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R e c h t s w e g e n . Ist die Feinheit der Justiz nicht zu bewundern, wenn sie sich beweisen lässt, dass mein Ich nicht ein anderes Ich, als mein Ich selbst ist? Unfehlbar würde der Wirt, der auch ein Beichtkind des entwichenen Seelsorgers zu sein schien, so leicht nicht zu diesem Geständnisse zu bringen gewesen sein, wenn der Flüchtling bei Fassung geblieben und durch die unerwartete Ankunft des Ritters nicht überrascht worden wäre. Der Seelsorger mochte sich überredet haben, der Ritter würde sich zum ersten aller Grade im ersten aller Orden vorbereiten lassen; und da er den Zeitmesser zu dieser und zur Vorbereitung des zweiten Abschnittes vom Orden aller Orden kannte, so war sein Rechnungsfehler natürlich. – Vielleicht glaubten die Herren von der Höhle, unser Ritter würde, so wie junge Leute bei dergleichen Aufnahme gewöhnlich pflegen, allem entsagen und sich nichts vorbehalten. Auf diesen höchst wahrscheinlichen Fall gab man (so kommt es mir vor) dem Welt- und Geistlichen Aufträge, Dinge auszumitteln, die den Ritter, der überstandenen Vorbereitung zu Nummer Eins ungeachtet, doch zur wirklichen Teilnahme an diesem Grade unwürdig erklären konnten. Dass die höheren Obern sieben, neun und zehn Ursachen hatten, sich nicht mit dem ersten Grade zu übereilen, und dass sie sich herzlich freuten, zu dieser Zurückhaltung ob der Reservate so scheingerecht verpflichtet zu sein, ist aus sieben, neun und zehn Umständen mit vieler Sicherheit zu schliessen. Ritter und Begleiter eilten in ihr Quartier, forderten ihre Rechnung (in welcher der Gastwirt wohlbedächtig auch das abgelegte zeugnis mit zwei Talern aufgeführt hatte) und waren eben im Begriff diesen Ort zu verlassen, als der Ritter Befehl erhielt, noch auf nähere Verhaltungswinke zur Abreise zu warten. Diess veranlasst eine

§. 125.

Verlängerung

der Berechnung und des Aufentalts, nicht minder eine Unterredung, die ich kurz fassen will. Der Ritter eröffnete, insoweit er dazu die erlaubnis hatte, seinem Schildknappen etwas von den Ordensaussichten, und fand ihn geneigter, als man denken sollte, die harten Begegnungen des Seelsorgers zu verzeihen und die Angst über die Vierzig weniger Eins in christliche und contra glaubten beide Aspiranten, dass so wie die andere Welt sich auf die gegenwärtige gründe, dort auch, so wie hier Gute und Böse sein müssten, Engel und Unengel, auch wohl gar Teufel. Ist es Wunder, fragten sie einander, wenn es an beiden Orten in die Kreuz und in die Quer geht? Und mag es, falls nur das Ende das Werk krönt! V o r b e r e i t u n g s p r o b e n dieser Art sind vielleicht nötiger als man denkt, um Glieder zu wählen, die sich nicht von jedem Winde hin- und herwehen lassen. Nicht gegen den Gerechten und edlen, gegen den Unedlen und Ungerechten ist auf Sicherheit zu denken; und den Menschen auch von minder empfehlenden Seiten, und selbst von den widerlichsten kennen lernenhat das nicht sein Gutes?

Endlich versicherte der Ritter den Knappen, dass der Seelsorger wenn man die Sache auf Urteil und Recht aussetzen wollte, schwerlich ohne dreitägige Ordensstrafe abkommen würde. Aber, was soll das? fügte er hinzu. Ich bin nicht für Strafen, sie mögen Ernst oder Spiel sein. – Auch können Hergänge dieser Art (Schein betrügt) Hieroglyphen zu wichtigen Aufschlüssen entalten. Wahrlich, Umstände, die zur Not dienten, das Unerklärliche der zeiterigen Verfahrungsart aus dem Unreinen herausob aber ins Reine zu bringen? daran zweifle ich. Am Ende blieb der Seelsorger ihnen beiden eine fast zu starke Hieroglyphe. Seine Arglist gewann noch einen grösseren Grad der Stärke, als Michael hinging, um seinem Herrn die Instruction, die er vergraben und derentwegen so nahe an Vierzig weniger Eins gediehen war, unerbrochen vorzuzeigen; und stehe da! sie war nicht mehr.

Ich bin verloren, schrie Michael; – die Instruction!

Die Instruction?

Ist geraubt, und das Kreuz unversehrt.

Das Kreuz?

Das ich zur Salvegarde für jeden Frevler und für mich zum Zeichen des Wiederfindens aufgestellt hatte.

Warum ein Kreuz und nicht ein minder auffallendes Merkmal? sagte der Ritter; und Michael dachte: Weil ich keins kenne, wodurch Seelsorger und Teufel selbst mehr in Respect zu setzen sind, – als ein

§. 126.

Ordensrescript

sie unterbrach, das freilich m e h r , allein nicht a l l e Nebel zerstreute. Der Inhalt? Die Vorgänge zwischen Seelsorger und Begleiter wären die eigentlichen Prüfungen, welche letzterer als dienender Bruder des Ordens übernehmen müssen, und von jetzt an sei der len, was er selbst erlitten hätte, wenn der Begleiter den beigelegten Eid abgelegt haben würde. Wegen einiger zu weit getriebener Umstände wäre der Seelsorger brüderlich verwiesen. Die Instruction, welche der Begleiter vergraben, erfolge zwar unerbrochen; indess entalte der beigelegte Zettel den wörtlichen Inhalt, zum Beweise, dass der Orden weder List noch Gewaltsmaschinen nötig habe, um hinter Geheimnisse zu kommen. Dem Ritter ward aufgegeben, Original und autentische Copie sogleich, nachdem er beide Stücke collationirt hätte, zu verbrennen. Der Orden wüsste das Misstrauen des Ritters, und er möchte sich wohl prüfen, ob er beim Verbrennen des Originals, und der Abschrift, mit Geist, Herz und mund in Michaels Gegenwart sagen könnte: Lass uns gestehen, dass wir uns irrten, und Gott bitten, dass uns das Licht der erkenntnis in dem Grade aufgehe, als unsre Worte wahr und wahrhaftig, Ja und Amen sind!