wenig unser Herz daran, dass sie vielmehr seine Leiden verstärken. Schnell brach ich ab, um einen andern Weg einzuschlagen. Ich fragte, an wen er in der Residenz empfohlen sei, und ob ich dort ihm nützlich werden könnte? "Ich bin von niemanden empfohlen," war seine Antwort, "mich kennt dort niemand." Und hier ergriff er hastig meine Hand, drückte sie fest und brach in die rührenden Worte aus: "Ich bin unglücklich. – Ich hatte einen Namen, ich habe keinen mehr; ich war Gatte, mein Weib ist dahin; ich war Vater und bin kinderlos; ich besass Vermögen und bin ein Bettler." – Sein Ton ging durch Herz und Seele und war noch stärker als seine Worte. Wäre ich berufen zur Kanzel ober zu irgend einem Rednerstuhle, vielleicht würde ich unserm Leidenden viel Tröstliches gesagt haben, als da ist: Freund, der Lauf der Welt ist leiden; der Lauf der Tugend und Weisheit, dem Leiden nicht zu unterliegen. Nicht die Stärke, sondern die Schwäche wünscht sich den Tod. Der Edle will selbst im grössten Leiden leben, um des Lebens und Todes würdig zu sein. Wer bei widrigen Schicksalen verzagt, sich den Tod wünscht, ist eben so klein, als der gross ist, der im grössten Glück an den Tod denkt und zu sterben wünscht. – Suche Trost in deinem Kummer; wer ihn anderswo sucht, findet der ihn? Nur der ist seelenstark, der alles in sich sucht und Will die kühlende Luft der Hoffnung einer künftigen Welt ihn anwehen, wohl ihm, wenn er selbst in ihr auf keine Linderung in schwülen Augenblicken rechnet, und wenn er sich dem auf Discretion überlässt, der ihn geschaffen hat! Ein Unglücklicher, der gern hofft und nach Träumen von Glückseligkeit hascht – macht der sich nicht unglücklicher als er ist? Dieser Welt würdig und der andern nicht unwürdig zu sein, ist alles, worauf es beim Menschen ankommt. – Wer hat aller Tage Abend und wer aller Tage Morgen erlebt? Und nichts ist schwer, was nicht mit der Zeit leicht wird. – Von allen solchen schönen Dingen sagte ich dem Unglücklichen gerade kein Wort. Wahrlich! so wenig in Stunden der leidenschaft durch Vorstellungen zu gewinnen ist, eben so wenig gelten Trostgründe im Unglück. Unsere Herren Philosophen und Geistlichen werden es verzeihen, wenn ich von ihrer gewöhnlichen Trostteorie in Widerwärtigkeiten abweiche. Es gibt Kräfte in uns, jede Untugend zu unterdrücken, jede leidenschaft zu schwächen, wo nicht zu beherrschen, und jedes Unglück zu ertragen; nur diese Kräfte in Anwendung zu bringen, das ist der Fall. Ich wusste dem Verzweifelten nichts mehr zu erwiedern, als: Freund! es gibt der Unglücklichen viel; und wer ist ganz glücklich? – Will ich denn glücklich sein? sagte er heftig: Glücklich würde mein Unglück mich machen, ich würde es umarmen, fügte es nicht ein unnatürlicher Bruder mir zu. Herr! dieser Gedanke tödtet. Erlaubt er mir wohl den Vorzug leidender Menschen – mit Ruhe zu leiden? Eine Wonne, deren Wert ich kenne! – Ein Bruder ist es der mir das Menschendasein zur unerträglichen Last macht. – Um ihn auf andere Gegenstände zu lenken, ohne auf nähere Umstände seiner geschichte zu dringen, bot ich ihm an, ihm fürs erste ein Unterkommen zu besorgen, und es schien, als täte e r mir eine gefälligkeit, meine Dienste anzunehmen. Was ich bei dieser seiner Güte empfand, fühlt vielleicht nicht jeder; ich fand mich beehrt und glücklich. Ich führte ihn in einen Gastof, liess ihm ein Zimmer anweisen und verabredete mit dem Wirt, es ihm an nichts fehlen zu lassen. Oel und Wein in seine Wunden zu giessen, behielt ich mir selbst vor. Wo bin ich denn? hat er den Wirt gefragt, als er allein mit ihm war. Die Antwort: im Gastofe z u r T a u b e , ist ihm so aufgefallen, dass der Wirt nicht aufhören konnte, mir die ausserordentliche Bewegung zu schildern, die dieser Name auf ihn machte. Ich habe ihn seit der Zeit täglich besucht. Hier ist seine geschichte.
Sein Vater verliess mit seiner Ehegattin und zweien Söhnen, wovon der G a s t i n d e r T a u b e der ältere war, sein Vaterland, um als Kammerrat in – – fürstliche Dienste zu treten. Sein Vermögen war bei seinem Anzuge gering. Er kaufte in der Nähe der Residenz Landgüter, durch die vorherigen Besitzer äusserst vernachlässigt, die er durch Fleiss und Oekonomie in wenigen Jahren zu einer Aufnahme brachte, dass er sie mit ausserordentlichem Vorteil veräussern konnte. Der grösste teil des Geldes ward im Handel angelegt, und glückliche Speculationen machten ihn so reich, dass er bei seinem Absterben jedem seiner Söhne nicht nur ein Rittergut, sondern auch beträchtliches baares Vermögen hinterliess. – Seine Gattin starb vor ihm. – Die Baarschaften waren sämmtlich in einer Fabrik angelegt, welcher seit vielen Jahren ein Mann vorstand, dessen Redlichkeit seiner Einsicht die Wage hielt. Wollte man einen exemplarischen Mann nennen, ihm widerfuhr diese Ehre. Er starb und es fand sich alles in der grössten Unordnung. Ein förmlicher Concurs brach aus und die angeliehenen Kapitalien gingen sämmtlich verloren. Die Rittergüter blieben den beiden Brüdern übrig; eins derselben wäre hinreichend gewesen, zwei Familien standesmässig zu unterhalten. Der jüngere Bruder befand sich in – – Kriegsdiensten und stand zu – – in Garnison, wo er ungesucht