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, wie es hiess, moralische Zauberei getrieben. Die Endabsicht des Menschen ist durch die höchste Bildung seiner Kraft zu einem Ganzen in Absicht seiner selbst und der Gesellschaft zu gelangen. Wie ist diese zu erreichen? Wie bringt der Mensch seine höhere Vervollkommnung zu stand? Wie entsteht die Erschlaffung seines Wesens? Durch Liebe und achtung wird der Mensch geadelt, durch Interesse entehrt, und nur, wenn er ins Allgemeine mit Verzicht auf alles, selbst auf Dank arbeitet; wenn er in sich die Menschheit, das göttliche Bild sieht und nichts zum Mittel erniedrigt, was die Ehre hat Zweck zu sein; wenn er bei den Universalrecepten gegen die moralischen Uebel nicht vergisst die natur des Individuums zu berechnen, das er beurteilt: nur dann, dünkt mich, kann der Mensch sich einen moralischen Zauberer dünken, wenn anders Zauberei und Moral nicht zu heterogen sind.

Im Sinaiorden nicht also.

Die Gesetztafeln auf Sinai hatten den Menschen anders veranschlagt. Man gab secreta monita, nach welchen der Mensch sich selbst nichts und andern Priester die arme Seele. Man überzeugte sich, dass Sklaverei von jeher glücklicher als Freiheit gemacht hätte. – Volkstäuschung, Maschinensklaverei waren die Hauptwörter, um durch ein zwar barbarisches, doch universelles Mittel dem kleinern Teile durch Aufopferung des grösseren Ruhe und Gemächlichkeit zuzusichern. Man suchte den Menschen von den Gütern des Geistes abzuleiten, die weder Motten noch Rost fressen, nach denen weder Diebe graben noch sie stehlen, die in Glück und Unglück uns nicht verlassen und die zuletzt zur herrschaft der Sitten bringen, anstatt der gesetz. Ach mit den lieben Gesetzen! Sind sie mehr als übertünchte Gräber? Weltklugheit galt auf Sinai, nicht Weisheit. Höchstens lernte man schlaue Kenntniss und richtige Beurteilung alles dessen, was uns nützlich und schädlich werden kann. Wenn zwei Kenntnisse zusammenkommen, hiess es, steht die eine, welche dir frommt, wie bei den Substantiven im Genitiv. Immerhin sei die gesetzgebende, richterliche und ausführende Macht in der Despotie vereinigt! Weiss der Despot, wie es der Fall gewöhnlich ist, keins von dieser Dreieinigkeit zu gebrauchen, desto besser; alsdann regieren Lieblinge. Es führe ein Geschlecht, welches es wolle, das Ruder, die Klugheit wird schon ergründen, was Trumpf, das heisst wer König ist. – Es muss Menschen geben, die, wenn sie nicht besser sind, so doch für besser gehalten werden. – Man lasse ihnen ja diese Ehre, wenn sie gleich nicht mehr taten als mit dem kopf nicken, während der Zeit du dir ihn zerbrachst. Ist es nicht besser Fürst zu sein als es zu heissen? Weder ein römischer Senatorschuh noch ein Kreuzpantoffel des heiligen Vaters schützen vor dem Podagra. – Sokrates ward durch bie Heliäa, durch ein V o l k s g e r i c h t , das aus 400 Personen bestand, zum tod verurteilt. – Die Menschen sind entweder Tadler oder Schwätzer. Wer liest? wer merkt auf das, was er liest? Wer verwandelt das, was er liest, in Grundsätze? Wer sucht es zu üben und in Handlung zu zeigen? Im Freistaat ist jeder Monopolist; jeder sucht den Scepter an sich zu reissen. Man figurirt oder jakobinisirt. – Krieg aller wider alle ist das natürlichste und beste. Sieh dich um! Eins frisst das andere in Gottes Welt, und Eheleute, die sich am öftesten entzweien, haben die meisten Kinder. – So bleibt es immerdar. – Was kann E i n Staat, der sich veniam aetatis erringt, in dem einer des andern Freiheit achtet? Ist nicht alles noch im weiten feldja feld –, wenn s e i n G e s c h w i s t e r unmündig bleibt? – Dergleichen Vorreden führten zum Dekalogus auf Sinai. Uebrigens ward es hier, wie gewöhnlich, auf Unterricht, nicht auf Erziehung angelegt, obgleich diess nichts anders als E s s e n und Trinken ist. Der Bruder Präparateur hatte so wenig Anziehendes, dass der Ritter mit ungewohnter Laune bemerkt: mache einen Kleck, und du hast seine Silhouette. – Im Orden auf

§. 147.

Tabor

fand die Ritterin Mutter zu i h r e r Z e i t hohe und tiefe Winke. Unserm Ritter und seinem Knappen war Tabor, die Wahrheit zu gestehen, zu leicht und zu natürlich, um hier zu finden, was vielleicht wirklich, vielleicht bloss der Ritterin darin lag. Der Prediger widersprach seiner Gönnerin nicht, doch war ihm Tabor unbeträchtlich. – Er fand hier nicht Zeichen und Wunder. Tabor schien einer Art von christlicher Religion Vorschub zu leisten, die nicht pastoral war. Eben der Voltaire, der sich die Freiheit nahm, zu sagen: Je ne suis pas Chrétien, mais c'est pour t'aimer mieux, versicherte einen Kapuziner, dass er nicht Genie und Stärke genug besässe, ein Trauerspiel aus Christi Leiden zu entwerfen.

Die Aufnahme war ohne alle Feierlichkeit. Alle Territionen fielen weg. – Eine sanfte Musik entzückte die Aufzunehmenden. Ihr Tema war: d i e G o t t h e i t e h r e n h e i ss e i h r g e h o r c h e n ; ihre Macht erhebe sie über die Menschheit, – ihre Güte bringe sie zu uns. – Der Ritter muss bei so vielen OrKein Hierophant, kein Demiurgus, ein schlichter Der Ritter beteuerte: ob er gleich bis jetzt wenig Hierauf ward er mit wasser und