1793_Hippel_038_155.txt

und zu v i e l e m , was meine eigene person betrifft, – die keinen etwas angeht; – Gründe genug zu meiner Bitte, den Beklagten sogleich in Arrestationsstand zu setzen. Da Michael sich selbst so tief vergessen hatte, dass er von den Worten: Ach mein armer Herr! so wenig als Jesus vor Jerusalems Mauern vom W e h e ablassen konnte; so sprang Kläger ab, und behauptete: Michael habe entweder seinen Verstand wirklich verloren, ober er schlage das Bubenstück ein, diese Rolle zu spielen. In beiden Fällen trug er auf Untersuchung und persönliche Haft an. Was zu tun? dachte Michael, und machte sich wegen seiner Schwatzhaftigkeit, dieser niedrigsten aller Leidenschaften, mittelst deren mal ohne Gewinnst von dreissig Silberlingen verrät, die bittersten Vorwürfe. – Freilich, Michael! hättest du an die letzten Reden deines Herrn und an den Vogel Gamaliels gedacht, die Grube wäre bei weitem so tief nicht geworden, als du sie dir selbst gegraben hast. So wie wir oft denen begegnen, an die wir unwillkürlich dachten: so wie zufällig Gedanken in uns entstehen, ehe wir absichtlich über eine Sache meditiren; so bereitet der Mensch sich Leiden vor, – um dabei weise zu werben. Ueberzeugt, es könne nur die Unschuld in Lagen von einer solchen schrecklichen Art fallen, glaubte Michael zu seiner Ehre, auch die allerschrecklichste sei nicht schrecklich genug, den Menschen seiner Bestimmung unwert zu machen und ihn zu entwürdigen. – Ich bin, so war ungefähr seine Exception, weder unsinnig, noch ist mir das Schelmstück eingefallen, mich so zu stellen; doch gibt es Fälle, in denen der Verstand sich auf eine Art zeigt, dass man in die Versuchung geraten könnte zu wünschen, man hätte keinen; oder Fälle, wo jemand, der den Verstand nicht verliert, keinen zu verlieren hat. Die leichte natürliche Art, womit der Kläger die unzubescheltendsten Umstände eines Vorgangs benutzt, zeigt seine Anlage, Interesse in die gemeinste Sache zu bringen und durch Feinheit und anschauliche Harmonie den gewöhnlichsten Dingen zu einer wirkung zu verhelfen, welche Teilnahme, ohne ihrer wert zu sein, nicht erbittet, sondern fordertnicht erfleht, sondern erzwingt. Entkünstelt und entkleidet man die Klage; ist wohl das, was der Kläger will, dem, warum er es will, angemessen? Er verliert einen Brief von ungefähr, oder mit Fleiss. – Wenn ich den Ort, wo ich ihn fand, in Erwägung ziehe, ist es fast zweifellos, er wollte ihn verlieren. Frei bekenn' ich, den Inhalt des Briefes nicht verstanden zu haben. Auch habe ich Ursache zu befürchten, mein Herr sei nicht glücklicher gewesen als ich. Stand der Name des Klägers auf diesem Briefe? War ich gebunden, unter A e i o u den G e i s t - und W e l t l i c h e n zu suchen und zu finden, Hieroglyphen zu enträtseln? Wunderdinge zu entwundern? Gab mir nicht diese auf List und Trug auslaufende Manier vielmehr das Recht, mit diesem Zettel zu machen, was ich wollte? Aus den fünf Vokalen lässt sich auf einen geheimen Staatsfiskal nicht schliessen, obwohl ich den Vokalen hierdurch nicht zu nahe getreten haben will, mit denen ich es gewisser Ursache halber nicht verderben mag. Hätt' ich den Brief zerrissen, wär' es ein Mord gewesen? Doch scheint es, mein Herr und ich werden auf Mord angeklagt. Ich glaube nicht, Kläger könne läugnen zu wissen, wo mein Herr sich befindet. Ich aber, das weiss Gott am besten, weiss es so wenig in dem geheimsten inneren meiner Seele, dass ich meine Angabe, es nicht zu wissen, tausendmal beschwören kann. Nur wenn der Tod meines armen Herrn bekannt geworden, und selbst dann nicht, könnte man diese Gewalttätigkeit an seinen Sachen sich erlauben, wenn man nicht heilige Rechte des Eigentums aufheben will. Mein Herr ist ein Mann von Ehre und Nachdruck, seine Mutter eine der ersten Damen in – – –. Ohne an ihre herrlichen Güter und an das irdische und himmlische Jerusalem zu denken, das sie in Rissen besitzt, hat sie grosse Freunde und Beschützer. Mein Herr ist ihr einziger Erbe. Er sollte entlaufen; er, der nichts auf seinem Gewissen hat, und dessen Umstände so vorteilhaft stud, dass er noch mehr als neunmal neun Receptionen zu bezahlen vermag, wenn er sein Geld in der Art anlegen will, worüber, wenn er's wollte, niemand als Gott und sein Gewissen ihn zur Verantwortung ziehen kann? Dass Geheimnisse auch hier zu land nicht confiscirt sind, beweiset selbst der Inhalt des briefes, welcher diese Klage veranlasst. Wahrlich er war das Geheimste, was mir je vorgekommen ist: ob ich gleich entfernt bin abzuläugnen, dass auch ich ein Kunstverständiger in Geheimnissen zu sein die Ehre habe. – Die Frauenzimmer, die mein Herr und ich verehren, sind die edelsten und tugendhaftesten auf Gottes Erdboden. Wollte Gott, sie suchten uns auf! Nicht bloss den Löwenwirt, man vernehme die ganze Welt, und mein Herr wird als der bravste Kavalier vor Gott und Menschen erscheinen. Im engsten Zutrauen erzählte ich dem Kläger, dass mein Herr Dolch und Pistolen mitgenommen hätte. Gott wolle nicht, dass er sie so nötig hat, als ich meine ganze Besinnung bei Dolch und Pistolen dieser Klage! Wäre der Vokalbrief ein Wechsel, der dem hochseligen Herrn, als er zum Ritter geschlagen ward, so viel