zwischen Ritter und Sophien, Begleiter und Begleiterin, wurden näher verabredet. Nie in seinem Leben waren zwei Menschen so gespannt, wie Ritter und Michael, und wäre das bewilligte
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tête-à-tête
noch länger ausgesetzt worden, sie würden vergangen sein vor lauter Hoffnung. Man sah wie wenig beide das sinnliche Vergnügen von der Bestimmung des Menschen ausschlössen und wie weit sie noch im alten, neuen und neuesten platonischen Testamente zurück waren. – D i e S t u n d e k a m . – S o p h i e ! – war alles, was der Ritter sagen konnte, und S o p h i e erwiderte: R i t t e r ! Die stumme Scene dauerte länger als man denken sollte. Sie haben sich verändert, sagte Sophie, und brach diess Stillschweigen. Sie nicht, erwiderte der Ritter. Er nahm das Porträt von seinem Busen und küsste es, entzückt über den Umstand, dass Sophie so Zug für Zug getroffen wäre. In der Tat waren ähnliche Züge im Originale und in der Copie nicht zu verkennen. Wenn Leute in der Raserei griechisch redeten oder Verse machten, was sie in Stunden der Besonnenheit nicht vermochten und ihr ganzes voriges Leben hindurch nicht vermocht hatten, warum sollte die Liebe hier nachstehen, da sie, wie Michael meinte, nicht wie der Zorn eine kurze, sondern eine v e r n ü n f t i g e N a s e r e i ist? Sophie und der Ritter konnten sich nicht genug ansespräch übrig blieb. Sie fing vom Orden der Verschwiegenheit und von der Adoptionsloge an, allein der Ritter brach schnell ab, weil er seit der Zeit so viele Orden und Grade durchgegangen war, dass es ihm kaum zu verdenken gewesen wäre, wenn er wie weiland der Werbehauptmann, als ihm der Ritter den ersten Grad des Verschwiegenheits-Ordens anbot, aus vollem Halse gelacht hätte. Ach Sophie! sagte er, ich könnte böse auf alle meine Ordensverbindungen sein, weil sie mich so glücklich nicht werden liessen, Sie zu finden. Die gleichgültigsten Dinge, denen die Liebe wie bekannt oft das grösste Interesse und eine fast unglaubliche Wichtigkeit beizulegen gewohnt ist, füllten die Stunde aus, und ehe noch der Ritter fragen konnte: wie Sophie zum Nachbar gekommen, was es mit der Krankheit der Nachbarin für eine Bewandtniss gehabt, warum sie so eilig jene Gegend verlassen, kam der Engländer und bat, die Unterredung zu schliessen. Die Zeit, sagte er, ist verflossen. Wie schwer für den Ritter! Sophie verstand den Ritter, denn sie war in eben derselben Lage. Sie konnte nicht umhin, dem Geliebten einen blick des Trostes zuzuwerfen, und hiermit auf heute geschieden. Du bist
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grausam,
sagte der Ritter zum Engländer. – Nicht ich, der Anstand ist es. – Anstand? erwiderte der Ritter. – Allerdings, sagte der Engländer. – Die Liebe, fuhr der Ritter fort, hat den Anstand gemacht, und kann ihn wider heben oder einlenken. – Du bist Apostel, erwiderte der Engländer, du bist Eklektiker, Weiser der Weisen. Ihr esset oder trinket, Ihr herzet oder küsset, Ihr tut, was Ihr tut, tut alles zu Gottes Ehre! Sich, Sohn und Bruder! Sophie ist Weib und könnte, so sehr ich auch für sie zu stehen übernehmen will, durch die feurige Zuneigung eines so liebevollen und liebenswürdigen Jünglings sich missleiten lassen. Der Ritter fühlte freilich, dass er noch nicht zu den so genannten T u g e n d e n d e r s c h o n g e r e i n i g t e n Seele, den betrachtenden und teurgischen, gekommen war, indess hatte er auch so die Welt nicht genossen und die Welt ihn nicht, wie Vater und Bruder Engländer. Er drang zu antistoisch, zu antiplatonisch, zu antiaristotelisch, zu antipytagoräisch in ihn, und je dringender er ward, desto kälter stellte sich der Vater und der Bruder, denn solch ein grosser Eklektiker er zu sein s c h i e n , w a r er doch so wenig kalt wie der dere Manier böse ist. – Sie über drei Tage abermals eine Stunde sprechen zu können, war alles, was der Ritter erreichen konnte.
Michaeln ging es kein Haar besser und schlechter, als seinem Herrn. Er hatte die Begleiterin dem Bildnisse, das er an seinem Busen trug, so ähnlich gefunden, dass er seinen Herrn vielfältig versicherte, es könne kein Ei dem andern ähnlicher sein. Da der Begleiter eben so wenig Zeit gehabt, sich nach dem Aufentalt der Zofe zu erkundigen, wie sein Herr, wo Sophie anzutreffen sei, so gab es zwischen Herrn und Diener eine kurzweilige Unterredung, bei welcher einer dem andern Vorwürfe machte, ohne dass es auszumachen war, wer von beiden sie am meisten verdiente. Zwar konnte Michael nicht läugnen, dass es ihm besser angestanden haben würde, durch die Kammerzofe Sophiens Aufentalt zu ergründen, indess musste man dagegen in Erwägung ziehen, dass diese Frage zu den neugierigen und vorgreifenden gehörte, die sich weder für Ritter noch Knappen geziemen. Beide, Herr und Begleiter, gaben sich, geleitet von der inbrünstigsten Liebe, alle nur ersinnliche Mühe, den Aufentalt Sophiens und ihrer Zofe auszuforschen; da indess alles vergeblich war, so fing der Ritter an: Was uns bewegt edlen Dingen nachzustreben, muss uns auch bewegen sie entbehren