Welt kennen gelehrt, die man nicht anders als durch Erfahrungssammlungen kennen lernt. Kann ein Volk zu dem möglichen Ziele der Vollkommenheit gelangen, ohne zuvor die ganze Schule zu machen? Fängt der Reformator sein Werk mit dem letzten Schritt an, wenn es gleich nicht seine Losung ist, mit Weile zu eilen? Es scheint, jeder Mensch sei dazu bestimmt, erst die Dinge wesentlich kennen zu lernen, ehe er über ihren Wert und Unwert zu entscheiden vermag. Auch müssen die Leidenschaften ausgähren, ehe der Mensch zu jener Stille und Abgeschiedenheit gelangt, die hoher Tugend eigen zu sein scheint. Auch glaube' ich nicht, dass Männer eurer Art durch das Unglück anderer ihr Glück machen wollen. Wer diess zu können denkt, kennt wahrlich weder Glück noch Unglück.
Wir haben uns, versetzte der Alte, an dir geirrt; indess ziehet dich an uns deine Gutmütigkeit und der ganze Inbegriff deines Wesens, das du hier (hier hob er seine stimme) in einem treueren Spiegel erblicken kannst, als alle die waren, die dir deine Gestalt zeigten. – (Hier bemerkt die Handschrift, der Ritter habe sich selbst gesehen, und zwar auf eine so verzerrte und widerliche Weise, dass er beteuern zu können versichert, nicht zu wissen, ob es bloss ein Spiegel, oder ob deine Rauchfigur vor ihm geschimmert; auch ist es ihm vorgekommen, als wäre er zwei Drittel entseelt, und nur ein Flämmchen Geist in ihm.) Das ist eine Seelensilhouette, sagte ihm der Alte, wahrlich nicht so rein und klar, als es jene Gegend war, die man dir in den Vorhöfen des Paradieses in der Entfernung zeigte. Du wirst sehen, viel sehen, alles sehen, allein nicht ohne den Schleier der Hieroglyphen. Du wirst w e n i g sehen, und viel glauben müssen. Auch versichern dich die Ordensrichter durch mich, dass man wohlbedächtig nicht heute schon deinen Namen auf ewig der Krone des Lebens für unwürdig erklärt hat. Diese Gesinnungen vrrbinden dich, das fühlst du selbst, zum Dank (den wir erlassen) und zur unerlässlichen Erklärung, dich mit dem zu begnügen, was man dir im verhältnis deiner Aufopferungen zu offenbaren im stand sein wird. – Er kehrte den Todtenkopf um, stiess mit seinem Stabe, und es sprang wasser aus demselben. Der Greis fing eine Handvoll auf, trank, und besprengte mit dem übrigen den Ritter dreimal, den er sich zur Ablegung seiner Gelübde anschicken hiess. Entblösse deinen Arm, sprach er; lege dich mit dem Knöchel deines rechten Ellbogens auf die Offenbarung Johannis, und sprich, wenn du willst und kannst, folgende Worte mir nach:
Ich gelobe bei der Hoffnung der andern Welt, bei dem Troste im tod, und bei der Barmherzigkeit am letzten Gerichtstage, mich mit dem zu begnügen, was der Orden der Welt Unbekannten, und nur Gott Bekannten, mir nach den Verhältnissen meiner Aufopferungen anvertrauen wird, den Befehlen meiner Obern treu und gehorsam zu sein, und, bis auf meine Vorbehalte, nicht mir, sondern dem Orden zu leben, ihm zu leiden und ihm zu sterben; auch bei den fernern Offenbarungen desselben, die von mir abzufordernden Gelübde eben so unbedenklich zu leisten, als treu zu beobachten. Wenn ich diess halte, sei diess wasser mir wasser des Lebens, Gift der Vernichtung, wenn ich es breche! Amen.
Der Ritter sprach diese Worte nach; doch setzte er hinzu: Alles, insoweit es den Pflichten und Rechten des Menschen und der Menschheit nicht entgegen ist; er fing wasser auf, wie vorhin der Greis, und trank. Der Alte schien über das Postscript verdriesslich; indess hielt er entweder diese Worte für weniger bedeutend, oder glaubte, das neue Mitglied seines Ordens würde allmählich diese Bedingung aufgeben. Es gibt drei tierische Bedürfnisse, Speise, Trank und Schlaf, welche unser Orden zu heiligen versteht, sagte der Alte und bedeckte das Haupt des Ritters mit einem weissen Tuche. Nach wenigen Schritten riss er ihm die weisse Decke vom Gesicht, und beide befanden sich in einem zwar kleinen, aber geschmackvollen Zimmer, wo bloss Gemüse und zwei Becher standen, in deren einem Wein und in dem andern wasser war. Der Alte segnete Speise und Trank, und sie assen aus Einer Schüssel und tranken gemeinschaftlich aus Einem Becher, ohne ein Wort zu sprechen, während dessen sich eine sanfte, das Herz bewegende Vokalund Instrumentalmusik hören liess, die zuweilen mit Chorälen aus Kirchengesängen abwechselte. Es gibt eine Sanfteit und Stille, die ausdrucksvoller ist, als geäusserte Empfindungen, welche, so rein sie auch sein mögen, doch immer angreifen, und sonach nicht natürlich (im höchsten Grade nämlich) sein können. Die Musik liegt in der Mitte zwischen dem Uebergange von Tierheit und Geist, von geistiger Tugend und Sinnlichkeit; und hier ist es, wie bei allen unteren Seelenkräften, der Fall, wo die M i t t e eine Seligkeit (medium tenuere beati) bringt, die dem Menschen äusserst angenehm zu sein scheint. Der Mensch dünkt sich hier zu haus; er findet sich so getroffen und in einer so erfreuenden Gemächlichkeit, dass er darüber gern seine hohen Fähigkeiten wo nicht aufgibt, so doch aussetzt. Hier ist gut sein, fühlt und denkt er. Die Unterhaltung des Alten, dir, wenn die Musik aufhörte, anfing, war eben so Musik, wie die Musik selbst; und ein solches Mahl hatte unser Ritter noch nie gehabt oder gesehen. Auf den Gesichtern ächter