Er fand einen Tisch, wo eine Bibel lag und ein Crucifix stand, an welches sich ein Todtenkopf gelehnt hatte. – Die Offenbarung St. Johannis des Teologen war aufgeschlagen. – über diesem Tisch standen die Worte: S e y g e t r e u bis in den Tod, so will ich dir die K r o n e d e s L e b e n s g e b e n . An der tür, die sich von selbst aufgemacht und zugeworfen hatte, und die der Ritter fest verriegelt fand, las er die Worte: S i e h e , i c h w i l l e i n e n n e u e n Himmel chaffen und eine nene Erde, dass man der vorigen nicht mehr gedenken wird, noch zu Herz e n n e h m e n . Nach einiger Zeit erschien der Alte und wollte wissen, was er gedacht und wozu er sich entschlossen hätte. Der Ritter erwiderte: seine Gedanken und Entschlüsse wären der Lage angemessen gewesen, in die man ihn versetzt hätte. Da der Alte mehr in ihn drang und der Ritter sich näher zu entwikkeln anstand, legte ihm der Greis schriftlich alles dar, was er gedacht hatte: versteht sich mit andern Worten. Der Ritter läugnete nicht. Ich hoffe, fügte er hinzu, bei billig Denkenden und billig Gesinnten Vergebung zu finden. Brach ich durch meine Gedanken und meine Entschlüsse die eingegangene Verpflichtung? Je mehr Vernunft, desto weniger Despotismus. Wahrlich! Vernunft ist das Hauptcapital, womit der Mensch Handel und Wandel treibt, womit er wagt – wenn gleich es auch hier heisst: wagen gewinnt, wagen verliert. Hat nicht die Vernunft, wenn sie durch uns selbst und andere verfälscht und verleitet wird, immer noch einen grossen Ueberschuss der Wonne und des Selbstlohns? Wahr, mein Sohn, sagte der Alte; doch geht es mit ihr ein Haar besser, als mit der Dichtkunst, welcher Plato das Bürgerrecht abschlug? Wenn sie nicht bei der Darstellung der Schönheiten der natur bleibt, sondern Leidenschaften malt oder pinselt: was macht die Dichtkunst aus Menschen? Unmenschen. Doch können, setzte er hinzu, Leidenschaften Engel der Vernunft werden, – so wie sie noch öfter ihre Teufel sind.
Es sei, dass die Vernunftslobrede oder die ausserordentliche Fassung des Ritters dem Alten anstössig war, plötzlich fing er an, wiewohl ohne aus seinem vertraulichen Tone zu kommen: Die vielen Vorbereitungen, denen man dich in andern Ordensverbindungen unterwarf, die indess gegen die unsrige Spielerei sind, rüsten dich mit einer Art von Leichtsinn, der mir missfällt. Auf seine Rechnung gehört der grösste teil von dem, was du dir selbst als vernünftige Fassung unterschiebst. Auch finde ich dich so lauter nicht, als du wähnst und es zu sein dich überredest. Leichtsinn und Fassung sind verschieden, wie Engel und Teufel; und wenn Fassung auf Anspornung des Willens zu edlen Taten wirkt, was wirkt Leichtsinn? Nichts mehr, nichts weniger, als Spinnen, Fliegen und Mükken, wenn sie in speisen fallen und auch die ersten Leckereien ungeniessbar machen. Der Trunkene ist laut; der Berauschte ist fröhlich und guter Dinge; der Besoffene sucht Händel; der Illuminirte guckt in einen optischen Kasten, und sieht in der Zukunft lauter Wunscherfüllung und Planerreichung. – Leichtsinn ist Trunkenheit. – Bin ich dir vielleicht dunkel? Wohlan! du wirst mich völlig verstehen, wenn ich durch T h a t mit dir rede: d i e S p r a c h e d e r G o t t h e i t , auf welche Menschen Anspruch machen, je nachdem sie mehr oder weniger seinem Bilde ähnlich werden. – – Ich bin verbunden, den Geist zu entlassen, der dich bis diesen Augenblick begleitet hat. Der Alte machte einen Kreis in der Luft, in den er den Ritter einschloss, und nun schlug er drei Kreuze auch ins Freie, fiel auf sein Antlitz, küsste dreimal die Erde und sprach: Geist der Geister, der du lebest und regierest von Ewigkeit zu Ewigkeit, dir Lob und Ehre von Zeit zu Zeit, Hallelujah! Ich beschwöre dich, edler Ariel, lieber Getreuer! zum ersten-, ich beschwöre dich zum zweiten- und ich beschwöre dich zum drittenmal, dass du nach drei Minuten dich trennst von dem Menschenkinde, dem du zugeordnet warst Tag und Nacht!
Eine Stille.
Der Ritter fühlte eine Trennung, die ihn äusserst wehmütig machte –! – So ungefähr wird es dir sein, sagte der Alte mit sanfter stimme zum Ritter, indem er ihn bei der Hand nahm, wenn Leib und Seele scheiden. – – Er hauchte ihn an; nnd nun war es dem Ritter wirklich, als wenn eine Hauptkraft von ihm ginge.
Nimm meinen Dank, fuhr der Alte fort, guter Geist, und verzeih ihm alle trübe Stunden, die er dir machte zu Tag und Nacht, und jeden Leichtsinn. Der Ritter, in einer wirklichen Ekstase, reichte dem geist die Hand und sagte mit Tränen: Verzeihe!
Bleib sein Freund, setzte der Alte hinzu, und wenn sein Fuss gleitet, wenn seine Seele nahe ist dem Falle, lass sie nicht sinken und verderben! – Wenn dem Schisslein seiner Schicksale der Untergang droht, bedrohe Wind und Meer, dass es stille werde!
Der Ritter streckte wieder seine Hand aus. – Ich bitte, seufzte er.
Und wenn sein Stündlein kommt, und seine letzten drei, neun