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deine

Seele von dir fordern.

Bei diesen Worten rissen ihn zwei weissgekleidete Personen aus diesem Gewölbe, verbanden ihm die Augen, und nach langen Wegen, wobei er in die Höhe steigen, sich oft bücken und kriechen musste, verliessen ihn seine beiden Begleiter mit den ihm nicht neuen Worten:

Klopfet an, so wird Euch aufgetan.

Der Ritter befolgte den Wink, klopfte an, und hörte im Zimmer die gewöhnliche Frage: Wer ist da? Leise ward die Tür von inwendig aufgemacht, an welcher sich der Ritter befand. Soll ich antworten? sagte der Ritter mit Bescheidenheit. Die Tür ward schnell verschlossen und inwendig hiess es: Es ist ein Sterblicher, der sterben lernen will.

Weiss er zu leben?

Er ist in der Lehre.

Bei wem?

Bei sich und andern.

Sucht er Menschen durch sich, und sich durch andere Menschen kennen zu lernen?

Ja!

Wünscht er zu sterben?

So wenig als zu leben.

Glaubt er an sich und an Gott.

Er glaubt, der Mensch sei eines hohen Tugendgrades fähig, und ächter Wille gelte bei Gott für Tat; er tut Gutes und meidet das Böse, weil diess böse und jenes gut ist, nicht weil andere böse oder gut sind, nicht weil eins besser kleidet als das andere; selbst nicht, weil Tugend sich selbst belohnt und Laster sich selbst bestraft. Die Folgen berechnet er nicht; – diess Folgenbuch überlässt er Gott. – Nach bestem Wissen und Gewissen handeln, nennt er fromm sein.

Wird er diesen Standpunkt nie selbst verrücken, noch ihn durch a n d e r e verrücken lassen, wenn auch diese a n d e r n Herren der Welt wären?

Nie.

Wird er aus Verdruss über andere nie sich selbst, und aus Verdruss über sich selbst nie andere leiden lassen? von Selbstass so weit, als von Menschenfeindschaft sich entfernen, ohne selbstsüchtig zu werden und ohne den Menschen nachzulaufen?

Er gelobt es.

Wird er bis aus Ende beharren, um selig zu werden?

Er wird.

Streifet ihm die Schuppen von seinen Augen und lasst ihn hereinkommen.

Er ward in ein Zimmer gebracht, das nur ein sanftes Licht erhellte. Alles ging auf und nieder, so sanft und leise, wie die Herrnhuter singen. Der Ritter allein stand, und zwar mit umgekehrtem gesicht.

Hast du gehört, hiess es, was einer der Unsrigen in deiner Seele geantwortet hat?

Ja, erwiderte der Ritter.

War es die Gesinnung deines Herzens?

Sie war es.

Du bist jung und reich; die natur hat sich angegriffen, dich in eine gute Verfassung zu setzen und dir mit Güte zuvorzukommen. Hast du einen höhern Wunsch, als dieses Leben?

(Jetzt riefen alle: Bedenke, dass du sterben musst.)

Mein Wunsch ist, so zu leben, dass ich dieses und jenes Lebens würdig sei, erwiderte der Ritter. (Ein Schmetterling flog um sein Haupt.)

Glaubst du an andere Triebfedern menschlicher Handlungen, als des Jnteresse?

Ich glaube an Grundsätze.

Quält dich kein Gewissensbiss? Hat keine schreckliche stimme in dem Innersten dir die Kränkung der Unschuld vorgerückt, und dich bloss ein Wahn von göttlicher Versöhnlichkeit beruhigt und dich überredet, das Geschehene sei ungeschehen, und Folgen wären von Ursachen getrennt?

Mein Gewissen ist rein. Ich bin Mensch. – Wenn Ihr mehr seid, werdet Ihr Mitleiden mit meiner Schwäche haben und mich lehren, zu sein wie Ihr. Gottes hülfe grenzt an Menschenohnmacht.

Deine Sprache hat Wärme und Wahrheit. Wir sind nichts mehr als Menschenwir kennen dich; bei uns bist du bestanden. Der Mensch kann her einzig unparteiische Richter seiner selbst werden, wenn er will, so wie er, sein ärgster Feind und innigster Freund zu sein, in seiner Gewalt hat. Frage dich vor dem Allwissenden, in dem wir leben, weben und sind, der d e n Gedanken kennt, den du vielleicht eben jetzt wegstossen möchtest: ob du nicht unzufrieden mit andern bist, weil die natur sie glücklicher ausstattete, als dich? ob du mit den Wegen der Vorsehung zufrieden warst? ob du aus jedem Vorfall, der nicht von dir abhing, Vorteil zu deiner Besserung zogst? ob dir der Gedanke an Gott und an den Tod Schrecken ober Mut gab? (W i c h t i g e F r a g e n ! riefen alle; was wird er antworten?)

D e r R i t t e r . Ich wiederhole mein Bekenntniss: Ich war Mensch, ich bin's noch. Prüfet mich! Noch hat der Neid mir keine schlaflose Stunde gemacht; vielleicht, ich gesteh' es, nicht aus dem reinsten Beweggrunde. Die Ehren, die der Staat austeilt, sind mir zu klein, um sie zu beneiden. Werden nicht Leute damit belohnt, die es so wenig verdienen? Nimmt man ihnen nicht alles, wenn man sie dieses Scheinvorzugs beraubt? Sind es mehr, als Titulaturverdienste? Und urteilt selbst, ob ich nicht Ursache habe, zufrieden mit der Vorsehung zu sein! Sie tat viel an mir. Nicht zu gewissen Stunden und nur wenig dachte ich an Gott, wenn Beten an Gott denken heisst; doch war meine Seele froh, wenn ich an ihn dachte. Wer bei traurigem Gemüte an ihn denkt, läugnet ihn im Herzen und bekennt ihn mit seinen Lippen. – Das ist mein Glaube.

Wirst du keine arbeiten erschweren oder erleichtern, wenn die Menschheit