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Brüder findest du, sagte der Alte, Gesundheit des Leibes und der Seele, Reinheit des Herzens und Seelenruhe (an hohen Festen Seelenwonne) Keinen geheimen Kummer, den nur Gott und der Kummervolle kennt, keinen verbissenen Schmerz von nicht überwundener Welt und allem dem, was in der Welt ist, der an den Herzen derer oft am meisten nagt, die der Welt entgangen sind, findest du hier. – Klöster sind jetzt selten, was sie vielleicht ursprünglich waren: Freiörter gegen Verführungen der Welt. In unserm Bunde findest du nicht Klöster, nicht Weltabsonderung, sondern das Ideal derselben: eine Weltüberwindung, die sich nur empfinden lässt. "Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr und wie wohl denen ist, die auf ihn trauen!" war das Tema dieser Tischreden, die nichts ähnliches mit denen des guten Martin hatten, ob ich gleich unendlich lieber mit Lutern, als mit diesem Alten gegessen und getrunken hätte. Nach der vom Greise gesprochenen Danksagung warf er ein schwarzes Tuch über das Haupt des Ritters und führte ihn in ein grün behängtes Zimmer, wo ein äusserst einfaches Ruhebette stand. Es ist mir angenehm, sagte der Alte, dass ich dich mit einigen unserer gesetz und Gebräuche bekannt zu machen im stand bin. Alle Dinge, die bloss körperlich sind, und an denen der Geist keinen eigentlichen Anteil nimmt, werden von uns mit Gebet angefangen und geendigt. In der profanen Welt (ausser uns, mein Sohn, ist alles profan, und selbst das, was die Welt das Allerheiligste unter dem Heiligen nennt) wird auch vor und nach Tisch, Abends und Morgens gebetet; doch lernte man diese Gewohnheit von uns, und ohne den Grund dieser Feierlichkeit zu wissen, der, wenn ich so sagen soll, den Leib von der Seele trennt. Die Herrnhuter suchen auch die Sophienleidenschaft (du wirst mich verstehen), da sie sich ihrer nicht so wie wir zu entschlagen wissen, durch Gebet zu beschränken, und erhalten einen Sieg über sie, der sie mit gesunderem und längerem Leben belohnt, als andere, obgleich ihre Tage an die unsrigen nicht reichen. Ich zähle neunzig Jahre, und fühle bei weitem jene Entkräftung nicht, die man in der profanen Welt, wenn's köstlich ist, im fünfzigsten wahrnimmt, wo es Fälle gibt, dass Jünglinge im fünfundzwanzigsten Jahre an Entkräftung sterben und die menschliche natur wegen dieses zu kurz beschränkten Lebensziels einer Ungerechtigkeit, wiewohl höchst ungerecht, anklagen. Man will zwar, dass die Seelen an den Freuden des Tisches einen wesentlichen Anteil nehmen; allein man irret, und es ist Materialismus, wenn man behauptet, dass Geist und Körper zu gleicher Zeit geniessen können. Tischfreuden und Tischfreunde gehören zu Einer Klasse, und man versieht den Pytagoras nicht, wenn man sich an seiner heiligen Diätetik den Kopf stösst. Auf die Bohnenentaltung konnte es ein Mann, der in der Geometrie Meister war, wahrlich nicht anlegen. Es ist nicht ohne Grund, dass er selbst Bohnen gegessen. Der hohe Sinn seiner Diätetik und aller seiner ächten Schüler und Nachfolger ist: Die Seele dem Körper zu entziehen, und ja nicht sich einzubilden, dass man durch Wein und Kaffee begeistert und zum ächten arbeiten vorbereitet werde. Wein und Kaffee, und alle jene geistberauschenden Getränke schwächen den Geist mehr, als dass sie ihn stärken. Glaube, Sohn! unsere Vorbereitungen, so besonders du sie finden wirst, führen so sehr zum Zweck, wie alles, was bloss den Körper angeht, jenem Zweck entgegen ist. Die Bildersprache unserer Dichter, und selbst unserer Propheten, wodurch sie dem Fassungsvermögen der sinnlichen Menschen auf dem halben Wege zu hülfe kommen wollen, hat viel Schuld an allem, und besonders an diesem Aberglauben. Ambrosia und Nektar, die schönen Diners und Soupers mit Abraham, Isaak und Jakob, und das grosse Abendmahl haben, ob sie gleich nichts mehr als wahre Schaubrode sind, mehr Schaden getan, als man glauben sollte; und alles Uebel, das in der Welt geschah, begann bei der Tafel, oder kräftigte und gründete sich hier, oder ward hier vollbracht. – Die Köche in unserm Orden sind unsere ärzte; und so lange diese beiden Geschäfte, Küche und Laboratorium, nicht eins und dasselbe werden, was ist von dem menschlichen Wohlbefinden zu erwarten? Pytagoras war kein Weinverfolger; aber er verfolgte die Unmässigkeit. Honig und Früchte und Pflanzenreich waren hinreichend, ihn zu befriedigen; doch gab es auch unter seinen Schülern Klassen, die an mehr oder weniger strenge Diät gebunden waren. Genug für jetzt! – Siehe selbst diese Unterhaltung als eine Ueberwindung des Bedürfnisses an; sie hielt dich vom Schlaf ab, dessen du bedarfst. Hier sprach der Alte einen Segen und entfernte sich.

Obgleich dem Ritter so viel in Kreuz und Quer durch den Kopf ging, so wirkte doch Gebet und Segen dieses Neunzigjährigen so viel, dass er den Augenblick, da der Alte das Schlafgemach verliess, so fest einschlief, dass er bemerkt, nie in seinem ganzen Leben so vortrefflich und so in einem Stück geschlafen zu haben. Beim Erwachen wusste der Ritter nicht, wie lange er geschlafen, wohl aber, dass er froh, heiter war und völlig ausgeschlafen hatte. Menschen, sagte ihm der Alte, die nach der Uhr schlafen, fünf oder sieben Stunden, wissen nicht, was sie tun. Iss, so lange dich hungert, trink, so lange du durstig bist, und sei kein Fünf- oder Siebenschläfer, sondern schlaf so