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wenn der Mensch nicht durch übernatürliche hülfe – – Wäre die Pastorin nicht ins Wort gefallen, es wäre ohne Zwist, den diessmal Gamaliel erhob, nicht abgegangen. Doch konnte der Schwiegervater nicht umhin nachzuholen, dass Freiheit für den denkenden Mann ein Geschenk des himmels, für den gemeinen Haufen ein Dolch wäre, um allem, was beglückt und erfreut, das Leben zu nehmen. Muss es denn ein Freistaat sein, wenn die Grundsteine des Rechts, der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Glückseligkeit gelegt werden sollen? Eben so leicht will ich an die Existenz verwünschter Prinzessinnen und ihrer Entzauberung glauben, als mich überzeugen, dass alle unvermeidlichen, mit jeder Gesellschaft amalgamirten Bürden gebornen Oberen zur Last zu legen sind. Hätte heute doch Gamaliel an meiner Stelle die Anekdote vom Freiheits-Herold Fox in England gelesen! Foxens Vater, Lord Schatzmeister, war Schuld an einem Defect von andertalb Millionen Pfund Sterling. – Die Sache kam vor das Unterhaus. – Und die Auskunft des Sohnes? Fünfmalhunderttausend Pfund kommen auf meine Rechnung; mein Bruder wird mir nicht nachstehen, und ist für einen Lord Schatzmeister eine gleiche Summe wohl zu viel? Wahrlich! die Menschen müssen noch viel weiter fortrücken, nicht im Wissen, im Tun, wenn Freiheit ein Wort des Lebens zum Leben sein soll, sagte der Pastor; und als ihn sein Schwiegersohn in die Enge treiben wollte, fügte er hinzu: Lässt sich nicht alles in ein System zwingen, wenn man List und Gewalt braucht, und nach der Philosophen Weise alles an Einen Nagel hängt, mit Einem Bande bindet? – Die Menschen wissen gemeinhin nicht, was sie wollen. Glauben Sie, Herr Sohn: Despotie ist leichter als Freiheit zu tragen. – –

Ob der Herr Sohn glaubte? Ich zweifle.

Nicht lange nach diesen Tagen hatte der Glaube des jungen Ehemannes mehr zu tun. Durch seine überzeugung, dass in Dingen von weniger Bedeutung die Meinung des Schwächern und nicht des Stärkern durchgehen müsse, gewann Kätchen mit seinem guten Willen so zusehends die Obermacht, dass der Ehemann selbst das Band zusammenzog, um sich zu binden, und unser Freiheitsherold befindet sich nicht übel unter dem Pantoffeljoche seiner Gattin, hinreichend befriedigt, bloss gegen seinen Schwiegervater die Ehre der Freiheit behaupten zu können. – Wollen die meisten Menschen mehr als die Freiheit, von der Freiheit sprechen zu können? Man sagt, es gehören durchaus Fehler, wenn gleich nicht zu grosse, dazu, um eine Ehe glücklich zu machen. – Der Orden vom

§. 143.

Tal Josaphat

hatte viel Aehnlichkeit mit den bekannten Orden zu la Trappe und dem Orden des heiligen Grabes; nur waren hierbei nicht die mindesten weltlichen Aussichten, vielmehr schien alles Seltene und Schwere aus den vier Hauptregeln des heiligen Basilius, des heiligen Augustinus, des heiligen Benedictus und des heiligen Franciscus in den Vorschriften dieses Ordens zusammengetragen zu sein. Ein grosser Trost für unsern aufgenommenen Helden war, dass bei jeder dieser Regeln dispensable stand, so dass am Ende nichts weiter übrig blieb, als:

Die Pflicht, sieben Stunden zu schlafen;

Zweimal sieben Stunden, es sei körperlich oder geistig, zu arbeiten und die übrige Zeit sich zu vergnügen;

Ein Tagebuch von jedem Tage seines Lebens in der Art zu halten, dass über Wachen und Schlafen ein be

Das siebente Jahr war ein Erlassjahr in Absicht der Tagebücher; dagegen sollten alsdann die geführten Tagebücher durchgegangen werden, um zu bemerken, ob und in wie weit der Wachstum im Guten zugenommen habe. Man trug in der Versammlung ein härenes Hemde, aber wohl gemerkt, über dem Kleide. Der Orden gebot drei Tage in der Woche wasser und Brod; aber nebenher konnte man sechs, auch mehr wohlgewählte Schüsseln und Weine geniessen. Der Ritter bemerkt, dass kein Orden unter allen, die er erhalten, von A bis Z und von Z bis A, Mitglieder gehabt, die so herrlich und in Freuden zu leben gewohnt gewesen, wie die Mitglieder des Ordens vom Tal Josaphat. Michael selbst hatte bei aller Strenge seiner Grundsätze die grösseste Mühe von der Welt, sich der Verführung zur Unmässigkeit zu erwehren. Auch ward in keinem Orden mehr geschlafen und weniger gearbeitet als hier. Diess gab unserm Ritter und seinem Knappen zu vielen Bemerkungen Anlass, wiewohl es füglich bei der einzigen Frage hätte bleiben können: Was kann Menschen bewegen, ü b e r m e n s c h l i c h e D i n g e zu übernehmen? Nie müsse, sagte der Ritter, der Mensch einen Entschluss in einer traurigen Stimmung seines Gemüts fassen; nie müsse er eine Lebensweise für sein ganzes Leben erwählen, und nie einen Vorsatz, ausser dem, Gutes zu tun, auf immer ergreifen. Zwar sei ein Entschluss, im Affekt genommen, gemeinhin kräftiger als einer bei Mutlosigkeit der Seele; doch sei ein durch Nachdenken zur Ruhe gebrachtes Gemüt allein im stand, den Menschen richtig zu bestimmen, und diese Bestimmungen würden es nie darauf anlegen, die natur zu überflügeln und sich Dinge zuzumuten, die den Schein behaupteten und die Kräfte verläugneten. Da der Ritter indess bei sich fest beschlossen hatte, nie die Menschen auf eine und dieselbe Art zu beurteilen, indem viele von ihnen bei ganz verschiedenen Handlungen eine und dieselbe Absicht hätten, wogegen sie auch bei verschiedenen Triebfedern in ihren Handlungen völlig übereinstimmen könnten, so ward dem Tal-Josaphats-Orden, eben so wenig wie vielen andern Orden seines Gelichters, mit keiner Kritik zu nahe getreten. Wer nicht richtet, wird nicht