ritter so sophiensüchtig war, dass er nicht länger anstehen wollte?
Diese falsche Sophie war gewiss nicht ohne viele Kosten und Mühe zu stand gebracht; und wie? hielt Sophie, für eine nicht gemeine Tugend? War es seine Schuld, dass sie Feuer sing? Warum war der Ritter so liebenswürdig? Der Engländer hatte in seiner vieljährigen Praxis weibliche Tugend kennen gelernt; selbst Festungen nicht, die auch nur capitulirten; – und doch, blieb