ich meine Beschwerden unfehlbar einbringen und w a n n ich die Vorschusskosten bezahlen müsste, im Fall meine Appellationseinwendung nicht für unkräftig erklärt werden sollte. Wieder eine Drohung, dachte' ich, da der Deputatus mich mit einem Versuche der Güte überraschte. – Ein Strahl der Hoffnung, der mir wohl tat. – Allerdings, sagte er zu mir, haben Sie viel für sich; doch, gibt es ein Recht, das auch nur bei der geringsten Richtung nicht, wo nicht unrecht werden, so doch den Schein des Unrechts gewinnen könnte? Und was ist in der Welt, wo nicht das Für und Wider fast gleiche Stimmen hätte, denen, wenn es köstlich ist, ein Ungefähr den Ausschlag gibt? Wie wäre es, wenn sie ein Drittel ihrer vorigen Besitzungen annähmen, und die übrigen Punkte niederschlügen? Mein unnatürlicher Bruder verwarf selbst diesen ihm so vorteilhaften Vorschlag. – Weit lieber will ich, sagte er, alles verlieren, als einem Menschen auch nur das Mindeste zubilligen, der sich herausnahm, sich einen Namen zuzueignen, der ihm als Bastard nicht gebührt und der so lange durch die unverantwortliche Schläfrigkeit meines Vaters enteiligt ist. Der Deputatus nahm sich nicht Zeit, die unbrüderliche Erklärung zu widerlegen, sondern begnügte sich, zu erklären, dass er aus Menschenliebe s o t h ä t i g für einen Vergleich gewirkt hätte, als es nur menschenmöglich gewesen. Wahrlich ein eingeschränkter Begriff von der Menschenmöglichkeit! Jetzt überliess uns der gestrenge Herr, wie er sich ausdrückte, u n s e r m S c h i c k s a l . Mehr aufgebracht über diese gerühmte Tätigkeit des Deputatus, als über die unnatürliche Härte meines Bruders, ging ich heim. Noch war ich nicht an unserer Hütte, als ich mein Unglück erfuhr. Elender konnte ich nicht werden, und noch bin ich mir selbst ein Rätsel, wenn ich mich frage: wie ist es möglich, alles diess Unglück zu überstehen? Wahrlich, ich bin erschöpft. – Ein neuer Waldaufseher setzte mich aus meiner wohnung, in der meine alte Freundin starb; und so ist keine lebendige Seele mehr auf Gottes Erdboden, die sich meiner annimmt. Unstät und hülflos irre ich umher, und doch, ich läugne es nicht, wünsche ich, meinen ehrlichen Namen herzustellen und meinen Bruder, wenn es möglich ist, zu beschämen, ehe ich aus diesem land des Elendes zu jenen seligen Gegenden scheide, wo alle Drangsale aufhören, wo mein Vater und Mutter, ohne Rechtsstreit, meine Sache führen und wo ich alles wiederfinden werde, was ich hier verlor.
Der Unglückliche erinnert sich, von seiner Mutter vor vielen Jahren gehört zu haben, dass in der Residenz zwei ihrer Freundinnen verheiratet wären, mit denen sie den vertrautesten Umgang gehabt, und denen sie jedes geheimnis ihres Herzens anvertrauet hätte.
Verlangen des Ordens.
Diese beiden Freundinnen sind aufzusuchen.
Dem Unglücklichen ist ein anständiger Unterhalt zu verschaffen, und der nötige Kostenbetrag zur Ausführung des Rechtsstreites mit seinem Bruder aufzubringen; endlich ist auf die Kur und Wartung der Gattin zu denken, und mindestens kein Versuch zu ihrer Rettung zu unterlassen.
Oben oder unten ist Eldorado, rief unser Novicius, der, bis in sein Innerstes bewegt, diese grossmütige T a u b e unserm Verzweifelnden einen Oelzweig des Friedens bringen! Eine Taube! Wahrlich – besser als L ö w e , S p e r b e r und das a n d e r e T h i e r . – Ein zu empfindsames Herz ist in der Tat ein Geschenk der natur, das den Menschen äusserst beschwerlich fallen muss, – in einer Welt, wo es solche Brüder, solche Richter, solche Drangsale gibt. – In Eldorado wird es verlohnen, ein empfindsames Herz zu haben, dachte Novicius; in der Tat, diesseits kommt es zu früh. Die
§. 132.
Zweite Vorhandlung.
Geschichtserzählung.
Die beiden Häuser H– und O– hatten aus einer sehr geringfügigen Ursache einen bittern Hass auf einander geworfen, ihn beinahe ein ganzes Jahrhundert unterhalten, und sich unmenschlich vorgesetzt, ihn auf ihre Nachkommen bis an das Ende der Tage fortzupflanzen. Graf Pold, aus dem haus H–, war der einzige Sohn, von dem die Fortdauer seines Geschlechts abhing, und der als einziger. Zweig des gräflichen Hauses der Liebling seiner Eltern war. Ausser der sorge für die Erhaltung dieses Einzigen lag ihnen noch eine andere ob: für ihn eine Gemahlin zu erwählen, durch welche der alte Glanz der H– Familie gerades Weges auf die Nachwelt gebracht werden könnte. fräulein Charlotte, die einzige Tochter und Erbin des O– Hauses, war nicht minder bestimmt, die Gemahlin eines Mannes zu werden, der ihrem haus Ehre machen sollte, wodurch, wie man dafür hielt, das Glück des liebenswürdigen Fräuleins sich von selbst machen würde. Graf Pold und Charlotte wurden in der Residenz zwar in grosser Entfernung von einander erzogen, hatten aber doch gelegenheit, sich dann und wann zu sehen, nnd, trotz der Todfeindschaft der beiden väterlichen Häuser, sich sterblich liebzugewinnen. Es ist nicht das erstemal, dachten sie anfänglich, dass Familienzwiste durch eine Verbindung dieser Art beigelegt und auf immer gehoben worden sind. Je lieber sie sich hatten, desto weniger dachten sie an etwas anderes, als an sich; und selbst ihre todfeindlichen Familien störten die süssen Tage nicht, die sie durchlebten. Je fester sich dieses Paar verband, desto mehr wuchs die Feindschaft der Häuser ihrer Eltern, ohne dass man einmal ahnen konnte