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Wesen, das mir Aehnlichkeit mit einer menschlichen Figur zu haben schien. Noch weiss ich nicht, was mich so schnell und unwiderstehlich zu dem Orte hinzog, der, so einsam er auch ist, sich doch nicht vernachlässigt. – Ich war weit genug vorgedrungen, um meinen Gegenstand ganz eigentlich zu erkennen. – Es war eine männliche Figur, die sich unter das Gebüsch der Länge nach hingestreckt hatte. Es schien nicht, dass dieser Ort von ihm erwählt war, um die Kühle des Schattens zu geniessen; er war den Strahlen der Sonne völlig ausgesetzt. Schon mehrmal habe ich bemerkt, dass Menschen mit Menschen unzufrieden, wenn sie zu einem gewissen Grade der Menschenfeindschaft und des Weltüberdrusses gekommen sind, sich nicht unter Bäume verbergen und Schatten suchen, sondern das Licht der Sonne so wenig scheuen, dass sie ihm beinahe entgegentrotzen. Fast scheint es, als wollten sie beweisen, sie wären wert, von der Sonne beschienen zu werden. Der Gedanke, ich bin unschuldig, ich leide nicht was meine Taten wert sind, macht Menschen zwar zu Flüchtlingen vor andern Menschen, doch verstecken sie sich nicht vor dem Angesichte der Gotteit unter die Bäume im Garten. – Die Warnungstafel des Lasters ist Schande und Furcht. Auch schien es nicht, als litte unser Sonnensucher durch ihre Strahlen; die Schwärze seiner Haut bewies deutlich, er lebe mit Luft und Sonne in vertrautem Umgang. Unser Sonnenfreund schien in schweren Gedanken vertieft, mit sich selbst, jedoch nur leise, zu sprechen, wobei er aber von Zeit zu Zeit heftige Bewegungen machte, die an Verzuckungen grenzten. Da stand ich unentschlossen, ob ich mich dem Unglücklichen (das schien er zu sein) nähern, oder mich entfernen sollte. Plötzlich fiel sein Auge auf mich, worüber er auffuhr, sich in die Höhe richtete und sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Er wollte, da er einen Menschen sah, tiefer in das Gebüsch gehen, doch sehr bald besann er sich und schritt gerade auf mich zu. Es gibt Gemütsumstände, in denen man schlechterdings unfähig ist sich zu fürchten, so wie es auch einige gibt, in denen man nicht Mut zu fassen vermag. Es wandelte mich nicht die mindeste Furcht an, obgleich bei genauerer überlegung Furchtanwandlung hier sehr natürlich gewesen wäre. Ich befand mich an einem einsamen, abgelegenen Orte, mit einem Verzweiflung verratenden Menschen, der nach dem Augenscheine seine sechs Fuss mass, und wenn er gleich einem Gerippe ähnlicher als einem Menschen sah, doch einen starken Körperbau und viel Nervennachdruck verriet. Nicht nur sein Gesicht, sein ganzer Körper zeigte, sein Innerstes sei in einer heftigen Bewegung. Als er sich etwa bis auf drei Schritte mir genähert hatte, stand er still und sah mich starr und nachdenkend an, als wollte er sich auf meine Gesichtszüge besinnen. Er schien sagen zu wollen: ich bin der Mensch nicht, der ein Unglück grösser zu machen versteht als es ist. Er schüttelte den Kopf und alles was er sprach, war das mir unerklärliche Wort: N e i n . – Der tiefe Seufzer, den er ausstiess, sagte mehr. Ich brach das Stillschweigen mit der Bitte um Vergebung, wenn ich ihn gestört hätte. Er verbarg mir nicht, dass er Willens sei nach der Residenz zu gehen. Sie werden mehr von mir hören, setzte er hinzu, – Worte, die mir auffielen, doch gefielen sie mir nicht. – Die grössten Männer sind gross, ohne dass die Welt ein Wort davon weiss, und Unglückliche, des Mitleidens oft am wertesten, lassen am wenigsten von sich hören, doch finden sich Ausnahmen bei jeder Regel. Es gibt geheime Wunden, gibt es aber nicht auch Schmerzen, bei denen selbst der edelste Mann erbittern kann? Ob er dabei mit Recht verliert, will ich nicht untersuchen. Fast mechanisch, wenigstens ohne um seine erlaubnis zu bitten und sie zu erhalten, kehrte ich auf der Stelle um, und geleitete diesen mir interessant gewordenen Mann. Er schien nicht geneigt, mir etwas von seiner Lage anvertrauen zu wollen, und ich war zu bescheiden, um ihm Geständnisse nahe zu legen, als das Geläute der Stadtglocken ihn wie aus einem tiefen Schlaf erweckte und schnell eine Flut von Tränen von seinen Wangen herabfloss. Die menschliche Seele ist oft allem, selbst dem körperlichen Schmerz, überlegen, oft indess wird sie durch eine Kleinigkeit aus der Fassung gebracht. – Die Zunge der Verschwiegensten löst sich und der Beredteste verstummt. Sich dringend nach der Lebensgeschichte des Unglücklichen erkundigen: – heisst es nicht oft, seine Fehler aussuchen und ihn statt zu gewinnen, erbittern? Doch härter noch scheint es zu sein, ihn ohne fragen zu lassen, und dergleichen fragen zu finden ist schwerer als man glauben sollte. – Der Unglückliche trug ein schlichtes braunes, ziemlich abgetragenes Kleid von neuem Schnitt mit schwarzen Knöpfen. Der Schall der Glocken, der ihn so äusserst bewegte, und sein Anzug gab mir Veranlassung ihn zu fragen: ob ein geliebter Gegenstand ihm durch den Tod entrissen wäre? Seine ganze Antwort war ein tiefer Seufzer; er faltete die hände und sank in Nachdenken. – Sein Zustand war erschrecklich. – Ich machte mir Vorwürfe, ihm durch meine Frage, die so ungesucht kam, und die mir zu jenem Mittelwege von fragen zu gehören schien, doch schon zu schwer gefallen zu sein. Sie schien ihn in der Tat an sein nicht kleinstes Unglück zu erinnern. Dergleichen Erinnerungen schwächen nur selten das Uebel, sie gewöhnen so