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und zehn Minuten ablaufen, wenn sein Geist sich vom Körper trennt, wie du jetzt von ihm, – geleite ihn durch das finstere Todestal und bringe ihn zur Stadt Gottes, zum wasser des Lebens und zum Tische des Herrn, der dich und mich und uns alle lohnen und erfreuen kann von nun an bis in Ewigkeit!

Der Ritter sagte Amen und gab dem Scheidenden zum letztenmale seine Hand.

Nun fiel schnell ein Blitz, der, weil er dem ohnehin äusserst gerührten Ritter so unerwartet und neu war, wie die Entgeisterung ihn heftig erschreckte. – Du bist e n t h a u p t e t , sagte der Alte, das heisst in unserer Sprache: der Geist hat dich verlassen, der dich geleitete!

Eine Stille.

Der Alte fiel abermals auf sein Antlitz, küsste dreimal die Erde und sprach: Geist der Geister, der du lebest und regierest von Ewigkeit zu Ewigkeit, dir sei Lob und Ehre von Zeit zu Zeit, Halleluja! Bist du gefasst? fragte ihn jetzt der Alte. Missetäter entfesselt man zu freien Bekenntnissen; Fassung ist Entfesselung der Seele. Bist du gefasst? – Ich bin es, erwiderte der Ritter. So komm und verteidige dich gegen deine Ankläger. Hier stiess der Alte mit dem Stabe, und in einem Augenblick befand der Ritter sich, ohne sich aus diesem schwarzen Zimmer zu begeben, in einer Gerichtsstube, wo sechs weiss gekleidete Männer an einem roten Tische sassen, zu denen sich der Alte als sein Führer gesellte. Es traten wider ihn der Fremdling und der Frager auf, die ihn mit fast noch mehr Ränken ängstigten, als der Seelenhirte den Michael vor dem bestochenen oder verblendeten Richter. Nichts ist einem edlen Menschen unerträglicher, als sich durch halbwahre und gemissdeutete Umstände in die Enge getrieben zu sehen, obgleich bei einer gerechten Sache dem Scheine des Rechts und elenden Sophistereien unterzuliegen, nicht minder ein nagender Schmerz ist. Der entgeisterte Ritter verlor nicht das mindeste von der Fassung eines gerechten Mannes. Man beschuldigte ihn vorzüglich eines verräterischen Leichtsinns in Rücksicht der ihm vorläufig anvertrauten Ordensumstände, und führte so künstliche und weitergeholte Beweise, dass man im Handwerk, Tatsachen pro und contra zu drehen, Meisterstücke machte. Vor mir Licht, hinter mir finster, war hier, wie in vielen Gerichtsstuben, die Losung; und man verstand, trotz dem geübtesten Richter, die hochlöbliche Taschenspielerei, schwarz und weiss zu künsteln, wie man wollte. Eifert nicht, Subordinationsfeinde, wider Stock und Degen, und wenn man sich ihrer als Beförderer von Treu und Glauben bedient; es gibt Seelentorturen, geistliche Stöcke und Degen. – Sollte es wohl eine Sache in der Welt geben, aus der man nicht juristisch machen könnte, was man wollte? Und jene Wortvorhänge: a u ss e r Z w e i f e l s e t z e n , anstatt beweisen; z u m U e b e r f l u ss , anstatt: zur höchsten Noch; w e r s i e h e t e s n i c h t e i n ? anstatt: die Sache ist äusserst ungewiss; u n d s o w e i t e r , statt: wehr weiss ich kein lebendiges Wortwelche herrliche Dienste leisten diese Notelfer!

Unser Ritter ermannte sich, und sprach: Herren und Richter, wäret ihr etwas anders als Menschen, so müsste ich mich bescheiden, so mit euch zu reden, wie ich reden will. – Ich bin ein Mensch. Ehe ich mich über den Grenzstein dieser Menschenbestimmung durch die väterliche Güte der mir unbekannten Obern dieses Ordensbundes erhoben fühle, vermag ich nicht anders, als menschlich zu denken, zu reden und zu handeln. Findet ihr, dass das Recht auf der Seite meiner Kläger ist, dass ich nicht Anlage habe Geist von eurem Geist, Seele von eurer Seele zu sein, und dass ich auch zu dem Grade, zu welchem ich erniedrigt bin, nicht genug inneren Beruf und Würde besitze, so lasst uns scheiden. Ich gelobe euch, von dem, was ich sah und hörte, nichts zu entdecken, vom Anfange aller Verhandlungen bis auf den gerührten Abschied, den ich vom edlen Ariel, dem lieben Getreuen, nahm, der, wie ich hoffe und wünsche, im Leben und im Sterben, wenn meine Not am grössten ist, mich nicht verlassen wird. – Bis jetzt glaubte ich (warum soll ich es läugnen?), Gottes Geistesvertraute stimmten sich durch Einfalt des Verstandes und des Herzens zu den grossen Kenntnissen empor, nach denen meine Seele sich sehnte. Wo ich List und Ränke finde, da suche ich nichts; und wenn diese zwei Denuncianten mich so künstlich bei euch anklagen, so verteidigt mich mein Herz natürlich: ich bin unschuldig.

Einer der Richter gebot ihm zu schweigen, und hiess ihn und beide Kläger abtreten. Man klingelte dreimal, und der Ritter erhielt den Befehl, seinen vorigen Platz wieder einzunehmen.

Der Mut, mit dem du dich gegen deine beiden Ankläger verteidigt hast, entscheidet nichts, sagte der Erste des Gerichts; wohl aber der Geist Ariel, der dir in der Stufe nicht gebührt, auf die du dich selbst herabgesetzt hast, ob wir es gleich nicht ungern sehen, dass er dir im Leben und im Sterben, wenn deine Not am grössten wird, beispringe. Sein zeugnis erklärt dich, wo nicht würdig, so doch nicht unwürdig (ein grosser Unterschied!) zur Stufe,