1793_Hippel_038_182.txt

in Abwesenheit zu verletzen. Ich, meines Orts und Teils, setzte er hinzu, bin behutsam, mich malen zu lassen, und mehr meiner Brüder dessgleichen. Man kann in effigie empfindlich bestrafen und belohnen. Fällt die wirkliche Execution in rechte hände (Guillotinen waren damals noch nicht erfunden), so ist der Unterschied in der Empfindung nicht gross, in natura oder in Bildniss geköpft, gehängt und gevierteilt zu werden. Die Versicherung, es gäbe Orte, wo er nicht im P o r t r ä t s e y n w o l l e , um alles in der Welt, war so herzlich, dass sie dem Ritter auffiel. – D i e C e r e m o n i e b e i T i s c h e –? Das Benedicite bestand aus den Worten: Memento mori. Die Sitze hatten eine Gestalt von Gräbern. Ein wirklich rührendes Schauspiel! Das strengste Stillschweigen herrschte geraume Zeit, bis eines der Mitglieder sich das Wort mit der Losung erbat: Memento mori. Die Antwort war: Memento mori. Jetzt fing dieser Ordensmann an, aus dem geist zu reden, ungefähr also:

Wir sind hier, zu leben und zu sterben. – Zu leben ist schwer, zu sterben ist leicht, doch niemand kann an den Tod weise denken, der nicht weise zu leben versteht. Es sind blinde Leiter, die alles nach Einer Form haben wollenAlle sollen leben, wie sie, und sterben, wie sie, und doch gibt es Stufen in der Vollkommenheit und Freiheit. Der Freiheit? Allerdings. Von einer Art derselben heisst es im Geist und in der Wahrheit: je freier, desto vollkommener. Der Frevler ist ein Knecht des Todes sein Lebenlang; und so nichtswürdig sein Leben ist, so affenartig liebt er es. Was hat er mehr, als die Handvoll Leben, die dem Weisen nichts gilt, dem Unweisen aber alles? Der Edle könnte sich fast freuen, die Ketten abzuschütteln, womit das Leben ihn fesselte; er weiss, es gilt das Land der Freiheit nach einem Wüstengange, wo ihm so selten Manna und Wachteln fallen und frisches wasser aus einem Felsen spritzt. Freude stört, wie Leid, die Fassung; der Weise ist gleichgültig. Warum auch anders? warum Unzufriedenheit mit einem Leben, auf das, wenn es besser wäre, eine ganz andere Welt folgen müsste, als die wir erwarten? Nicht der, der mit Geschenken dem Dürftigen hilft, nur der ist sein Wohltäter, der ihn in die Verfassung setzt, sich selbst zu helfen. Seht da die Pflicht der Weisen! sie sind nicht da, zu helfen: zu trösten und zur Selbstülfe Anlass zu geben, ist ihre Pflicht. Wenn es der Weisheit gelänge, sich mehr Anhänger zu sammeln und durch den seelerhebenden Gedanken die Pluralität auf ihre Seite zu bringen, könnte nicht manches Gute bewirkt werden, was jetzt auf dem Acker felsiger Herzen erstickt und fruchtlos von wenigen edlen ausgesäet wird? Alsdann freilich wird es verlohnen zu leben! Aber auch jetztsteht es denn so ganz schlecht mit dem Leben? Du klagst, die besten Pläne werden, wenn nicht durch Bosheit der Menschen, so durchs Ungefähr vereitelt, das sich fürs Böse und für Böse öfter, als fürs Gute und für Gute erklärt. Wahr –! – Nur Schwärmer hoffen, ohne zu zweifeln; der Weise zweifelt selbst noch, wenn seine Hoffnung fast völlig erfüllt ist. Er zweifeltnicht um sich den vollen Becher der Freude, dieser Vollendung halber, aufzusparen, nein, weil kurz vor dem Amen seines Plans alles noch scheitern kann. Und kommt es zum Amenstürzt nicht ein Tor in Einem Augenblicke, was zehn Weise ihr Lebenlang bauten? – Doch, Lieber! weisst du, wenn es Zeit ist, dass die Menschen von der Finsterniss zum Licht und von der Torheit zur Weisheit gelangen? Der grösste Beweis, dass wir zu Leiden bestimmt sind, ist, weil Leiden, je grösser, desto sicherer, zur Vollkommenheit bringen. Was willst du mehr, wenn du nur vollkommen wirst? Ist es Fehler, besser von Menschen zu denken, als man sollte, so ist es ein Fehler des edlen, der mir lieber als Scheingerechtigkeit ist, die der Busse nie bedarf. Man denke vom Leben, was man will: gibt es nicht staates- und Familienverhältnisse, wo längeres Leben Glück und Ruhe auf Staat und Familien verbreiten kann? Doch gibt es kein grösseres Unglück, als sich selbst überleben! Das wende Gott in Gnaden! – Wir werden Grabesritter, ohne aufzuhören Lebensritter zu sein. Unzufriedenheit ist die Universalkrankheit, woran der grösste teil der Menschen stirbt: Zufriedenheit ist Selbstschonung und das beste Mittel, das Leben zu geniessen, das mancher Metusalem neuerer Zeit immer geniessen will und bei einem Haar genossen hätte, wenn er im neunzigsten Jahre scheidet. Nur wer weise entbehrt, geniesst; wer nicht übertriebene Empfindung für die Sache selbst nimmt, lernt sich in Zeit und Welt schicken, auch wenn er die Menschen so verändert findet, wie Sully den Hof nach Heinrichs IV. tod.

Dein los ist geworfen, neuer Ritter! Sei Mann im Leben und im tod! Memento mori.

A m R a n d e w a r b e m e r k t : Entält diese Rede mehr, als: Eldorado ist nicht hier, oben oder unten ist Eldorado?

Memento mori, erwiderte der Obere auf