Schwermut, die nichts von jener Dämmerungsannehmlichkeit hat, welche durch Nebenideen von Zukunft und besserer Welt entsteht, sondern aus Traurigkeit über das gegenwärtige Leben und vorzüglich über die Schadenfreude und die Heuchelei so vieler unwürdigen Menschen entspringt. Guter Michael, diese Querstreiche sind dir heilsamer, als es die Erfüllungen deiner Eigendünkel sein würden. Freudenzüge verwöhnen, – Kreuzzüge erziehen. – Wie, wenn du in der V o r b e r e i t u n g wärest?
Nachdem Michael sich mehr aufgerafft als gefasst hatte, freute er sich, des Ritters wegen unschuldig leiden zu können, und würde eben so gern, wie Pytias für Dämon, den Tod übernommen haben. Am liebsten war ihm, dass seine Instruktion ausser aller Gefahr sei, die er sogleich, nachdem er mit dem Welt- und Geistlichen darüber in Streit geriet, vergraben hatte. Was er bedauerte, war, dass ihn sein gefängnis verhindern würde, sie vorschriftsmässig zu eröffnen, und dass diess vielleicht nur zu einer Zeit würde geschehen können, wenn alle hülfe und Rettung für seinen armen Herrn zu spät käme.
Richter! sonst war euer Grundsatz, die Menschen zu ermüden, und wahrlich! ihn langsam um sich selbst und seine Hoffnung bringen, heisst säuberlich mit dem Knaben verfahren und ihn vor Verzweiflung sichern, die in einer Stunde oft mehr Unheil anrichtet, als die Politik in zehn Jahren zu heilen vermag. Richter! sonst waren euch die gesetz behülflich, aus Rechtssachen Karten zu machen, mit denen die Justiz spielte; sonst diente euch der Subtilitätenkram, die Köpfe der Laien zum Schwindel zu bringen, um sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. – Wie? auch das Faktum ist in eurer Hand, um, wenn ihr das Handwerk versteht, aus Teufeln Engel des Lichts, und aus Engeln Teufel zu machen; aus Spinoza's Pietisten und aus Labres Cherub-Aspiranten? – Es gibt ein asiatisches Verfahren mit rationibus dubitandi und decidendi. Wie? gibt es auch einen Hocuspocus, um den Menschen sich selbst zu entwenden, um sein T h u n und L a s s e n so unkenntlich darzustellen, dass er nicht weiss, wie er mit sich dran ist? Hat es mit eurem weltgepriesenen Vorzuge, dass ihr beim historischen Glauben das höchste, das letzte Tribunal seid, und dass ihr bei Tatsachen das Privilegium de non appellando besitzt, keine andere Bewandtniss? – Armer Michael! Schon waren einige Grade der persönlichen Züchtigung mit ihm vorgenommen, und er sah dem neunmal neunten Augenblick standhaft entgegen, da Beschimpfung und Schläge seiner warteten. Das Hauptgeschäft unserer ärzte, die Krankheit zu nähren, um den Tod zu entfernen, ward an ihm erfüllt; die meisten Menschen sterben täglich, um nicht einmal zu sterben. – Armer Michael, so weit ist es mit dir gekommen! Das
§. 117.
Schicksal
seines Herrn war, wenn gleich weniger schimpflich, so doch um keinen Grad leichter. Er sah um drei Uhr Morgens, nachdem er in einer schrecklich finstern Nacht im wald umhergeirrt war, Licht schimmern, und da er sein Auge an dasselbe hielt, so erreichte er eine Hütte, an die er überall neunmal neunmal anklopfen wollte, und nirgends neunmal neunmal anklopfen konnte. Diese Hütte hatte keine Tür, und so war es freilich unmöglich, sie zu finden. Endlich ersie, wiewohl ohne zu wissen, wozu er diesen Strohhalm beim Ertrinken anwenden sollte. Indem er sie ergriff, war es, als hörte er eine leise stimme: ersteige den Eingang. Er setzte die Leiter eben da an, wo er sie gefunden hatte, und erreichte, wie es ihm vorkam, einen hölzernen Verschlag. Froh, eine Stelle gefunden zu haben, um seine neunmal neun Schläge, die ihm in den Fingern juckten, anzubringen, klopfte er, und eine hohle stimme liess sich hören: Wer ist da? "Ein Lichtsucher." Die stimme erwiderte: Hier ist Finsterniss; nur dem schimmert hier Licht, der inneres Licht mitbringt. Hast du Licht in dir gesehen?
Beim Worte "Ja" sprang dieser, dem äusserlichen Gefühl nach bloss hölzerne Verschlag mit einem Gerassel auf, als wenn hundert Ketten rissen und eiserne Pforten in ihren Angeln bewegt würden. Da stand nun der Ritter, wie er im Schimmerlichte sah, an einer Höhle, die man ihm hinabzusteigen gebot. Es schien ihm ein Abgrund; und doch stieg er getrost und fühlte endlich Boden. Ein alter ehrwürdiger Greis, mit schneeweissem Haar, hielt ihm eine kleine Laterne mit der Rechten vors Gesicht. Er fragte ihn, indem er mit der Linken noch eine tiefere Höhle zeigte: Ja? oder Nein? Auf die entschlossene Antwort: Ja, gab er ihm die Laterne mit den Worten: Nimm hin, suche Menschen! Glaubst du, sie zu finden? "Ich glaube," antwortete der Ritter. Dein Glaube helfe dir, sagte der Alte; gehe hin in Frieden und Gott behüte deinen Eingang und Ausgang von nun an bis in E w i g k e i t ! – Bei diesen Worten verschwand der Alte, indem neben an die Erde sich auftat und das letzte Wort E w i g k e i t dem Ritter schon wie ein Echo vorkam. Der Ritter stieg wieder getrost eine Menge Stufen hinab, bis er an eine eiserne Tür kam, die sich von selbst auftat. Hier schwankte die Erde, auf der er stand; ihm war, als hörte er Meereswogen und Stürme heulen