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des Kleisters, die Bluts- und Gemütsübereinstimmung des Geschlechtes zu versinnbilden. Ob es übrigens aus Pergament oder blossem Papiere bestanden habe, wird leider! in meinen Nachrichten nicht bemerkt; und da ich es vorzüglich darauf anlege, treu befunden zu werden, so will ich diesen Umstand weit lieber mit bescheidenem Stillschweigen übergehen, als ihn voll Eigendünkel mit falschen Vermutungen ausstatten. Vielleicht finde ich noch loco congruo gelegenheit, diese Stammtafel anzuführen. Der dritte Paragraph mag sich mit dem Postscripte von Anmerkung begnügen, dass dem Familienkasten, in welchem dieses Kleinod von Stammbaum lag, die Form des Kastens Noä beigelegt war, so dass (obgleich, wie es sich von selbst versteht, nach verjüngtem Massstabe) dreihundert Ellen seine Länge, fünfzig Ellen die Breite und dreissig Ellen seine Höhe hielt. Auch war er von Tannenholz und (des weisen Sittenspruchs: "wer Pech angreift, besudelt sich," ungeachtet) mit Pech, Notabene nur inwendig, nicht v e r - , sondern a u s gepicht, und verdiente sonach, caeteris peribus, mit allem Rechte der K a s t e n N o ä genannt zu werden. Ausser dem Seniori Familiae gehörten zu dieser Bundeslade vier Assessoren, welche die vier an Jahren auf den Senior folgenden Freiherren von Rosental waren und im gemeinen Leben schlechtweg K a s t e n h e r r e n hiessen. Jeder von den Kastenherren hatte einen Schlüssel, nach Anzahl der fünf besonderen Schlösser; dem Seniori kam das Schloss in der Mitte zu, das die übrigen vier an Grösse bei weitem übertraf und auch, wie Rechtens, einen grossen Schlüssel erforderte, welcher gewöhnlich der K a m m e r h e r r n s c h l ü s s e l genannt zu werden pflegte. Ich will dieser heiligen Rolle nicht zu nahe treten, die mit so vielen Randglossen verbrämt war, dass die Tressen das Tuch, die Noten den Text kaum frische Luft schöpfen liessen. Nur auf das, was unumgänglich nötig ist, wollen wir uns einschränken. Dahin gehört unter andern, dass vier arme von der Rosentalschen Familie sich ergossen hatten. Einer war g r ä f l i c h , einer bestand, wie man sagte, aus s i m p e l n E d e l l e u t e n , zwei arme, und bei weitem die zahlreichsten, waren f r e i h e r r l i c h . Die Gräflichen schrieben sich ausschlussweise Grafen v o n u n d z u R o s e n t h a l , und hiessen zuweilen die E d e l s t e i n e der Familie; die simpeln Edelleute von R o h s e h n t h a a h l , weil sie, nach unwiderlegbaren Urkunden, von jeher des Buchstabirens rühmlichst unbeflissen gewesen waren, wobei sie sich denn auch bis auf den heutigen Tag hochansehnlich zu erhalten um so mehr Mühe geben, da sie sonst sehr leicht den Ruhm des Altertums aufs Spiel setzen könnten. Was hülf' es dem Menschen, wenn er das Buchstabiren gewönne und nähme doch Schaden am grauen Altertum seiner Familie? Zuweilen wurden sie die F a m i l i e n e c k s t e i n e genannt. – Was die beiden freiherrlichen arme betrifft, so schrieb sich der eine m i t , der andere o h n e Circumflex am Ende des Namens, so dass jene, m i t diesem Circumflex, auch C i r c u m f l e x e r hiessen. Zuweilen wurden sie E l e p h a n t e n genannt, und obgleich diese Benennung ihnen nicht zur Schande gereichte und von keinem Spötter erfunden zu sein schien, so sahen sie doch diesen Namen als einen Spitz- oder Ekelnamen an. Auch hiessen in dieser steinreichen Familie die o h n e : Flintensteine, die m i t : Steine des Anflosses. Die Circumflexer waren wieder nach ihren Häusern unterschieden und hiessen M ü h l - , R e i b - und N i e r e n s t e i n e , womit ich aber weder meinen Lesern noch mir einen Stein in den Weg legen will. Wer es seiner geben wollte, nannte jene mit dem Circumflex bloss: m i t , z . B . F r e i h e r r v o n R o s e n t h a l m i t . – Man hatte zu dieser Ellipsis noch eine besondere Ursache; es ging nämlich die Rede, dass, so lange die Circumflexer existirt hätten, zwei Drittteile von ihnen einen Buckel gehabt. Ob es bloss ein artiger Scherz oder eine unartige Wahrheit gewesen, dass der Stamm o h n e den Stamm m i t durch Brief und Siegel, durch Urteil und Recht, gezwungen hätte, bukkelig zu sein (welcher Rechtsspruch bei gelegenheit eines dreissigjährigen Lehnsprocesses rechtskräftig geworden war), lass' ich dahin gestellt sein. – Wie viel durch Urteil und Recht möglich ist, wissen wir alle. Dieser Hokuspokus macht das Gerade krumm, das Krumme gerade, erklärt Menschen für tot und spricht: kommt wieder Menschenkinder! je nachdem es im Rate der Schöppen beschlossen ist. Ich selbst habe drei Rosentaler gekannt, welche diesen Auswuchs (dieses Harz, wie es die anderen arme der Rosentalschen Familie, um es sein und lieblich zu geben, auch wohl zuweilen nannten) nicht läugnen konnten