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gilt mehr, als viele Scheffel Scheidemünze. Durch Entaltsamkeit vermehrt sich der Appetit, durch Kasteien die Fleischeslust. – Bei wenigen Bedürfnissen kann man grösser sein als ein Fürst. – Nicht von Stern und Band, Urteil und Recht, Stock und Degen, vom inneren Wesen der Dinge und von der darauf gegründeten Meinung des Weisen hängt die Ehre ab. Verliert man sie nicht gemeinhin, wenn man sie in den Gerichtshöfen durch drei Instanzen gewann? Gemeinhin sucht die Justiz Nester, wenn die Vögel ausgeflogen sind. Sie nimmt dir oft das Deine, um von dem, was des andern ist, dir ein Dritteil zuzuwenden. – Der Finanzier will Leibes-, der speculirende Philosoph Seelenluxus. – Menschliche Allwissenheit ist unerträglicher und schädlicher, als Unwissenheit. – Mit Praxis und Erfahrung anzufangen, ist der kürzeste und sicherste Weg. Hasse keinen, liebe die Menschen, sei wie ein Bischof Eines Weibes Mann; keines oder vieler Mann sein, ist schädlich an Leib und Seele. Erschrick nicht über jeden Knall, ärgere dich nicht über jedes Sandkorn, das unter deinen Sohlen knistert. Tue recht, scheue niemand, gehe mit deinen Feinden so um, als ob sie deine Frennde werden können. Wer nicht zweifelt, weiss auch nicht; alles Gute ist der Rose gleich, die mit Dornen umgeben ist. Man kann unmöglich entscheiden, wenn keine Sachuntersuchung vorausging. – Unmässiger Tadel ist erträglicher, als unmässiges Lob. – Faulheit ist das grösste Laster. – Der Druck ist der beste, der dem Geschriebenen am nächsten kommt, und das Instrument das schönste, das der menschlichen stimme am ähnlichsten ist. Ein junger König und ein alter Minister sind gemeinhin dem staat nützlicher, als ein junger Minister und ein alter König. Gehe nicht auf fremden Füssen, denke nicht mit bezahlten Köpfen, verdiene dein Brod nicht mit deines nächsten Händen, höre und sieh mit eigenen Ohren und Augen, so wird es dir wohlgehen und du lange leben auf Erden. Nur der ist frei, der die Freiheit des andern ehrt. Leidenschaften stecken an; sie sind Tyrannen, die alles stürzen, was ihnen im Wege ist. Vergrössere dich nicht auf Kosten anderer. Der Neid geniesst so wenig, wonach er strebt, als der Geiz; er schadet, wenn er gleich sich selbst nicht nützen kann. Weiche vor ihm, wie vor einer Kohle, die, wenn sie nicht brennt, schwärzt. – Freunde sind Zeitdiebe; Feinde lehren uns die Zeit auskausen und uns in sie schicken. Freunde stärken uns im Guten, Feinde machen, dass wir Fehler meiden. Frühe Reue ist Herzens, späte Reue ist Verstandesrene; wenn beide zusammen sind, wird es göttliche Traurigkeit, die niemand gereut. Furcht macht den Gegner dreist; Mut ist ein Schwert, das nicht schlägt, doch das Schwert des Toren und des Frevlers in der Scheide hält. Zu viel Kraft wirkt Ohnmacht. Messer, die man braucht, sind blank, die im Schranke stehen, greift der Rost an. Es gibt Dinge, wo um Verzeihung zu bitten unverzeihlich ist. Eigensinn und Festigkeit ist zweierlei. Nicht verfeinerte List, Tugend ist die Quelle menschlicher Glückseligkeit. Es blühe uns diese R o s e v o n J e r i c h o , und neben ihr die bescheidene Blume j e l ä n g e r j e l i e b e r ! – Gott ist ein Wesen, das aus Weisheit Torheit schafft. Wo sind die Vernunftgründe, die uns zu bestimmen im stand sind die Tugend vorzuziehen, wenn es keine Aussicht jenseits des Grabes gibt? Alles lebt in der natur. – Ist der Tod nicht Leben, so führt er dazu.

Mit diesen Worten endet sich der Unterricht; und wer von meiner Leserwelt in diesem Unterrichte vergebens den Unterricht sucht, und in diesem Garten nach dem Garten fragt, den frage ich, ob er die geschichte von Lysias wisse? Lysias hatte eine Rechtsrede für einen Freund aufgesetzt. Zum erstenmal schien sie dem Freunde vortrefflich, zum zweitenmal mittelmässig, zum drittenmal fand er sie matt und des Ausstreichens wert. Lysias lächelte. Werden denn die Richter sie mehr als einmal hören? sagte er zu dem Freunde.

Da der Orden des heiligen Grabes nicht nur Chorherren, sondern auch Chorfrauen hatte, und unserm Ritter nicht entgangen war, dass diese Chorfrauen Klöster in Spanien, Deutschland und andern Gegenden gehabt; so gab er sich nicht wenig Mühe, diesen regulirten C h o r f r a u e n d e s O r d e n s nachzuspüren. Die Endabsicht war Sophie. Je mehr sich Sophie versteckte, desto grösser war seine sehnsucht; je entfernter sie schien, desto näher suchte er sie sich zu bringen. Es war kein gemeiner Gedanke, sein Ideal von Sophien malen, und ihm ein Chorkleid der regulirten Chorfrauen vom Orden des heiligen Grabes anlegen zu lassen. Da Michael ihn ersuchte, ihm eine ähnliche Malerei in Rücksicht der Begleiterin zu verstatten, so bewilligte er die Kosten, und Michael hatte das Glück, die Begleiterin als Pförtnerin im angemessenen Ordenskleide zu sehen und sich manche herrliche Stunde mit diesem Bilde, trotz seinem Herrn, zu machen. Zwar behaupten einige der ritterlichen Collegen unseres Helden, es gebe wirklich im Orden noch Chorfrauen; indess war dieses Ordenshaus ihnen nicht auf der Spur.

Ob übrigens diess oder andere Umstände den Ritter und seinen Knappen bewogen, unbeschadet der tiefsten Verehrung, die sie für den Grabesorden und seinen geheimen,