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gab ihm eine Leuchte und liess ihn die nämlichen Stufen hinabsteigen, die er bei seinem Eintritt hinaufgestiegen war, bis er endlich an die Oeffnung kam, durch welche ihn nicht eine Diebs-, sondern eine heilige Leiter, etwa nach Art derjenigen, die dem Erzvater Jakob im Traume erschien, wo die Engel auf- und abstiegen, auf Gottes gewöhnlichen Erdboden absetzte. Nicht überall, sondern nur da, wo es nichts zu steigen gab, begleitete ihn der Alte. – Gewiss wusst' er R i c h t s t e i g e ; und sind diese einem neunzigjährigen Greise zu Lebe wohl, Sohn, sagte er zu ihm, empfange den Gegen des Hierophanten, dessen ehrwürdiges Geschäft es ist, Menschen zu vergöttlichen und zu Mysterien einzuweihen! Wenn manches, was ich dir sagte, Knospen ansetzt, so pflege und nähre sie! Konx ompax! – Unten findest du einen Wegweiser! – Wo ist Eldorado? dachte der Ritter da er mittelst der Jakobsleiter sich auf der Erde befand, und unentschlossen blieb, ob er den Tag abwarten oder sogleich seinen Wanderstab weiter setzen sollte. Es war dicke Nacht. Den Wink wegen des Wegweisers hatte er nicht verstanden. Wo ist Eldorado, oben oder unten? dachte der Ritter unablässig, und wusste in der Tat nicht, ob er sich Glück wünschen oder es beklagen sollte, so und nicht anders aus den Händen der Bekannten und Unbekannten, Obern und Untern gekommen zu sein. So stark sein Hang zum Wunderbaren auch war und bis diesen Augenblick sich erhielt, so gereuten ihn doch seine Reservate keinen Augenblick. Sophie, Mutter und Rosental lebten in ihm und dünkten ihm wichtig genug, das Opfer der allervorzüglichsten Stufe reichlich aufzuwiegen. Auch war es ihm schwer, sich zu überzeugen, dass diese heilige Zahl von Vorbehalten ihn zum wichtigsten aller Grade untüchtig zu machen im stand sein könnte. Vielleicht, dachte er, suchte man diese gelegenheit, um mir den urersten aller Grade zu entziehen? Vielleicht legten es alle jene Versucher darauf an, von deren Bemühungen man wegen meiner Vorbehalte keinen Gebrauch zu machen nötig fand. Die dreitägige O r d e n s s t r a f e schien dem Ritter ein Spielgefecht. Auch fing er an, zu glauben, dass der O r d e n s v e r t r a u t e selbst seine Osterbeichte nicht für sich, sondern für diesen Orden der Orden aufgefangen hätte. Warum alle diese Winkelzüge? dachte der Ritter, wozu er indess den lehrreichen Besuch des Seelsorgers nicht rechnete. – In diesen Betrachtungen vertieft, nahm ihn ein Wegweiser, ohne ein Wort zu sagen, bei der Hand. Ohne Zweifel führte dieser ihn nicht ohne viele Umwege ins Freie, wo er ihm mit der Hand den Weg zeigte. Alle gute Geister loben Gott den Herrn! sagte der Ritter. Der Wegweiser blieb den Dank auf diesen Geistergruss schuldig und schien überhaupt so wenig Lust zum Reden zu haben, dass er weder zu sprechen anfing, noch auf die fragen des Ritters ein lebendiges Wort erwiderte. Desto weniger Hindernisse fand der Ritter, jene Betrachtungen fortzusetzen, bis er in – – in sein voriges

§. 123.

Quartier

kam, wo er den angeblichen Vetter Reitknecht mit dem S e e l s o r g e r in heftigem Zanke traf. Letzter bestand auf die Auslieferung der Sachen seines Herrn; der Reitknecht widersetzte sich dieser Ungerechtigkeit. In dem Augenblick, als der Ritter erschien, verschwand der Seelsorger, und auf die Frage nach Michael, erfolgte die dem Ritter unerklärliche Antwort: er sei nach Urteil und Recht gefänglich eingezogen. Nichts war dem Ritter dringender als Michael, der ihm so treu diente, wieder zu dienen. Ob es klüger wäre, den Seelsorger festzuhalten und ihn, da er mit so vielen Zeichen einer ungerechten Tat sich entfernte, einzuholen, kam ihm nicht ein. Sein edles Herz, wie es der gewöhnliche Fall bei Männern dieser Art ist, überwand die überlegung; spornstreichs lief er ins

§. 124.

gefängnis,

wo Michael eben, nach Urteil und Recht, vierzig weniger Eins erhalten sollte, weil er nicht die von seinem Herrn ihm behändigte geheime Instruktion ausliefern wollte. Die Scene zwischen Damon und Pytias der alten Zeit konnte nicht rührender sein, als zwischen Ritter und Begleiter. Dionysius verurteilte, kraft der magischen Formel: car tel est notre bon plaisir, den Damon zum tod und setzte den Executionstag an. Damon erbat sich vom Tyrannen nicht das Leben, sondern die erlaubnis, seine Eltern zu trösten und ihren Segen zu seinem tod einzuholen. Pytias, sein Freund, ward Bürge für seine Rückkehr, und wollte, da Damon etwas über die Zeit verzog, für seinen Freund nicht nur sterben, sondern gern sterben. Der Tyrann und alle Welt hatten nach der höchsten Wahrscheinlichkeit herausgebracht, Damon würde nie zurückkommen; und Damon erschien. – So Michael und sein Herr. Beim Richter erkundigte sich der Ritter nach den Entscheidung gründen dieses ihm unerklärlichen Urteils, welches ihm, gegen Gebühr, in beweisender Form behändigt ward. Erstaunt über die kunstreichen Wendungen, welche der Seelsorger dieser zu sagen, dass der Richter ihn nicht wegen grober Injurien gegen sein hohes Amt in Anspruch nahm, und dass er die herablassende Güte hatte, der beeidigten Aussage seines Wirts, er sei wirklich Michaels Herr, zu glauben. Denn über diesen Umstand hat der Richter nicht umhin gekonnt, dem Gastwirt einen Bescheinigungseid zur Pflicht zu machen, v o n