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zu reisen, sondern zurück zu stiegen. Schon war mein Onkel, der bei aller seiner Härte ein gütiger, menschlicher Mann war, durch mein unablässiges Bitten dahin gebracht, dass er in die Heirat mit deiner Mutter willigte; allein stehe! in dieser Zwischenzeit ward sie die Gemahlin deines Vaters, und durch ihn deine Mutter. Von dem Augenblick dieser Nachricht an hörte ich auf, der zu sein, der ich bis dahin war. Von Stunde an fröhnte ich der Sinnlichkeit. Ich schlug eine Partie aus, die mein Onkel mir aufdrang, und er enterbte mich. Wahrlich, deine Mutter hat mich glücklich und unglücklich gemacht; sie allein lenkte die Schicksale meines Lebens, und selbst (dir sei es anvertraut) bei sinnlichen Ausschweifungen war sie das Bild, das ich anbetete; nicht den feilen Gegenstand, sondern nur sie liebte ich; ihr Andenken war es, das mich bei recht grossen Anerbietungen verpflichtete, allen ehelichen Verbindungen zu entsagen, und wenn nicht meinen Körper, so doch meinen Geist ihr zu weihen. Die Verlegenheit, in die mich die Enterbung meines Onkels setzte, zwang mich, mein Vaterland zu verlassen, und in Indien Geschäfte nicht zu unternehmen, sondern zu wagen. Alles gelang, und allemal übertraf der Erfolg bei weitem das Ziel, das sich meine Erwartung gesteckt hatte. Alles, was ich versuchte, war unter dem Panier deiner Mutter; ihr Bild ging mir überall vor, ich mochte beginnen, was ich wollte. Mit Reichtümern, die für einen Privatmann ungewöhnlich sind, kam ich zurück in mein Vaterland, und zog die genauesten Nachrichten von deiner Mutter ein. Dein Vater lebte noch; doch wollt' es ein Traum, dass ich hierher käme, um wenigstens die Luft eines Landes mit deiner Mutter einzuziehen. Meine Gesundheit hatte durch meine Ausschweifungen und arbeiten, in die mein Leben sich geteilt hatte, gelitten; und ein Gesicht machte aus einem schnaubenden Saulus einen Apostel. In England ist die Maurerei ohne Kraft und Nachdruck; ich fand in ihr nicht den mindesten Reiz. Ich ward Quäker, Metodist, und alles, was excentrisch macht und dazu beitragen konnte den Geist dem Fleische zu entreissen. Du bist Mitglied vieler Orden geworden; ich zähle deren mehr. Du hast, so jung du bist, manches in diesen Verhältnissen erfahren; glaube mir, meine Erfahrungen übertreffen die deinigen! Und wenn ich gleich nur selten fand was ich suchte, so war doch meine Bemühung nicht überall vergeblich. Ich darf hoffen, in meinen Ideen, dass der Mensch sich entkörpern könne, weiter gekommen zu sein. Nimm, mein Sohn, von mir ein geheimnis, das eines Apostels würdig ist. Der Mann a l l e i n kann weder im Fleisch noch im Geist etwas bewirken; in Gemeinschaft m i t e i n e r M ä n n i n vermag er mehr, vermag er viel, vermag er alles. – Weisst du jetzt, was ich bei der Ehe mit deiner Mutter beabsichtige? Die altplatonische Liebe bestand in einer geistigen Liebe, die ein Mittel zur Seelabbildung war. Hier bedurfte es nicht eines Männleins und eines Fräuleins; zwei und mehr Männlein waren im stand, unter einander eine platonische Liebe zu stiften (zwei und mehr fräulein können sich nicht füglich unter einander platonisch lieben). Der Neoplatonismus liess sich vielleicht aus Scheinheiligleit auf das Liebeskailtel nicht ein; wogegen das neueste platonische Testament jenes Liebessystem verbesserte, und jene geistige Liebe nur zwischen Männlein und fräulein nachgab, die nicht Hand in Hand, sondern Seele in Seele, Geist in Geist sich zu Gott erheben. – Gott ist die Liebe!

Der Ritter, durch die Neuheit dieses Vortrages hingerissen, belass jedoch noch so viel Besinnung, dem Vater und Bruder den Einwand entgegen zu setzen, dass bei diesen Umständen eine eheliche Verbindung mit seiner Mutter zur Sache wenig oder nichts bei tragen könne; allein der Engländer behauptete: die von der natur eingesetzte und von der Gotteit geheiligte eheliche Verbindung sei durchaus nötig, um aus Mann und Männin nur einen vollständigen Geist, ein Ganzes zu machen, und durch dieses Ganze in der Geisterwelt mehr Progressen, als in der körperlichen zu bewirken. Da diese sonderbare Unterredung zugleich den Fall zwischen dem Ritter und Sophien, wiewohl mit einem kleinen fleischlichen Zusätze entschied, so mochte der Ritter wohl oder übel wollen, er musste der Sache näher treten. Beide vereinigten sich dahin, dass der Ritter der Verbindung des Engländers mit seiner Mutter nichts in den Weg legen, vielmehr dieselbe sogleich schriftlich, und in Zukunft mündlich, bitten würde, dem Engländer ihre Hand zu geben, und durch die äusseren Zeichen der Ehe eine platonische Liebe des neuesten Testaments zu veranstalten. Als der Ritter dieses Versprechen auf eine feierliche Art abgelegt hatte, erhielt er eine gleich feierliche Gegenversicherung, Sophien in wenigen Tagen zu sehen.

Der Ritter war zu voll, als dass er in der ersten Hitze an Michaeln hätte denken sollen. Nachdem er sich zu haus mehr gefasst, und den Begleiter von dem was vorgegangen war, unterrichtet hatte, liess dieser nicht nach, und der Ritter musste ein Postscript der Verheissung bewirken, damit auch Michael zum Ziel seiner Wünsche gelangen möchte, wobei Michael bei allem Respekt für den Geist sich wohlbedächtig auch das Fleisch nicht nehmen lassen wollte, – welches, wie ihm Gamaliel zu seinem nicht kleinen Troste zugesichert hatte, selbst im grab nicht bleiben, sondern, wiewohl geläutert, zum Vorschein kommen oder auferstehen wird. – Die Punkte der Zusammenkunft