von der Manier der Holländer. Wenn Mann und Frau in Holland, will's Gott! dreissig bis vierzig Jahre Tee zusammen getrunken haben, so wird keins von beiden, falls Gott Eins lieber hat, je nachdem es gut oder böse war, sich freuen oder betrüben. Was Zuneigung und Liebe heisst, gehört in Hinsicht der Kauf- und Handelsmänner auf der Börse zu haus, wo sie mit Inbrunst, Herzensbeklemmung und einer Art von verliebter Exstase zittern und froh sind, vor Empfindung verstummen oder beredt werden, schwer oder leicht Atem holen, seufzen oder jubeln, sich die hände reichen oder wegstossen – Als Braut und Bräutigam zu der Sterbenden wollten, war sie in Verlegenheit; und, siehe! selbst ihre Tochter wollte sie in den letzten Lebensaugenblicken nicht bei sich haben. An den Baron war vollends nicht zu denken; ihr lieber Mann allein sollte sie nicht verlassen noch versäumen. Die Tochter nannte sie, wie ehemels, S o p h i e , und hatte sie gestern und ehegestern und seitdem sie zu sterben glaubte, ermahnt, ihrem Vater gehorsam zu sein bis in den Tod! Der Emsige hatte bei sich geschworen, alles anstässige, und vornehmlich das Wort W e c h s e l , zu vermeiden; indess entfuhr ihm doch hiess confiscirte Wort, und lichterloh war es zu bemerken, wie der Sterbenden vor dieser losen Speise ekelte. Vergib! war ihr letztes Wort, nachdem sie kurz vorher den Nachbar zu grüssen gebeten hatte. – Dieser Harterzige blieb den Dank schuldig; er hätte danken sollen! Er vernahm ihre Reue, und hoch vergab er nicht; vielmehr war er so bitterböse, dass ich fast glaube, er wird den Himmel verbitten, wenn Madam sich dort aufhält. – Viel würde' er dabei nicht einbüssen, weil dort ohne Zweifel keine Börse ist. Ob der Himmel verlieren wird, ist noch weniger die Frage. – Freilich war es die Sterbende gewesen, die dem Nachbar Hoffnung zur Hand ihrer Tochter gemacht, ehe beide den Stern gesehen hatten. Darum aber einer Sterbenden zu fluchen! Hat Sophie verloren, dass sie nicht Frau Nachbarin ist? Ich glaube nein. Der Emsige, der an sich ohne alle Beobachtungsfähigkeit war, verwunderte sich höchlich, dass seine liebe Frau sich nur auf eine allgemeine beichte einliess. Freund, die allgemeine beichte liegt in der natur des andern Geschlechtes. – Er hätte vielleicht Ursache gehabt, über das Wochenbett, wodurch er rechtskräftig zum Vater der freiherrlichen Braut erklärt ward, sich einige Aufschlüsse zu erbitten, worüber, wie es hiess, viel zu sagen wäre; doch fiel es ihm nicht ein, es auf eine dergleichen Ohrenbeichte anzulegen. Sie blieb ihm unter den Händen. Der Emsige, der während seines ganzen vieljährigen Ehestandes beständig sich ein Auge zugedrückt hatte, drückte jetzt seiner lieben Frau, mit einem völlig ausgesöhnten Herzen, beide zu, und kam mit einem Gesicht, das malerisch war, zu den Verlobten. Sie ist tot, sagte er. Die Tochter weinte und gab sich Mühe, durch das Johanniterkreuz sich aufzurichten, welches ihr indess durch das mit Tränen bedeckte Auge so reizend nicht dünkte. Der Emsige dachte gewiss an seinen Tod, auf dass er klug würde; sonst hätte er nicht so kenntlich den Zug im gesicht stehen lassen, der so laut sagte: Friede sei mit euch! Es ward eine Conferenz angezettelt, ob die Hochzeit aufgeschoben werden sollte. Der Baron drang auf Nein, da die Hochzeit still, ohne Klang und Sang wäre. Der Emsige trat bei: wir wissen warum. Die Braut schien zwar nicht völlig unzufrieden, dass die Pluraliät schon vorhanden war, ohne dass sie ihr Votum abgab; sie hatte indess ihre Mutter zärtlich geliebt, und würde' es eben so gern gesehen haben, wenn die Aussetzung der Hochzeit per plurima wäre entschieden worden. Dessen ungeachtet ward beliebt, das Consilium des Geistlichen, der die Seelenangelegenheiten des Hauses besorgte, einzuholen. Dieser Ehrenmann fand es bedenklich, dass Madam ohne sein Vorwissen und seine Genehmigung die Zeit mit der seligen Ewigkeit verwechselt hatte; aber nachdem ihm der leidtragende Herr Wittwer zu verstehen gegeben, dass der Tod, ohne sich melden zu lassen, gekommen (à la fortune du pot, würde das alte fräulein gesagt haben), und dass die Selige in den Worten: "Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf dass ich klug werde!" viel Heil und Segen gefunden, so schien der Hausgeistliche diese Worte auch auf seinen selbsteigenen Seelenzustand zu nutzanwenden, und begnügte sich sein säuberlich (in Miterwägung, dass er seine Gebühr schon bei der Trauung einholen könne), dem entseelten Körper auf dem Leichenbrette und nachher in der Erde eine sanfte Ruhe, und am jüngsten Tage eine fröhliche Auferweckung zur Auferstehung der Gerechten zu wünschen. "Ihre Seele," fuhr er fort, "ist in Gottes Hand, und keine Qual rührt sie an." Keine Qual rührt sie an, wiederholte der Emsige, und sah dem Baron, ich glaube ganz von ungefähr, ins Gesicht. In der Hauptsache eröffnete der Herr Gewissensrat, nachdem ihm der Casus vom Vater und Bräutigam uno ore vorgetragen worden war, seine Meinung praemissis praemittendis dahin: dieweil Ehen im Himmel geschlossen würden, die selig verstorbene Brautmutter nächstdem auch, wie wir nach der Liebe hofften, sich in den fröhlichen Wohnungen der Gerechten befände, und christliche Todesfeier weit eher ein Freuden-, als ein Trauerfest wäre, sie auch selbst