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. Blitz und Donner brachten seine Sinne in Unordnung, und eine hohle, dumpfe stimme erscholl: Ziehe aus deine Schuhe, denn diese Stätte ist heilig! Die Bewegung der Erde machte, dass er unwillkürlich sank; und als ihm etwas wie ins Ohr raunte, ohne dass er das mindeste sah: Was suchst du? und er geantwortet hatte: Menschen, so vernahm er in höchst unharmonischen Stimmen fragweise: Unter Geistern? Eben da, erwiderte der Ritter, weil Eldorado oben oder unten ist. "Was willst du von Geistern lernen?" (wieder eine unharmonische stimme). Leben und sterben. (Ein höhnisches Gelächter liess sich hören.) "Was nennst du leben?" Eine von den Flecken der Unwissenheit und des Lasters gereinigte Seele dem geist der Geister darbringen, näher wissen, was Gott ist und was ich bin, um durch diese Kenntniss zur vollkommenen Tugend zu gelangen, bei einem unsträflichen Wandel bloss mit meinem leib auf Erden und mit meiner Seele im Himmel sein, mich in Gemeinschaft Gottes fühlen und mit Geistern wie mit Freunden umgehen. Das Toben der Elemente legte sich abwechselnd. Jetzt war es ganz still und der Ritter konnte durch die Diogenische Laterne, welche er in der Hand hielt, in tiefer Ferne eine angenehme Dämmerung erblicken, ohne die Wesen näher zu erreichen, die zuweilen stimmenreich und zuweilen durch ein einziges Organ mit ihm sprachen.

Bist du vorbereitet? hiess es. Er erwiderte: Ich bin es. "Was nennst du vorbereitet?" Frei im Gewissen sein und seinen Körper durch Fasten heiligen, um ihn zum Mitgenusse geistiger Seligkeit fähig zu machen. "Bist du frei in deinem Gewissen?" Ich bin es. "Den Schuldigen treffe Tod und Verderben! Wer hier eintritt, gehört nicht zu den Siebzigern, sondern zu den Zwölfen; und wer viel gibt, hat das Recht, viel zu fordern. Bist du bereit zu Aufopferungen?" Ich bin es. "Behältst du dir nichts vor?" Nichts als Sophien, meine Mutter und Rosental.

Bei diesen Worten waren alle Elemente wieder in Bewegung, und eine erschreckliche stimme rief: Rette dich! Der Ritter fiel, da die Erde sich unter seinen Füssen bewegte, und lag fast ohne Besinnung, als der ehrwürdige Alte sich wieder zu ihm fand und ihm eine andere Laterne behändigte, nachdem er das Licht der Diogenischen Laterne, die auf der Erde lag, ausgelöscht und die Laterne zerschlagen hatte. So, sagte er, zerschlug Moses die Gesetztafeln, da er sein Volk auf Knien vor güldenen Kälbern fand. Nur allmählich kam der Ritter zu mehrerem Bewusstsein und merkte, dass er durch einen andern Weg geführt wurde, wo keine sanfte Dämmerung sein Auge, wenn nicht stärkte, so doch zerstreute. – Rings um ihn war Nacht, und die neue Laterne, die man ihm behändigt hatte, strömte bei weitem nicht jenes herrliche Licht, wie die Diogenische. Nach einer stundenlangen Wanderung, während welcher der Alte kein Wort sprach, kamen sie an eine eiserne Tür. Hier klopfte der Alte dreimal drei an und es hiess: Wer ist da? Ein Menschensucher, antwortete der Alte, der noch zu sehr an der Welt hängt, um zum vollen Lichte zu gelangen. "Wird ihn das Fegfeuer läutern und zu höheren Geschäften heiligen? wird er hier vollenden?" liess sich die stimme vernehmen. Ich hoffe es, sagte der Alte; und nun hiess es inwendig: Verlass ihn, wenn du ihn zuvor geblendet hast. Der Alte verband ihm die Augen und gab ihm den Unterricht, sich stille zu halten und auf das, was man ihn fragen würde, klug wie eine Schlange und ohne Falsch, wie eine Taube, in alle Wege so redlich, wie es in seiner Seele vorginge, zu antworten. "Warum sind dir deine Augen verbunden?" erscholl eine stimme. Ich weiss es nicht, sagte der Ritter. "Zum Beweise, erwiderte sie, dass du in dem Verhältnisse, in welches du dich selbst gesetzt hast, weniger erfahren wirst, und zum Zeichen, dass es bloss von deiner Veredlung und Abgeschiedenheit abhängt, weiter zu kommen. Entbinde deine Augen, und hast du dich geprüft, ob du stark genug bist, den schwächeren Grad der Erleuchtung zu ertragen, so klopfe dreimal und es wird dir aufgetan werden." Der Ritter, freilich sehr unzufrieden, aus der paradiesischen Herrlichkeit gestossen und zum zweiten Grade herabgesetzt zu sein, glaubte in seiner Seele keinen Selbstvorwurf zu verdienen, weil er Sophien und seine Mutter nicht verläugnet hatte. Und wenn ich gleich, dachte' er, so wie mein Vater, Rosental im Sterben verlassen muss: wär' es weise, ein irdisches Jerusalem eher aufzugeben, als bis ich mich im Besitz des himmlischen befinde? Auch beruhigte ihn der Gedanke, dass, wenn er den geheimen Bund, von dem er, ausser dem alten mann, noch keinen zu kennen und zu sehen die Ehre gehabt, grösserer Aufopferung würdig fände, er immer noch Zeit und Raum zur Busse behielte. Wer wird alles an einen Faden binden? Der Ritter sah sich, da die nach drei Schlägen von selbst aufgegangene Tür sich von selbst wieder zugemacht hatte, ganz allein in einem schwarz ausgeschlagenem Zimmer. Vergebens forschte er nach der stimme, die sich mit ihm vor den drei Schlägen unterhalten hatte. Wo ist sie hin? rief er, da er auch nicht die mindeste Spur von heimlicher Tür entdecken konnte.