; das Ungesuchte in ihrem Anzug liess dagegen eine gewisse leichte Ordnung – (Unordnung wäre ein zu starker Ausdruck) – spüren, die entzückte. – Ihr Anzug bekeidete sie nicht, er umfloss sie. – So umschweben Gewänder die Göttinnen, wenn sie gemalt werden – Kann man Göttinnen anders als im Deshabillé sehen? Um nicht in den Verdacht zu fallen, ich sei (wie diess oft der Fall mit Schriftstellern sein soll) in sie verliebt – will ich abbrechen. Ihre abschlägigen Antworten wurden mit mehr Grazie gegeben, als bei tausend andern das Jawort. Ueberhaupt verstand sie nein zu sagen auf eine Weise, die unnachahmlich ist. Ich bin nicht witwe, sagte sie. Das Andenken meines Gemahls lebt in mir. – Wenn man die Hauptflüsse in Erwägung nimmt, die den wohlseligen Ritter zeitig befielen, ist fast nicht mit Gewissheit vorauszusetzen, dass sie durch seine persönliche Abwesenheit nicht viel verlieren konnte?
Wahrlich, die Heldin unseres Helden, fräulein Sophie von Unbekannt, kann die Gesellschaft Sophiens ohne e und den Punkt auf dem i nicht lange mehr missen, wenn sie nicht zu sehr in dieser geschichte verlieren will. – Niemand ist weniger schuld daran als ich. – Zwar weiss ich, dass aufbrausender Entusiasmus in der Liebe das Herz nicht selten zu Erwartungen verleitet, die äusserst schwer zu erfüllen sind; doch muss alles, Warten und Erfüllen, Hoffnung und Genuss, seine Zeit haben. Ober ist vielleicht
§. 141.
fräulein von Unbekannt
ein Wesen höherer Art? eine Halb- oder Huldgöttin? Wird diese Liebe geistig bleiben? sich in Dunst wesenloser Dinge auflösen, und nie zu Tat und Wahrheit gelangen? sich bloss in die Kräfte der Seele, nicht aber in die des Körpers ergiessen? Der Besuch Sophiens von Unbekannt in Rosental war in der Tat nicht bloss geistig. Sie sollte unsern Helden sehen und sich sehen lassen. Und warum Zurückhaltung? Die Erscheinung in Rosental war angelegt. – Die Nachbarschaft wusste in der Tat nichts mehr, nichts weniger, als was sie beichtete; und unserer Erschienenen ward heit um so leichter, da auch sie die geheime Absicht derselben nicht kannte. – Der junge Cavalier, mit dem sie drei Viertelstunden sich unterhielt, war ihr weitläufiger Vetter. Er ward in diese Scene so wie Sophie verflochten, ohne den Zusammenhang zu wissen. Ist die gute Nachbarin durch geheime Einflüsse krank gewesen, so nahm fräulein von Unbekannt an diesem Geheimnisse keinen teil; und ihr Auflegen der hände war eine gewöhnliche Art, durch dergleichen Händedruck den Kopfschmerz zu betäuben. – Diese Krankheit der Nachbarin konnte unserer Unbekannt nicht glücklicher und nicht unglücklicher kommen. Unschuldige, unbefangene Herzen sind schnell überwunden, sie widerstehen entweder gar nicht, ober so unbeholfen, dass, wenn nicht der geliebte Gegenstand (im Fall er nämlich in ebenderselben Lage ist), so doch alle Umstehenden gleich wissen, woran man mit ihnen ist. Fliehen ist in diesen Herzensnöten das beste. Gewiss wäre unser Paar nicht beim A B C der Liebe geblieben, wenn die Nachbarin nicht so plötzlich hätte aufbrechen müssen. – Dass Sophie von Unbekannt nicht von sich abhing, darf ich das bemerken? Sie hatte die Hauptrolle dieses Schauspiels, und spielte sie schön, ohne dass sie woher? und wohin? wusste. Ob der glückliche Erfolg dem im Verborgenen wirkenden Schöpfer dieses Werkes Freude gemacht? Allerdings; – doch leider nur auf eine kurze Zeit. Eben da er es vollenden wollte, begann der Ritter auf Ordenswegen seinen Kreuzzug nach Sophien. Ein Umstand, der den Schöpfer aus seinem ganzen Concept brachte. – Ob ihn sein Schauspiel gereute? Er hielt es für einen misslungenen Kreuzzug; doch war er ein Welt- und Menschenkenner, der so leicht nichts aufgab, was er angelegt hatte. Wer wird Umständen seinen Plan aufopfern? Der Schöpfer glaubte den besten teil zu ergreifen, wenn er Sophien abwechselnd in der Einsamkeit ihr Ideal verherrlichen liess, um in der grossen Welt, wohin er sie zuweilen brachte, sich desto mehr zu überzeugen, wie unerreichbar ihr Ideal sei. Auch gut, dachte er, dass der junge Mann kreuzzieht. Sein Hang zur Schwärmerei wird sich legen, wenn er der Sache näher tritt. Legt sich nicht durch nähere Bekanntschaft des angebeteten Gegenstandes alles? So und nicht anders bemühte sich unser w e i s e r S c h ö p f e r , Unglück zum Glück umzuformen. Wer wollte auch unterliegen und nicht das nagende Gift unangenehmer Vorfälle lieber schnell loszuwerden suchen, als es mit sich herumtragen? – sehnsucht und Abwesenheit brachten bei Sophien von Unbekannt das Ideal zu einer Grösse und Würde, dass es keinem in der Welt einfallen konnte, ihr hochgespanntes Verlangen könne von irgend einem Sterblichen, als ihrem Vielgeliebten, befriedigt werden. Auf diese Weise ist unser Ritter seinem Ziele näher, als wir glauben? So scheint es; doch schläft der Verräter? Unser Dreiviertelstundencavalier, der in dem angezettelten Schauspiel auf keine Weise den Liebhaber spielen sollte, nahm sich die Freiheit, sich sterblich in Sophien von Unbekannt zu verlieben. In eine Verlobte? In diesem Lichte war freilich Sophie dem Schauspieler gezeigt; und eben dieses Licht machte, dass er seine leidenschaft zu unterdrücken und sie in der tiefsten Dunkelheit zu lassen sich entschloss. Wie weit er es in dieser Stärke der Seele gebracht hatte, weiss ich nicht; doch weiss ich, dass die Don-Quichotterien des Ritters, den er (so weit war es gekommen) als seinen Nebenbuhler ansah, ihn von Tage