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, ihre Kinder wären zärtlich gegen einander gesinnt. Unsere Liebenden schwuren sich ewige Treue, und nichts trübte die seligen Stunden ihres reinen Umgangs, als die Furcht, dass diese so unschuldigen Freuden des Lebens von ihren Eltern gestört und ihr so festes Band zerrissen werden könnte, sobald sie ihnen ihre Neigungen erklären und ihre Zustimmung und ihre Segnungen erbitten würden. Die Leiden in der Liebe haben einen besonderen Reiz; und wenn man keine Leiden hat, tut man nicht übel, sie sich zu machen. In der Tat, man kann in der Liebe durch zu grosses Glück unglücklich sein. – Der Verräter schläft nicht, und Unvorsichtigkeit ist eine Verwandtin auch der allerreinsten Liebe. Wenn gleich Pold und Charlotte von ihren geheimen Verständnissen ihren Eltern nichts eröffneten, so gab es doch so viele dienstfertige Federn, dass ihre Zuneigung ihren Eltern nicht lange ein geheimnis blieb. Das gräfliche Haus H–, welches ohne Zweifel von der Zuneigung seines Sohnes am zuverlässigsten benachrichtigt sein mochte, liess sich so weit herab, das Haus O–, wiewohl durch die siebennndfünfzigste Hand (die sechsundfünfzigste hätte noch zu viel Freundschaft und Annäherung verraten) zu warnen; und dieses fand für gut, die Warnung mit Hohngelächter durch die nämliche Hand zu erwiedern. Indess schlossen beide Häuser, ohne ihre Kinder zu befragen, Bündnisse und forderten nach ihrem Ja und Amen ihre Kinder auf, das laut für sie gegebene Ja und Amen zu bekräftigen. Die gewöhnliche Art alter Häuser! Beide Familien waren so weit gegangen, dass sie Anmeldungsbriefe versandt hatten, die später in die hände unserer Liebenden als der Verwandten und Bekannten beider hohen Häuser fielen. Erzieher und Erzieherinnen unserer Liebenden, die von den alten Häusern schon zuvor, wiewohl insgeheim, zur Rechenschaft ihrer Haushaltungen gezogen wurden, wussten die hohen Eltern aus Liebe zu ihren allerliebsten Kindern so geschickt einzuschläfern, dass man sie ihnen unbedenklich immer noch anvertraute. Jetzt war kein Augenblick zu verlieren. Graf Pold versicherte Charlotten, den Liebenden müsse alles zum Besten dienen; und zum grössten Beweise, dass beide Häuser nicht wüssten, warum sie sich hassten, sympatisirten unsere beiden Liebenden so mit einander, dass Charlotte und Pold nur e i n e n Verstand und e i n e n Willen hatten. Auch hat die Schule des Plato noch immer ein Kämmerlein, welches die natur sich vorbehält. Die Platonischen Unterhaltungen unserer Liebenden wurden mit natürlichen Küssen gewürzt, und man dachte aus E n d e (welches unserm trefflichen Paare nicht zu verdenken war), ohne von dem gefassten Entschlusse die Erzieher und Erzieherinnen das mindeste merken zu lassen. Die so notwendige Zurückhaltung schmerzte beide Liebenden, wenn sie gleich kein Mittel ausfindig zu machen wussten, sich ohne Gefahr entdecken zu können. Kurz, unser Paar nahm unter fremdem Namen die Flucht, die auch so glücklich einschlug, dass es ohne Hinderniss über die Grenze des Landes an einen Ort kam, wo, wie es glaubte, seine Verbindung nichts mehr behinderte. Der Platonismus verlangt durchaus Einsamkeit und Abstraction, die auf Reisen am wenigsten stattfinden können. Die leidenschaft der Liebe hatte das Nachdenken und die Besorgnisse jetzt völlig zum Schweigen gebracht; und da diess gemeinhin der Zustand ist, wo man sich so gern mehr verspricht als man leisten, und mehr zusichert als man halten kann: so war das Verlangen, sich ganz zu besitzen, unauslöschlich. – Unsere Liebenden gaben sich im Kloster die Hand: der Uebergabe des Herzens bedurfte es nicht. Sie leerten den Becher der Wollust mit einem Entzücken, das sich nicht beschreiben lässt. Liebe ist die Seele des Lebens; selbst die Weisheit scheint ihr untergeordnet zu sein; und unser neues Paar wäre das glücklichste von der Welt gewesen, sobald es sich entschlossen hätte, die Vorzüge der Namen und des Standes aufzugeben und in der weitesten Entfernung von seinen Eltern durch Arbeit und Fleiss, bei einem anscheinend harten Schicksal, das reinste Erdenglück zu geniessen, welches nur genossen werden kann, wenn der Liebe die Arbeit zugesellet wird. Zu diesem Nachdenken hatte unser Klosterpaar nicht Zeit, und es ward durch eine zu seine Erziehung daran verhindert. An eine bequemere Lebensart gewöhnt geriet es in Schulden und in eine Verlegenheit, die den Eltern seinen Aufentalt verraten musste. Den Gläubigern ist keine Tür zu stark, sie stürmen sie, und kein Weg zu weit, sie schlagen ihn ein, um bezahlt zu werden; und je weniger sie die Bezahlung ihres Betrugs und Zinsenwuchers halber verdienen, desto unbescheidener dringen sie darauf. Es war besonders, dass jedes der feindseligen Häuser ohne Zustimmung des andern wirkte, und dass beide Häuser in ihren Gesinnungen und in ihren Wirkungen so zusammenstimmten, als hätten sie ihren Plan verabredet.

Schon würde die grosse Uebergewalt des staates, den unsre Liebenden verlassen hatten, den Requisitionen wegen ihrer Auslieferung ein unwiderstehliches Gewicht beigelegt haben, wenn man sich auch nicht des niedrigen Kunstgriffs bedient hätte, fälschlich zu behaupten, dass diese unsre Unschuldigen sich wegen eines Criminalverbrechens auf flüchtigen Fuss gesetzt hätten. Sie wurden eingefangen, von ihren Gläubigern, die sie nicht befriedigen konnten, beschimpft und in eine Festung ihres Vaterlandes nach – – gebracht, wo sie abgesondert in enger Verwahrung sich befinden und hart verhört werden. Ihre Sache liegt fürchterlich. Entadelung, Zuchtaus und dergleichen harte Worte sind die Parolen, welche die Verhörer ausgeben. Und wenn gleich das Haus O– durch die Aufhebung der Ehe am meisten leiden würde, so scheint es doch eher den Schimpf einer entehrten Tochter ertragen als in ihr eine Gräfin H– anerkennen zu wollen. Man will Charlotten