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auch dem Knappen fiel keine schwarze Kugel zur Last. – Von diesen Herzensproben konnte Michael nicht dispensirt werden. – Der Tag ward dem Ritter durch die drei Brüder eröffnet, die, wie es dem Ritter vorkam, ihm eine geraume Zeit nachspürten. Jetzt begleiteten sie ihn durch allerlei Umwege zu einem äusserlich prunklosen Tempel. Hier ward er in ein Gemach geführt, welches die Aufschrift hatte:

Nur das Grab macht weise.

Im Zimmer selbst fand er einen Tisch, auf welchem ein Kreuz, eine Bibel, ein Todtenkopf, ein Dolch, eine Schale mit Blut und eine Schale mit wasser standen. Er befand sich eine geraume Zeit allein, und nun erschien ihm ein ehrwürdiger Greis, ein Mann in seinen besten Jahren, ein Jüngling und ein Kind; und es fiel eine Ceremonie vor, die v e r h a n g e n war. Angemerkt hatte der Ritter am rand: als zum Leben. Wer sein Leben zu lieb hat, verliert es und macht sich von einer Furcht abhängig, die uns von Menschen zu Sklaven entwürdigt. Die Hauptdinge, die ich verlasse, sind es nicht Geschenke der natur, die mir nichts nehmen wird, was sie mir nicht reichlich wieder ersetzen sollte? Wer seine Besitzungen als Teile seines Wesens ansieht, versteht weder Tod noch Leben zu schätzen; ich allein gehöre mir, und nichts ist so mein, als ich. Rechter Gebrauch meiner Kräfte und die Ausarbeitung derselben sind die unsterblichen Güter, die ich jenseits des Grabes mitnehme. Entzückte mich ein sanfter Frühlingshauch, so erschreckte mich der Nord im Winter; er zersplitterte meinen Lieblingsbaum, der mir Schatten vor der Sonnenhitze auf sechs Monate lieh, vor meinen Augen. Doch müssen es Nord und Winter sein? Haben Frühling und Sommer nicht ihre Unannehmlichkeiten, so wie die besten Menschen ihre Launen? Der höchste Grad des Schmerzes ist Fühllosigkeit selbst, oder grenzt an sie; und der höchste Grad der Freude ist Betäubung, Herzensbangigkeit, die dann erst gütig und wohltätig wird, wenn sie sich in Tränen auflöst. Der Tod – –

Warum aber diese R a n d g l o s s e , wenn der Vorhang nicht gezogen werden kann? Der Ritter ward an eine grosse Pforte geführt und ihm angedeutet, dass, wenn er drei, sieben, neun und zehn gezählt hätte, er die Tür selbst aufmachen sollte. Er zählte, tat, was ihm befohlen war, und sah einundzwanzig Ritter d e s O r d e n s v o m h e i l i g e n G r a b e , die von zwei Seiten standen. Einer oben in der Mitte zeigte ihm ein grosses Kreuz, mit den Kleidungen und den Zeichen dieses Ordens behangen, und sprach:

Sehet da die Kleidung der Ritter des Ordens vom heiligen grab!

Nach diesen Worten liess er ihn vor sich hinknien und nahm ihm den Eid der Verschwiegenheit ab. Alle Ritter legten beim Schwur ihre Degen auf sein Haupt. Man hiess ihn aufstehen; er ward zurückgeführt und ihm die ganze ritterliche Kleidung angelegt. Nach seiner abermaligen Einführung, die in Begleitung zweier Ritter geschah, redete ihn der Ordensobere an:

Was man Euch von den Rittern des Ordens vom heiligen grab, welche in der profanen geschichte nicht unbekannt geblieben und zum teil noch vorhanden sind, erzählen mag, so seid Ihr zu einer Würde berufen, die nur das Kleinod weniger Sterblichen ist. Jenen bekannten Rittern des Ordens vom heiligen grab hat man ihre von uns aufgefassten Behauptungen bestritten, dass sie von der Zeit des heiligen Apostels Jakobus, als ersten Bischofs zu Jerusalem, abstammen, und dass Gottfried von Bouillon, erster König zu Jerusalem, oder Balduin der Erste, nichts weiter als Erneuerer des Ordens gewesen; allein unser Orden ist weit über die Zeit des heiligen Apostels Jakobus hinaus. Unsere geheime geschichte wird Euch überzeugen, dass wir dem zwölften Jahrhundert, so reich es auch an Rittern war, wenig oder nichts zu verdanken haben. Mögen müssige Köpfe den Meister über Dinge dieser Art spielen; wir wollen Meister in Tat und Wahrheit sein. Der leibliche Tod ist das los der Menschheit, nicht der Sold der Sünden; und seit dem Ausspruch: Mensch, du bist Erde und sollst zur Erde werden, existirt unser heiliger Orden. Paradies, göttliches Ebenbild, Unsterblichkeit der ersten Menschen sind Hieroglyphen, die Euch mit der Zeit aufgelöst werden sollen. Wir, unseres Orts, kennen den Menschen nicht anders, als er jetzt ist; und wenn er gleich durch Lebensdiät an Leib und Seele sein Ziel sehr weit und viel weiter als gewöhnlich bringen kann, so ist doch der Tod die Art der Verwandlung, wodurch er in der Werkstätte der natur zu einer andern Bestimmung geläutert und gereinigt wird. Wir erhielten aus den Händen der mütterlichen natur Leib und Seele. Die, welche den erstern dem Feuer übergaben, störten die Wege der natur, welche will, dass er durch Fäulniss aufgelöst und als Stoff zu einer neuen Schöpfung vorbereitet werde. – Schon Adam ward begraben; – Abraham kaufte sich ein Erbbegräbniss, und die uralte Welt verbrannte ihre toten nicht, um, sowie einige kultivirte Völker, mit einer Handvoll Asche Luxus zu treiben, oder, wie weiland Artemisia, ihr Getränk damit zu würzen. Moses, einer der ersten Ritter, die in der Welt waren, ein wahrer geistlicher Ritter, der die Chorwürde mit dem Feldmarschallsstabe verband, ward von Gott dem Herrn begraben, so dass wohl nichts klarer bewiesen ist,