nicht dafür erkennen. So zeigen sich auch Richtsteige zu Seele und Leib, die man durchaus aus dem einzelnen Falle lernen muss. Nie liessen sich unsere Apostel wie – – r auf sichtbare Schäden ein, die sie, als ihnen zu klein, den Wundärzten anheim stellten: vielmehr kurirten sie innerliche Schäden durch Glauben, durch Schrecken, durch Freude, durch Ueberfall, durch Schmerzableiter, durch Richtung auf einen Punkt ausserhalb der Krankheit, durch eine Art von Wortzutrauen (Logolatrie, Wortabgötterei), und wenn es hoch kam, durch L u f t und W a s s e r . – D a s L u f t b a d , dessen sich B e n j a m i n F r a n k l i n bediente, war hier sehr excolirt. – Durch weisen Genuss, selbst in Krankheiten, ist unendlich mehr, als durch strenge Entaltsamkeit ausgerichtet. Entaltsamkeit tödtet gemeinhin; weiser Genuss begeistert – macht fast tote lebendig. – Es ist ein heimlich wirkendes Gift, drei Tage fasten und beten und den vierten in Anfechtung der Völlerei fallen. – Wir zittern vor jedem Glück und haben keine unangenehme Vorempfindung beim nahen Unglück! – Diess und das, Abhärtungen, Ahnungen, Träume, Vorurteile, Gebet, Gesang, Lectüre und, sollte man es denken! reine Vernunft, wohl angebracht, waren hier Arzneien, die man cum grano salis vorteilhaft benutzte. – Die Metode, den Kranken aus seiner politischen Lage zu setzen und ihn nach Umständen zu erniedrigen und zu erhöhen (in seiner Vorstellung) tut Wunder. Ich habe einen Kranken gesehen, der ohne Hoffnung lag. – Einen Kranken? Nein! es war ein Sterbender. Er genas. Und tat der Menschen- Kauf- und Handelsmann nicht dasselbe, ohne Apostel zu sein?
Dass ein kaltblütiger Mensch eher als eine g e ä n g s t e t e W i t t w e , die vom Gläubiger und vom Richter geplagt wird, e i n e Q u i t t u n g f i n d e t , liegt in der natur der Sache.
Es gibt schon Physiognomien, die alles herausfragen können (fast möchte' ich herausblicken sagen), was sie wollen. Ein blick aus ihrem Auge macht, dass die Wangen des schamlosesten Bösewichts hochrot anlaufen, und den Tross und Auswurf der Menschen wissen sie, wo nicht zu erziehen, so doch von Ausschweifungen abzuhalten. Die Morgenstunde hat zur Menschenkenntniss Gold im mund und hilft selbst die unzulänglichen Grossen der Erde von Angesicht zu Angesicht, von Auge zu Auge, von Zahn zu Zahn, von Zunge zu Zunge, und fast von Seele zu Seele kennen zu lernen. Man wasche ihnen die Füsse, damit man die erlaubnis erhalte, ihnen den Kopf zu waschen. – Der Diener hat immer das erste und beste Stück aus der Schüssel; nur mit dem Unterschiede dass er es verstohlen und geschwind, der Herr dagegen langsam und sicher nimmt. Gab es nicht einen denkwürdigen Staat, wo man die feurigsten Liebeserweisungen stehlen musste?
Wenn die Vernunft dem Genie unterliegt, wird es ein Dichter, wenn das Genie von der Vernunft bemeistert wird, wird es ein Philosoph; wenn Genie und Vernunft gleich stark bleiben, ist es – man helfe mir auf einen Namen! – mehr oder weniger als Prophet? Die Zukunft scheint vor dergleichen Menschen einen Vorhang nach dem andern aufzuziehen. – Es sind die glücklichsten Seelenspieler, wenn ich so frei sein darf. Freund Plato war erst Dichter (und wer war es nicht, der etwas Grosses in der Welt vorstellte? Dichtete nicht auch Sokrates unter der Hand?), dann Philosoph und Matematiker. Ob er von den Zahlen sein mürrisches Wesen und seine Anlage zum Neide her hatte, weiss Gott. – Die Zahlen sind böse Gesellen – wenn sie nicht pytagoreisch und geistig gerichtet sind.
Auch gibt es geborne Rätsellöser; Menschen, die aus zwei gegebenen Umständen den dritten sogleich finden. Ich lernte (heisst es in meinen Nachrichten) einen Mann kennen, der den Dieb der – – – im ersten Augenblick entdeckte. Niemand weiss, was Gott ist, als der Geist, der in ihm ist. Gott ist unerforschlich; Geister sind, je nachdem sie Gestalten anziehen, schwer oder leicht zu ergründen. Der Geist des Menschen dagegen, der die Mode seines Anzuges vom Anfang seiner Existenz bis auf den heutigen Tag nicht verändert hat, ist aufs Haar zu treffen. – Kein Gedanke ist ohne Einfluss auf den Körper, ohne äusseren Ausdruck. Siehe! und du wirst den seelenlosen Ruhigen vom Ruhigen aus grundsätzen leicht unterscheiden. Bemerkst du nicht die Gedankenfiröme auf dem gesicht des Denkers? Das Gesicht ist eine Seelenkarte. – Mache die Tore weit und die tür hoch für den, den Gott so gezeichnet hat! – Zwischen s e h e n und schauen – welch ein Unterschied! – Wer etwas doppelt sieht, hat schlechte Augen. – Was diesem erscheint, schwebt jenem nur vor Augen. – Kunstliebhaber sehen und urteilen oft richtiger, als die strengen Herren Kunstverwandten.
Einst (ungern erzähl' ich die geschichte), einst wurden unser Held und sein Knappe zu einem Sterbelager geführt. Der Abscheidende sprach wie der sterbende Sokrates. – Man bat ihn, sich noch der vorgeschriebenen Ordensmittel zu bedienen. Meine Stunde ist kommen, erwiderte unser Sokrates; Ihr wisst selbst, dass Ihr Nachrichten nötig habt, die Euch seit sechs Wochen ausgeblieben sind. Ohne